Er hatte damals noch hinzugefügt, er brauche Geld, und sie komme ihm mit irgendwelchen Kursen. Zwei Wochen später war dieses Projekt endgültig gescheitert.
Am Abend hielt Paula Neumann ihr schweigend das Handy hin. Ben hatte ein Foto in einem sozialen Netzwerk veröffentlicht: Er saß in einem Restaurant an einer langen Tafel, gedeckt für zwanzig Personen, ein Glas Sekt in der Hand. Darunter stand: „Das Leben ist gelungen. Endlich frei und reich.“
Anna gab Paula das Telefon zurück. Sie sagte kein Wort.
Acht Tage später lag ein Schreiben des Notars im Briefkasten. „Dringendes Erscheinen in der Erbschaftsangelegenheit des verstorbenen Otto Braun. Morgen, zehn Uhr.“
Anna kam in einem schlichten, dunklen Kostüm. Der Notar öffnete die Tür zu seinem Büro. Und dort, neben dem Fenster, saß Otto Braun. Lebendig.
„Setz dich, Anna.“
Sie blieb wie angewurzelt stehen.
„Aber Sie…“
„Ich bin nirgends hingegangen“, sagte er ruhig. „Ich wollte meinen Enkel prüfen. Also habe ich das Gerücht über mein Ableben und die Erbschaft streuen lassen. Ich wollte sehen, was er daraus macht.“
Anna ließ sich auf den Stuhl sinken. Ihre Beine fühlten sich an, als gehörten sie nicht mehr zu ihr.
„Er hat sich schneller verraten, als ich gedacht hatte“, fuhr Otto Braun fort, mit einer Stimme, in der kein Zorn lag, nur bittere Klarheit. „Drei Tage vorher rief er mich an. Er fragte, wann ich ihm endlich den Weg freimachen würde. Er sagte, seine Frau sei Ballast. Und dass er nur auf das Geld warte, um endlich richtig leben zu können.“
Anna schwieg.
„Ich habe dich nur ein einziges Mal gesehen“, sagte der alte Mann. „Vor neun Jahren, bei einer Feier bei Nachbarn. Du hast einer fremden alten Frau geholfen, ihre Taschen bis zur Haustür zu tragen. Ben saß derweil da und erzählte allen, was für ein großer Unternehmer er sei. Du hast nichts dazu gesagt. Später hatte er zu viel Korn getrunken und begann, sich aufzuspielen. Du hast ihn leise hinausgebracht, ohne Szene, ohne Vorwürfe. Das habe ich mir gemerkt.“
Otto Braun zog eine Schublade auf und nahm eine Mappe heraus.
„In meinem Testament gibt es eine Klausel. Alt, vor etwa zwanzig Jahren aufgesetzt. Sollte der Erbe menschlich versagen, fällt alles an die Person, die ich in einem gesonderten Schreiben benenne. Dieses Schreiben habe ich vor neun Jahren geändert. Ich habe deinen Namen eingetragen.“
Er legte die Mappe vor sie auf den Tisch.
„Alles gehört nun dir. Wohnungen, Konten, Grundstücke. Ben bekommt nichts.“
Anna hob langsam den Blick.
„Warum ich?“
„Weil du meinen Tod nie herbeigesehnt hast. Du hast nicht einmal an mein Vermögen gedacht. Ben dagegen hat gewartet. Und dabei gezeigt, wer er wirklich ist.“
Um zwei Uhr nachmittags klingelte bei Ben das Telefon. Ein höflicher Mann aus dem Autohaus teilte ihm mit, der Kauf könne nicht abgeschlossen werden, die Karte werde abgelehnt.
„Wie bitte, abgelehnt? Da sind fünf Millionen Euro drauf!“
„Herr Mayer, das Konto wurde auf Anweisung des Eigentümers der Erbmasse gesperrt.“
„Ich bin der Eigentümer!“
„Nein“, sagte die Stimme. „Das sind Sie nicht mehr.“
Ben schleuderte das Telefon beinahe von sich. Dann wählte er Otto Brauns Nummer. Nicht erreichbar. Er bestellte ein Taxi, bezahlte mit dem letzten Geld, das noch auf seiner Karte verfügbar war, und raste zum Notariat.
Dort erklärte man ihm alles in weniger als drei Minuten. Die Bedingung im Testament. Die Prüfung. Sein Scheitern. Anna Schmitt sei nun die alleinige Erbin.
„Wollen Sie mich veralbern? Diese graue Maus?“
Der Notar sah ihn kühl an.
„Verlassen Sie bitte mein Büro. Andernfalls rufe ich den Sicherheitsdienst.“
Ben stolperte hinaus auf die Straße. Die Häuser, die Autos, die Menschen verschwammen vor seinen Augen. Der neue Mantel fühlte sich plötzlich fremd an. Die Uhr an seinem Handgelenk war auf einmal schwer, lächerlich, überflüssig. Er dachte an das Festessen vom Vorabend. Wie viel hatte er ausgegeben? Alles auf Kredit, alles auf das Versprechen einer Erbschaft hin.
Dann fielen ihm der bestellte Wagen ein. Die Anzüge. Das Restaurant, in dem er hatte anschreiben lassen.
Das Handy klingelte erneut. Diesmal war es das Restaurant. Man verlangte die Anzahlung für das Bankett.
„Ich habe im Moment nicht…“
„Dann leiten wir rechtliche Schritte ein.“
Die Verbindung wurde beendet.
Ben kehrte in die Wohnung zurück. Sie war leer. Anna hatte nur ihre eigenen Sachen mitgenommen.
