Ich empfand das nicht als Verlust. Mein Leben lief weiter. Ich heiratete Alexander König; wir gingen einfach zum Standesamt, ohne großes Fest, ohne weißen Lärm drumherum. Eingeladen waren vielleicht zehn Menschen, nur die, die uns wirklich nahestanden.
Kurz darauf meldete ich mein eigenes Gewerbe an. Das war vor sechs Jahren, unmittelbar nach dem Bruch mit Lina Walter. Es fühlte sich an, als sei eine Tür hinter mir ins Schloss gefallen und ich hätte im selben Moment die nächste aufgestoßen. Ich nahm Aufträge an, erst kleine, unscheinbare Sachen, dann nach und nach größere. Vor drei Jahren bekamen wir zum ersten Mal ein wirklich ernstzunehmendes gewerbliches Projekt. Im vergangenen Jahr schlossen wir drei davon ab; zwei wurden sogar in einer Fachzeitschrift vorgestellt. Die Mappen dazu stehen in meinem Arbeitszimmer im Regal, nach Jahren sortiert, die Rücken sauber nach vorn. Ich verstecke sie nicht. Weshalb auch? Arbeit ist Arbeit.
Meine Mutter rief hin und wieder an. Sie erzählte von sich, ich hörte zu. Über Lina sprach sie in den letzten Jahren kaum noch. Nur einmal ließ sie fallen, dass es bei ihr und Lukas Roth „nicht ganz rundlaufe“. Ich fragte nicht nach.
„Julia, ich bin’s“, sagte Lina Walter.
Ihre Stimme erkannte ich sofort. Tief, ein wenig rau, wie früher. Und doch lag nun etwas anderes darin. Eine Spannung vielleicht. So klingt jemand, der sich auf ein Gespräch vorbereitet hat und im entscheidenden Moment trotzdem nicht bereit dafür ist.
„Ich höre dich“, erwiderte ich.
Stille. Wahrscheinlich hatte sie eine andere Reaktion erwartet. Ein Ausruf, eine Frage, wenigstens Überraschung. Ich schwieg.
„Fragst du gar nicht, wie es mir geht?“
„Du hast angerufen. Also wirst du es mir sagen.“
Wieder eine Pause. Dann kam sie zur Sache.
„Können wir uns sehen? Ich muss mit dir reden. Persönlich.“
Mein Blick glitt über den Schreibtisch. Drei Projektmappen, eine Kalkulation, Bleistifte, die Skizze eines japanischen Gartens mit Alexanders Randnotizen. Es war ein Arbeitstag, und bis zum Abend hätte ich genug zu tun gehabt.
„Heute Abend“, sagte ich. „Nach sechs.“
Lina kam kurz nach sechs. Als ich ihr öffnete, tat sie als Erstes etwas, das mir sofort auffiel: Sie musterte den Flur. Nicht flüchtig, nicht heimlich, sondern ganz offen, wie man fremdes Eigentum betrachtet und dabei im Kopf den Wert überschlägt. Die neuen Fliesen. Die maßgefertigten Schuhregale. Die Garderobe, die Alexander von einer Dienstreise mitgebracht hatte.
„Nicht schlecht“, sagte sie.
Kein „Hallo“. Kein „lange nicht gesehen“. Nur: nicht schlecht.
„Komm rein“, antwortete ich.
Ich führte sie in mein Arbeitszimmer. Alexander und ich hatten einen der Räume als gemeinsames Büro eingerichtet: ein großer Tisch, zwei Monitore, Regale voller Mappen, geordnet nach Jahren und Projekten. An der Wand hingen einige ausgedruckte Fotos fertiggestellter Arbeiten. Lina blieb mitten im Zimmer stehen und ließ den Blick langsam von links nach rechts über die Regale wandern. Drei Mappen aus dem vergangenen Jahr. Zwei Zeitschriften mit Lesezeichen. Ein Stapel Entwürfe. Danach sah sie zu den Bildern an der Wand: Grundstücke, Erde, Grün, Stein, Wasser. Dieses „aussichtslose Hobby“, das zu genau dem hier geworden war.
„Ihr macht das also wirklich ernsthaft“, sagte sie.
In diesem „wirklich“ steckte echtes Erstaunen. Nicht gespielt, nicht versteckt.
„Setz dich“, bot ich an.
Lina ließ sich auf den Stuhl sinken. Sofort bemerkte ich, wie sie ihre Tasche hielt: mit beiden Händen fest auf den Knien. Menschen, die gekommen sind, um um etwas zu bitten, halten ihre Sachen genau so.
Eine Weile redeten wir über Belangloses. Über meine Mutter, über das Wetter, darüber, wie lange wir uns nicht gesehen hatten. Lina sprach gleichmäßig, beinahe munter, doch die Spannung in ihr verschwand nicht. Ich wartete.
Nach etwa zehn Minuten hörte sie auf auszuweichen.
„Julia, bei uns ist die Lage schwierig. Lukas hat Probleme mit der Arbeit, und wir stecken inzwischen ziemlich tief drin.“
