„sie werde künftig mit niemandem mehr irgendetwas abstimmen“ sagte Sophie kalt und schob den jammernden Mann beiseite

Kalte Verachtung trifft erbärmliche, unkontrollierbare Wut.
Geschichten

Sie sollten Mitleid bei ihr wecken. Plötzlich hieß es, ihre Herzlosigkeit werde die Enkel treffen: Die Jungen müssten ihre teuren Zusatzkurse aufgeben, könnten die angesehene Privatschule nicht mehr besuchen. Lukas Bauer und Julia Baumann würden gezwungen sein, ihre glänzenden Wagen zu verkaufen und mit ihren Familien in irgendeinen billigen Vorort zu ziehen.

Sophie Meier zuckte nur mit den Schultern.

— Im Leben verliert man manchmal mehr, als einem lieb ist, — sagte sie ohne jede Regung. — Ihr werdet euch eben daran gewöhnen müssen.

Greta Koch und Leon Schmitt setzten an, ebenfalls etwas zu sagen, doch Sophie fuhr so scharf dazwischen, dass beide unwillkürlich die Köpfe einzogen. Ihre Stimme ließ keinen Widerspruch mehr zu. Sie verlangte, dass alle auf der Stelle ihre Wohnung verließen. Als Markus Fuchs verwirrt fragte, was denn nun mit ihm sei, sah seine Frau ihn an, als stünde dort ein fremder, vollkommen bedeutungsloser Mensch.

— Gerade du bist als Erster gemeint, — schnitt sie ihm das Wort ab. — Raus.

Der Dominoeffekt

Erstaunlich rasch rückte das Leben danach alles zurecht. Bei Sophie tauchten beträchtliche Unternehmensanteile auf, die sie schon in jungen Jahren von ihrem früheren Betrieb erhalten hatte. Die Ausschüttungen reichten mehr als aus, um komfortabel in einem vornehmen Haus zu leben, einen Gärtner zu beschäftigen und sich nicht länger um fremde Rechnungen zu kümmern.

Das sorgfältig aufgebaute Wohlstandsgebäude ihrer Nutznießer dagegen brach in kürzester Zeit zusammen.

Andrea Krause und Matthias Lehmann mussten ihre Wohnung Hals über Kopf verkaufen. Nachdem die Bank ihr Geld bekommen hatte, blieb von dem Erlös der luxuriösen Immobilie gerade genug übrig, um eine enge Einzimmerwohnung ganz am Rand der Region zu bezahlen.

Auch Sophies eigene Kinder kamen mit der neuen Wirklichkeit nicht zurecht. Ohne die regelmäßigen Zuwendungen der Mutter konnte Lukas Bauer seine anspruchsvolle Frau nicht mehr halten. Greta Koch packte ihre Koffer und verschwand mit einem anderen Mann nach Kiel. Zurück ließ sie Lukas allein mit seinem achtjährigen Sohn.

Bei Julia Baumann lief es kaum anders. Leon Schmitt löste sich in Luft auf, sobald ihm klar wurde, dass die großzügige Geldquelle seiner Schwiegermutter endgültig versiegt war. Mit einer neuen Begleiterin setzte er sich nach Oberstdorf ab. Die Enkel besuchen inzwischen gewöhnliche staatliche Schulen in der Nähe ihrer Wohnungen.

Und Markus Fuchs? Die neunzehnjährige Elisa Bergmann hielt Wort. An dem Tag, an dem sie begriff, dass ihr großzügiger Gönner weder Geld noch Auto zu bieten hatte, strich sie ihn ohne Zögern aus ihrem Leben. Der Mann, der sich eben noch wie ein Herr über alle anderen aufgeführt hatte, lebt nun mit seinen betagten Eltern in einer winzigen Wohnung und hält sich mit einem mageren Gehalt im öffentlichen Dienst über Wasser.

Sophie reichte nicht einmal die Scheidung ein. Wozu auch? Die Kölner Stadtwohnung gehörte ihr bereits vor der Ehe, die Aktien ebenfalls, und das neue Landhaus hatte sie vorsorglich auf ihre beste Freundin eintragen lassen. Vor Gericht gäbe es für Markus Fuchs schlicht nichts zu holen.

Sie entfernte diese Menschen einfach aus ihrem Alltag. Jetzt atmet sie saubere Luft, kümmert sich um sich selbst und sieht aus sicherer Entfernung zu, wie ihre frühere Familie in genau jenen Umständen strampelt, die sie sich selbst geschaffen hat.

Manchmal kommt ihr der Gedanke, dass sie Lukas Bauer und Julia Baumann helfen könnte, ordentliche Arbeitsstellen zu finden. Sie könnte es tatsächlich. Wenn sie vor ihr stünden, ihr offen in die Augen blickten und ehrlich um Verzeihung für ihren Verrat bäten.

Doch Stolz und Habgier halten sie von ihrer Tür fern. Sophie wartet nicht. Sie hat keine Eile mehr. Nichts drängt sie noch.

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