„sie werde künftig mit niemandem mehr irgendetwas abstimmen“ sagte Sophie kalt und schob den jammernden Mann beiseite

Kalte Verachtung trifft erbärmliche, unkontrollierbare Wut.
Geschichten

Dort bauten sie sich um das Sofa herum auf und verlangten durcheinander eine Erklärung. Sophie Meier atmete nur müde aus. Sie griff zur Fernbedienung, schaltete den Fernseher aus, ließ sich langsam nieder und sah der Reihe nach in die Gesichter ihrer großen Familie. Dann sagte sie mit einer Ruhe, die unheimlicher war als jeder Schrei, etwas, worauf niemand vorbereitet gewesen war.

Sie verabscheue sie alle, sagte sie. Jeden Einzelnen.

Andrea Krause riss theatralisch die Hände an die Brust und stieß einen beleidigten Laut aus. Wie könne Sophie so etwas zu ihren Nächsten sagen? Was hätten sie ihr denn getan?

Da erzählte Sophie, ohne Zittern in der Stimme und ohne eine Spur von Hysterie, was vor zwei Monaten geschehen war.

Sie war nach der Arbeit auf dem Heimweg gewesen und an einem teuren Restaurant mit großen Glasfronten vorbeigekommen. Durch die Scheibe hatte sie zufällig Markus Fuchs entdeckt. Er saß nicht allein am Tisch. Neben ihm befand sich eine junge Frau, und Markus sah sie mit einem Blick an, den Sophie seit vielleicht zwanzig Jahren nicht mehr von ihm bekommen hatte. Sophie war hineingegangen, hatte sich unauffällig ein Stück entfernt gesetzt und nach wenigen Minuten begriffen, was dort vor sich ging.

Doch dieser Anblick war nicht einmal das Schlimmste gewesen. Sie hatte keine Szene gemacht, nicht dort, nicht vor allen Leuten. Stattdessen beauftragte sie einen Privatdetektiv. Und was sie dadurch erfuhr, brannte die letzten Reste von Zuneigung endgültig aus ihrem Herzen.

Von Elisa Bergmann hatten nämlich alle gewusst.

Andrea Krause wusste Bescheid. Matthias Lehmann wusste Bescheid. Auch die Schwiegertochter und der Schwiegersohn waren eingeweiht. Und das Grausamste daran: Sogar ihre beiden leiblichen Kinder, Lukas Bauer und Julia Baumann, hatten es gewusst.

Die ganze Familie hatte Sophie freundlich angelächelt, dicke Geldbündel von ihr angenommen, auf ihre Kosten Urlaub gemacht und hinter ihrem Rücken Markus’ Affäre gedeckt. Kein einziger Mensch hatte ihr die Wahrheit gesagt. Nicht einer. Andrea Krause hatte die Liebschaft ihres Sohnes sogar gutgeheißen: Der Junge brauche eben ein bisschen Freude, hatte sie gemeint, schließlich werde er von seiner herrischen Frau müde gemacht. Und die Kinder hatten geschwiegen, weil sie Angst hatten, ihre Mutter würde bei einer Scheidung den bodenlosen Geldhahn zudrehen.

Genau deshalb hatte Sophie ihr Traumhaus nicht irgendwo gekauft, sondern ausgerechnet in jener Kleingarten- und Wochenendsiedlung, in die ihre Schwiegermutter immer fuhr. Andrea sollte die Villa als Erste sehen. Sie sollte vor Neid beinahe keine Luft mehr bekommen.

Im Wohnzimmer wurde es so still, dass man das Ticken der Wanduhr deutlich hören konnte. Als Erste fand Andrea Krause ihre Fassung wieder. Sie begriff sofort, dass die Lage gefährlich wurde, und wechselte innerhalb eines Augenblicks von Empörung zu schmeichelnder Sanftmut. Sie nickte eifrig, redete Sophie gut zu und versprach, man werde alles in Ordnung bringen. Markus werde Elisa noch heute verlassen, schwor sie, und nie wieder auch nur einen Finger nach ihr ausstrecken. Markus Fuchs selbst, der spürte, wie ihm Millionen zwischen den Händen zerrannen, nickte verzweifelt.

Er überschüttete seine Frau mit Entschuldigungen. Stammelnd erklärte er, er sei für den Erhalt der Familie bereit, dieses „jugendliche Versehen“ sofort zu opfern.

Sophie verzog nur kühl den Mund.

„Ich würde es mir nie anmaßen, meinem Mann ein derart großes Glück zu nehmen.“

Als klar wurde, dass sie auf diese Weise nicht weichzuklopfen war, fuhr die Familie schwerere Geschütze auf. Matthias Lehmann erinnerte sie an die luxuriöse Wohnung mitten in Köln. Die hätten sie doch mit einer Hypothek gekauft, und das bei einer lächerlich kleinen Anzahlung. Zehn Jahre müssten sie noch zahlen. Wenn Sophie kein Geld mehr gebe, stünden die Alten auf der Straße.

Sophie gähnte und erwiderte, es sei ihr vollkommen gleichgültig, selbst wenn sie bei zwanzig Grad Frost draußen landen würden.

Da wurden die Kinder nach vorn geschickt. Lukas Bauer und Julia Baumann schoben die kleinen Noah Meier und Felix Weiß zu ihrer Großmutter vor.

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