„sie werde künftig mit niemandem mehr irgendetwas abstimmen“ sagte Sophie kalt und schob den jammernden Mann beiseite

Kalte Verachtung trifft erbärmliche, unkontrollierbare Wut.
Geschichten

Mit seinen fünfzig Jahren hatte Markus Fuchs noch nie so gebrüllt.

Er marschierte in der Küche auf und ab, fuchtelte wild mit den Armen und wählte seine Worte nicht gerade vorsichtig. Immer wieder kippte seine Stimme in ein schrilles Kreischen. Er fuhr seine Frau Sophie Meier an, als wäre sie ein ungezogenes Schulmädchen.

Er hielt ihr vor, dass sie immerhin schon siebenundvierzig sei. Dass sie zwei erwachsene Kinder hätten, Lukas Bauer und Julia Baumann. Und dass inzwischen sogar Enkel heranwuchsen, denen sie gefälligst ein Vorbild sein müsse.

Sophie saß am Tisch und aß in aller Ruhe zu Abend. Sie sah ihren Mann nicht einmal an.

Am Morgen hatte Markus erklärt, er werde später kommen, und ihr befohlen, nicht mit dem Essen auf ihn zu warten. Also hatte sie gegessen. Dass ihr Ehemann plötzlich mit vor Wut verzerrtem Gesicht in die Wohnung gestürzt war, schien sie nicht im Geringsten zu berühren.

Als Markus schließlich außer Atem war und zum gefühlt hundertsten Mal eine Erklärung verlangte, schob Sophie schweigend ihren Teller beiseite. Sie stand auf, warf ihm einen gleichgültigen Blick zu und sagte nur, sie werde künftig mit niemandem mehr irgendetwas abstimmen. Für sie habe ein neues Leben begonnen.

Dann ging sie ins Wohnzimmer, legte sich auf das Sofa und schaltete den Fernseher ein. Das Geschirr blieb einfach auf dem Tisch stehen. Für Markus war das unvorstellbar: Seine perfekte Sophie, die achtundzwanzig Jahre lang die ganze Familie tadellos umsorgt hatte, spülte nicht einmal ihren eigenen Teller ab!

Blind vor Zorn stürmte er ihr hinterher und riss das Fernsehkabel aus der Steckdose. Im selben Moment flog ihm die schwere Fernbedienung ins Gesicht. Der Schlag traf ihn mitten auf den Nasenrücken. Markus heulte vor Schmerz auf, presste die Hände vors Gesicht, und Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor.

Doch statt erschrocken zu ihm zu eilen, sich zu entschuldigen und ein Handtuch zu holen, erhob sich Sophie langsam vom Sofa. Sie schob den jammernden Mann beiseite, hob die Fernbedienung vom Boden auf, steckte den Stecker wieder ein und zischte zwischen den Zähnen hervor: Wenn er den Fernseher noch einmal anfasse, setze sie ihm das Gerät auf den Kopf.

Mit blutender Nase rannte Markus ins Bad. Sophie schloss hinter ihm die Tür und drehte den Ton des Films lauter. Sie hatte nicht vor, sich weiter sein Geschrei oder sein Gejammer anzuhören.

Der beunruhigende Anruf seiner Mutter

Dabei hatte dieser Tag für Markus völlig gewöhnlich begonnen, bis plötzlich seine Mutter anrief. Andrea Krause war außer sich. Sie war gerade vom Wochenendhaus einer Freundin zurückgekehrt und hatte dort etwas erfahren, das ihr vollkommen ungeheuerlich vorkam.

In derselben exklusiven Kleingarten- und Ferienhaussiedlung hatte nämlich jemand eine prächtige dreistöckige Villa auf einem Grundstück von rund 1.200 Quadratmetern gekauft. Und diese „jemand“ war ausgerechnet ihre Schwiegertochter Sophie Meier.

Andrea Krause fühlte sich bis ins Mark gekränkt. Wie konnte ihr Sohn ein Ferienhaus kaufen, ohne seine eigene Mutter einzuladen? Ohne sie auch nur um Rat zu fragen?

Markus versuchte, sich zu verteidigen. Er schwor, seine Mutter müsse etwas falsch verstanden haben, sie besäßen kein Ferienhaus. Doch Andrea Krause hatte sich bereits bis zum Vorsitzenden der Siedlung durchgefragt. Ein Irrtum war ausgeschlossen. Die neue Eigentümerin hieß Sophie Meier.

Und damit war die Sache noch längst nicht zu Ende. Die Nachbarn des luxuriösen Anwesens hatten Andrea Krause im Vertrauen zugeflüstert, die Hausherrin halte sich nun fast den ganzen Tag draußen im Grünen auf, weil sie ihre Arbeitsstelle gekündigt habe.

Das traf Markus wie ein Schlag in die Magengrube. Für einen Moment hatte er das Gefühl, der Boden verschwinde unter seinen Füßen.

Sophie arbeitete als leitende Ingenieurin.

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