„Welche Rücklagen?“ fragte Katharina beherrscht, nachdem Thomas angekündigt hatte, die Ersparnisse ihrem Sohn für ein Studio zu geben

Diese dreiste, herzlose Entscheidung wirkt zutiefst ungerecht.
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„Katharina, Andrea und ich haben eben darüber gesprochen und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Rücklagen von meinem Prämienkonto Noah für den Kauf eines kleinen Studios bekommen soll“, sagte Thomas Meier in gutmütigem Ton, während er geschickt ein Stück marinierten Heilbutt mit der Gabel aufnahm. „Der Junge ist zweiundzwanzig. Es wird Zeit, dass er sich von seiner Mutter löst und sein eigenes Leben beginnt.“

Katharina Beck erstarrte, die kristallene Salatschüssel noch in den Händen. Der festlich gedeckte Tisch im großen Wohnzimmer, arrangiert zu Thomas’ sechsundvierzigstem Geburtstag, bog sich unter den Speisen. Zwei Tage lang hatte sie in der Küche gestanden: Ente mit Äpfeln und Preiselbeersoße gebraten, aufwendige Schichtsalate geschnitten, eine mehrstöckige Napoleon-Torte gebacken und dafür hauchdünne Böden ausgerollt, bis ihr die Schultern schmerzten. Sie war so erschöpft, dass sie kaum noch schmeckte, was sie aß, zwang sich aber, den Gästen freundlich zuzulächeln. Viele waren es ohnehin nicht: nur Thomas’ ältere Schwester Andrea Winter und deren längst erwachsener Sohn Noah Hartmann, der den ganzen Abend kaum den Blick vom Smartphone hob.

„Welche Rücklagen?“, fragte Katharina beherrscht und stellte die Schüssel vorsichtig auf die Tischdecke. „Meinst du die fünfundvierzigtausend Euro, die wir drei Jahre lang für ein Haus im Grünen zurückgelegt haben?“

„Ach, Katharina, warum musst du alles gleich so kleinlich und materiell sehen?“ Thomas verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen, und tupfte sich die Lippen mit der Leinenserviette ab. „Das Landhaus läuft uns nicht davon. Uns geht es in der Stadt doch ausgezeichnet. Aber bei dem Jungen ist die Lage wirklich schwierig. Andrea kann nicht ewig mit ihm in derselben Zweizimmerwohnung sitzen. Noah braucht einen eigenen Raum, um endlich durchzustarten. Wir sind Familie, da hilft man einander. Außerdem liegt das Geld auf meinem Konto, also darf ich auch entscheiden, wie es zum Wohl der Familie eingesetzt wird.“

Andrea, die ihm gegenübersaß, lächelte selbstgefällig und griff nach einem weiteren Stück Ente. Sie ging auf die fünfzig zu, hatte es nie länger als drei Monate an einer Arbeitsstelle ausgehalten und beklagte sich ständig über Migräne, schlechte Luft und die Ungerechtigkeit des Schicksals.

„Katharinchen, du bist doch bei uns die erfolgreiche Geschäftsfrau, du verdienst das wieder“, säuselte die Schwägerin mit honigsüßer Stimme. „Du hast deine eigene Firma, wohlhabende Kunden. Und Thomas muss sich schließlich um seinen Neffen kümmern. In dem Alter braucht ein junger Mann einen Ort, an den er auch mal ein Mädchen mitbringen kann.“

Katharina sah zu Noah hinüber. Der „Junge“ in den teuren Markensneakern, die übrigens sie ihm im vergangenen Jahr zu Neujahr bezahlt hatte, kaute träge auf einem Salatblatt herum, ohne auch nur die Augen zu heben.

In Katharinas Brust breitete sich eine kalte, schwere Starre aus. Sie war dreiundvierzig Jahre alt. Fünfzehn Jahre davon hatte sie gearbeitet, als liefe sie in einem endlosen Überlebensmarathon. Katharina war Wirtschaftsprüferin und Inhaberin einer kleinen Agentur für ausgelagerte Buchhaltung. Sie betreute die Finanzen von einem Dutzend Unternehmen: Baufirmen, Restaurants, medizinischen Zentren. Ihre Arbeitstage bestanden aus endlosen Abstimmungsprotokollen, Steuererklärungen, Auseinandersetzungen mit Sachbearbeitern, der Freischaltung gesperrter Geschäftskonten und schlaflosen Nächten, sobald die Jahresabschlüsse fällig wurden. Vom dauernden Starren auf den Bildschirm hatte ihre Sehkraft nachgelassen, und die Schmerzen in der Halswirbelsäule waren zu einem ständigen Begleiter geworden.

Thomas hingegen bezeichnete sich als unabhängigen Business-Tracker und Berater für strategische Entwicklung. In Wirklichkeit bedeutete das, dass er bis elf Uhr vormittags schlief, danach ausgiebig mit teuren Duschgels duschte, sich Kaffee im Pour-over zubereitete und anschließend lange Beiträge in den sozialen Netzwerken über Delegation, Wachstum und den wahren Weg zum Erfolg schrieb. Hin und wieder tauchten zufällige Kunden auf, die ihm für seine weitschweifigen Ratschläge lächerlich geringe Beträge zahlten. Die finanzielle Last der Familie ruhte vollständig auf Katharinas Schultern.

Sie allein hatte die Hypothek für ihre Dreizimmerwohnung abbezahlt und dabei jeden Euro dreimal umgedreht. Sie kaufte Lebensmittel, überwies die Nebenkosten, zahlte Benzin und Versicherungen für beide Autos. Thomas dagegen liebte einen gepflegten, kostspieligen Lebensstil: Er kaufte Käse vom Bauernhof und gönnte sich gern Dinge, die nach Luxus klangen.

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