Das Handy vibrierte, während Anna Schmitt einem jungen Paar gerade die Bedingungen für einen Kredit erläuterte. Auf dem Display leuchtete nur ein Wort: „Zuhause“. Sie entschuldigte sich, trat zum Fenster und nahm ab.
„Hör mir jetzt gut zu“, sagte Ben Mayer. Seine Stimme klang so fremd, dass Anna ihn im ersten Moment kaum erkannte. „Opa Otto Braun ist gestorben. Er hat mir alles hinterlassen. Ich habe eben ein Vermögen geerbt — fünf Millionen Euro. Pack deine Sachen. Heute Abend will ich dich nicht mehr in der Wohnung sehen.“
Anna umklammerte das Telefon fester.
„Was redest du da?“
„Davon, dass du nicht länger meine Frau bist. Vor zwei Stunden habe ich die Scheidung eingereicht. Du passt nicht mehr in mein Leben. Hast du das verstanden?“

„Ben, wir sind seit zwanzig Jahren…“
„Eben. Zwanzig Jahre lang hast du mich mit deiner Vernunft nach unten gezogen. Damit ist jetzt Schluss. Ich bin frei.“
Die Verbindung brach ab. Anna blieb am Fenster stehen und starrte hinunter in den grauen Innenhof. Dann kehrte sie zu dem Paar zurück, setzte ein höfliches Lächeln auf und brachte die Unterlagen zur Unterschrift. Erst als sie später die Bank verließ, begannen ihre Hände zu zittern.
Ben stand mitten im Wohnzimmer, in einem neuen Mantel. An seinem Handgelenk glänzte eine Uhr, die am Morgen noch nicht dort gewesen war. Sogar seine Haltung hatte sich verändert: breite Schultern, erhobenes Kinn, als wäre er über Nacht ein anderer Mensch geworden.
„Was machst du noch hier? Ich habe gesagt, du sollst packen.“
Anna stellte ihre Tasche langsam auf den Boden.
„Woher hast du Geld für all das?“
„Die Bank hat mir einen Vorschuss auf das Erbe gegeben. Ab jetzt kann ich mir alles erlauben.“
Er warf eine Mappe auf den Tisch. Die Blätter rutschten heraus und verteilten sich über die Platte.
„Hier. Vermögensaufteilung. Das unterschreibst du sofort. Für ein Zimmer irgendwo wird es reichen. Verhungern wirst du schon nicht.“
Anna nahm das oberste Blatt. Die Wohnung sollte an ihn gehen. Die Ersparnisse wurden zwar geteilt, doch ihr Anteil war lächerlich gering — weniger, als sie in seinen letzten Laden gesteckt hatte, der nach einem Monat wieder geschlossen worden war.
„Ich habe dich jedes Mal aus dem Dreck gezogen.“
„Hat dich niemand darum gebeten.“ Ben lachte kurz und hart. „Du hast dich immer selbst eingemischt, mit deinen Ratschlägen, deinen Tabellen, deinen Berechnungen. Weißt du, was meine Freunde über dich gesagt haben? Dass meine Frau wie eine Buchhalterin sei. Langweilig. Farblos.“
„Ich habe gearbeitet, damit wir überhaupt über die Runden kommen.“
„Genau das war ja das Problem. Wir haben nur überlebt. Man hätte leben müssen. Aber das kannst du nicht. Du kannst nur jeden Cent umdrehen und allen die Laune verderben.“
Er ging zur Wohnungstür und riss sie auf.
„Raus. Ich brauche eine andere Frau. Eine schöne. Eine interessante. Eine, für die ich mich nicht schämen muss.“
Anna nahm den Koffer, den sie bereits vorher aus dem Schrank geholt hatte. Ohne ein weiteres Wort ging sie an ihm vorbei. Erst an der Tür blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um.
„Und wenn das Geld doch nicht kommt?“
„Es kommt. Fünf Millionen Euro, du Närrin. Das reicht für immer.“
Sie trat hinaus. Hinter ihr fiel die Tür krachend ins Schloss.
Ihre Schwester Paula Neumann öffnete wenig später, sah den Koffer und zog Anna wortlos in die Wohnung. Sie führte sie zum Sofa und brachte ihr ein Glas Wasser.
„Er hat dich rausgeworfen?“
„Ja.“ Annas Stimme klang leer. „Er sagt, er habe von seinem Großvater ein Vermögen geerbt. Und ich würde nicht mehr zu ihm passen.“
Paula zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch zum gekippten Fenster hinaus.
„Und was machst du jetzt?“
„Ich weiß es nicht.“
Anna legte sich aufs Sofa. Die Decke über ihr war weiß, mitten hindurch zog sich ein feiner Riss. Sie starrte darauf und dachte, dass zwanzig Jahre einfach aufgehört hatten. So wie Milch in einer Packung endet: Man öffnet sie, und innen ist nichts mehr.
In dieser Nacht schlief sie nicht. Sie lag mit offenen Augen da, bis der Morgen kam. Dann stand sie auf, wusch sich das Gesicht und ging zur Arbeit. Die Kollegen sahen sie mitleidig an; irgendjemand wusste offenbar bereits Bescheid. In einer kleinen Stadt verbreiten sich solche Nachrichten schneller, als einem lieb ist.
In der Mittagspause meldete Anna sich für einen Auditorenkurs an — genau für den, den sie schon vor vier Jahren hatte besuchen wollen. Damals hatte Ben sie angefahren: „Bist du völlig verrückt? Mein Projekt steht in Flammen.“
