Ihr Einkommen war nicht einfach gut, es war gewaltig. Von genau diesem Geld lebte Markus Fuchs, ein eher bescheidener wissenschaftlicher Mitarbeiter, sein bequemes, glänzendes Leben. Nur dank seiner Frau konnte er sich alle drei Jahre ein neues Auto leisten, teure Anzüge tragen, in guten Restaurants essen und regelmäßig dicke Umschläge für seine „kleinen persönlichen Ausgaben“ einstecken.
Auch die Hypothek für die riesige Vierzimmerwohnung im Zentrum von Köln, die seine Eltern vor einem Jahr aufgenommen hatten, wurde von Sophie Meier bezahlt. Jeden Monat überwies sie beträchtliche Beträge an die erwachsenen Kinder: Sohn Lukas Bauer bekam Geld für Skiurlaube, Tochter Julia Baumann für Reisen ans Meer, Schwiegertochter und Schwiegersohn für Markenkleidung und Privatschulen der Enkel.
Achtundzwanzig Jahre lang hatte Sophie gearbeitet, verdient und verteilt. Markus Fuchs dagegen gab sein eigenes Gehalt ausschließlich für sich selbst aus.
Das neunzehnjährige Problem
Als Markus Fuchs von seiner Mutter erfuhr, dass seine Frau gekündigt hatte, begriff er sofort: Sein sattes, angenehmes Dasein hing plötzlich über einem Abgrund. Ohne zu zögern wählte er die Nummer von Elisa Bergmann.
Elisa war neunzehn. Markus traf sie schon seit längerer Zeit, schwor ihr regelmäßig glühende Liebe und überhäufte sie mit Geschenken, die er vom Geld seiner Ehefrau bezahlte. Hastig erklärte er ihr, dass sie sich an diesem Abend nicht sehen könnten, weil zu Hause dringende Schwierigkeiten aufgetaucht seien. Am anderen Ende der Leitung wurde ihre Stimme sofort kalt und beleidigt.
Elisa Bergmann sagte spitz, wenn ein fünfzigjähriger alter Mann Wichtigeres zu tun habe als sie, finde sie im Handumdrehen Ersatz. Bewerber gebe es genug. Dann legte sie auf.
Markus Fuchs blieb schweißnass stehen. Er wusste genau: Elisa bluffte nicht. Ohne Sophies Geld würde er seine junge Geliebte nicht länger aushalten können. Eine echte Wahl zwischen Ehefrau und jugendlicher Leidenschaft gab es gar nicht. Eine Geliebte war natürlich etwas Schönes. Doch ernährt, gekleidet und versorgt hatte Markus stets seine rechtmäßige Frau. Also musste er so schnell wie möglich nach Hause und seine wichtigste Geldquelle retten.
Unterwegs hoffte er verzweifelt, seine Mutter habe sich geirrt. Was für ein Anwesen? Welche Kündigung? Konnte Sophie denn überhaupt solche Entscheidungen treffen, ohne ihn einzuweihen?
Doch Sophie bestätigte nicht nur jedes Gerücht, sie brachte ihm obendrein beinahe die Nase zum Brechen.
Familienrat zur Rettung des Geldbeutels
Mit geschwollener Nase saß Markus Fuchs in der Küche und begann, die Verwandtschaft abzutelefonieren. Eine Stunde später glich die Wohnung einem aufgescheuchten Bienenstock. Alle waren gekommen: seine Mutter Andrea Krause, sein Vater Matthias Lehmann. Der siebenundzwanzigjährige Sohn Lukas Bauer erschien mit seiner Frau Greta Koch und dem kleinen Noah Meier. Auch die sechsundzwanzigjährige Julia Baumann kam angerannt, zusammen mit ihrem Mann Leon Schmitt und dem Sohn Felix Weiß.
Sie drängten sich in die Küche und flüsterten nervös durcheinander. Niemand verstand, was mit ihrer zuverlässigen, gehorsamen Sophie geschehen war. Woher kam auf einmal dieser Aufstand?
Sophie hörte sehr wohl, dass die Wohnung voller Menschen war, doch sie kam nicht einmal heraus, um sie zu begrüßen. Es war ihr vollkommen gleichgültig. Früher hätte sie längst geschäftig den Tisch gedeckt, Tee angeboten, nach Kaffee gefragt und sich um jeden gekümmert. Aber diese Sophie, die stille Geldgeberin der ganzen Familie, existierte seit zwei Monaten nicht mehr. Nur wussten die Angehörigen davon noch nichts. In all dieser Zeit hatte sie schweigend ihren Rückzug vorbereitet: Vermögen umgeschichtet, ihre beruflichen Angelegenheiten abgeschlossen und sich ihr neues Nest eingerichtet.
Schließlich nahm die gesamte Abordnung ihren Mut zusammen und zog hintereinander ins Wohnzimmer.
