„Schwester bleibt Schwester“ — dachte ich, bis der Anruf meiner Mutter die Affäre mit Lukas enthüllte

Diese schmerzliche Entdeckung war zutiefst ungerecht.
Geschichten

„Das ist eine ernsthafte Sache.“ Kein höfliches Lob, kein netter Spruch, sondern eine nüchterne Einschätzung. Genau deshalb blieb mir dieser Satz im Gedächtnis.

Noch ein ganzes Jahr nach Lina Walters Hochzeit rief meine Mutter mich an und sprach mit mir, als hätte ich irgendeine Schuld auf mich geladen. Ausgesprochen hat sie das nie; direkte Worte waren nicht ihre Art. Aber zwischen jeder Frage, jeder Pause, jedem Seufzer steckte derselbe Vorwurf: Du bist zu stolz. Du bist stur. Du hast dein eigenes Gefühl über die Familie gestellt. Lina gehe es übrigens gut. Lukas Roth habe eine feste Arbeit, die beiden hätten sich ein Auto gekauft und überlegten jetzt, ein Wochenendgrundstück herzurichten.

Ich ließ sie reden und war mit meinen Gedanken längst woanders. In jenem Jahr nahm ich meinen ersten Auftrag ganz allein an: einen kleinen Vorgarten in Murnau. Die Besitzerin wünschte sich etwas „Schlichtes, aber so, dass die Nachbarn neidisch werden“. Ich setzte es um. Später schickte sie mir Fotos und schrieb dazu, die Nachbarn hätten tatsächlich nachgefragt. Diese Bilder druckte ich aus und legte sie in eine Mappe. Es war meine erste Mappe mit einem fertiggestellten Projekt.

Meine Mutter fragte dagegen nur, wie lange ich dieses „Hobby“ denn noch betreiben wolle. Dass Lina Walter ähnlich dachte, wusste ich auch, weil Mutter manchmal fremde Sätze wiederholte, ohne zu merken, dass sie sie weitergab. Vorübergehend sei das alles. Nichts Solides. Ich hätte lieber etwas Anständiges lernen sollen, statt mit Spaten und Plänen durch fremde Gärten zu laufen.

Ich rechtfertigte mich nicht. Ich arbeitete einfach weiter.

Dann kam meiner Mutter eine Idee, die ihr offenbar besonders klug vorkam. Lina und Lukas hatten ein kleines Grundstück gekauft, etwa sechshundert Quadratmeter, und wollten es „ordentlich“ machen lassen. Also schlug Mutter vor: Julia, du kannst so etwas doch, entwirf ihnen einen Plan. Es ist doch für die Familie. Unter Verwandten macht man das eben so.

Damals konnte ich meiner Mutter noch nicht widersprechen. Das lernte ich erst später, mit jedem Jahr ein wenig besser.

Also übernahm ich das Grundstück von Lina Walter und Lukas Roth. Das war vor sieben Jahren, ich war siebenundzwanzig. Fachlich wusste ich bereits ziemlich genau, was ich tat; was ich noch nicht begriff, war der Wert dieser Arbeit in Geld. Vier Monate steckten darin: Aufmaß, Skizzen, drei verschiedene Entwürfe, Absprachen mit Lukas wegen der Materialien, Fahrten zum Grundstück, Kontrolle vor Ort, als die Wege angelegt wurden. Ich erledigte alles. Bezahlt bekam ich keinen Cent. Mutter hatte gesagt, es sei doch für die Familie, und ich hatte genickt.

Lina nahm das Ergebnis hin, als wäre es selbstverständlich. Nicht, dass gar kein Dank kam; es gab einen, nur kurz und über meine Mutter ausgerichtet. Etwa: Sag ihr, es ist ganz ordentlich geworden. Ganz ordentlich. Vier Monate Arbeit waren also „ganz ordentlich“.

Ein Jahr später wollte sie die zweite Etappe. Eine Laube, Beleuchtung entlang der Wege, noch einen Bereich für Beete. Wieder lief es über Mutter: Julia mache das doch sowieso, für sie sei das sicher keine große Sache.

Diesmal rechnete ich nach. Ich setzte mich mit dem Taschenrechner hin, suchte die damals üblichen Honorare heraus und stellte zusammen, was allein die bereits geleistete Arbeit gekostet hätte. Es kam eine Summe von knapp 2.800 Euro heraus. Marktüblich gerechnet, ohne Aufschlag, nur Planung, Betreuung und Fahrten.

Ich rief meine Mutter an und sagte ihr ruhig, ich könne die zweite Etappe übernehmen. Mit Vertrag und zum normalen Preis. Genau so, wie ich es für jeden anderen Kunden tun würde.

Mutter war verletzt. Lina Walter, das erfuhr ich natürlich wieder durch sie, fand, ich sei eingebildet geworden und gierig. Früher sei ich normal gewesen, aber jetzt sei offenbar etwas mit mir passiert. Wahrscheinlich hätten mich die ersten eigenen Einnahmen verdorben.

Nach diesem Gespräch legte sich Stille über sechs Jahre. Insgesamt waren damit neun Jahre seit jener Hochzeit vergangen, zu der ich nicht erschienen war. In all dieser Zeit waren wir einander fremd geworden, verbunden nur durch meine Mutter.

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