„Die Säcke mit seinen Sachen vor meiner Tür sind, glauben Sie mir, überzeugender als jedes Foto.“
„Er hatte Ihre Hausschuhe an.“
„Die grünen? Mit den Dinosauriern?“
„Nein. Graue. Kariert.“
„Das sind meine guten Hausschuhe. Unglaublich. Nicht einmal vor fremden Pantoffeln macht er Halt.“
Für einen Moment sagte keiner von beiden etwas. Dann hörte Sophia, wie Martin leise auflachte.
„Wissen Sie, Sophia, ich stehe gerade auf dem Balkon und sehe unten am Hauseingang diese zwei Müllsäcke mit seinem Kram liegen. Und seltsamerweise fühle ich mich erleichtert. Als hätte man mir einen Zahn herausoperiert, der seit drei Jahren schmerzt.“
„Zähne operiert man nicht heraus. Man zieht sie.“
„Meiner war offenbar so schlimm, dass nur eine Amputation infrage kam.“
„Alles Gute, Martin.“
„Ihnen auch. Sie und ich sitzen wohl im selben Boot. Nur rudern Sie schneller. Ich hätte vermutlich noch einen Monat lang gezweifelt.“
Sophia beendete das Gespräch. In der Wohnung herrschte eine Stille, die zuerst fremd wirkte und dann langsam angenehm wurde. Dort, wo Lukas’ Tisch gestanden hatte, zeichnete sich noch eine Spur auf dem Boden ab. Im Regal blieb ein heller, staubfreier Abdruck zurück, an der Stelle, an der seine Bücher gestanden hatten. Im Bad hing ein leerer Haken, an dem sonst sein Bademantel baumelte.
Dann meldete sich Laura.
„Sophie, wie geht es dir? Ich habe gesehen, dass du online bist, aber du schreibst nicht.“
„Laura, du hattest recht.“
„Womit? Mit der Überraschung?“
„Genau damit. Sie war nur nicht die Art Überraschung, die man sich wünscht.“
„Erzähl.“
„Er ist mit den Kindern und ihrem Gepäck hier aufgetaucht und ist dann selbst zu seiner Ex gefahren. Ich bin zu der Adresse gefahren. Er hat mir die Tür geöffnet. In Hausschuhen. Das war die Überraschung.“
„Und du?“
„Ich habe die Schlösser austauschen lassen, seine Sachen von Umzugsleuten zu Julia bringen lassen, ihrem Mann geschrieben und reiche die Scheidung ein.“
Am anderen Ende blieb es kurz still.
„In wie vielen Stunden hast du das alles geschafft?“
„In vier. Vielleicht in dreieinhalb.“
„Sophia, du bist kein Mensch, du bist eine Maschine. Ich hätte mindestens eine Woche lang ins Kissen geheult.“
„Das kommt später. Im Moment habe ich dafür keine Zeit. Jetzt muss ich Helga anrufen und nachfragen, ob die Jungs gegessen haben.“
Zur selben Zeit stand Lukas mitten auf dem Gehweg, das Handy in der Hand, das unaufhörlich vibrierte. Julia rief zum sechsten Mal an. Von Martin war eine Nachricht gekommen, nur drei Worte: „Hol deine Sachen. Widerling.“ Seine Mutter hatte geschrieben: „Komm her. Wir reden.“
Er ging an keinen Anruf. Er antwortete auf keine Nachricht. Er starrte nur auf das Display, als wäre jedes Aufleuchten ein Urteilsspruch.
Vor einem Jahr hatte alles noch perfekt ausgesehen. Eine Frau, die ihn liebte. Kinder, die versorgt waren. Eine Ex, die jederzeit verfügbar war. Ihr Mann, der von nichts ahnte. Ein makelloses System. Wie ein Kartenhaus.
Und dieses Kartenhaus war in vier Stunden zusammengebrochen. Eine einzige Fahrt von Sophia zu jener Adresse hatte gereicht, und alles war auseinandergefallen. Seine Frau hatte die Schlösser wechseln lassen. Martin kannte die Wahrheit. Seine Mutter erwartete Erklärungen. Julia geriet in Panik.
Das Telefon begann wieder zu klingeln. Julia.
Lukas drückte den Anruf weg, steckte das Handy in die Jackentasche und lief los. Ohne Ziel. Ohne Plan. Ohne die geringste Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte.
Sophia wählte unterdessen die Nummer ihrer Schwiegermutter.
„Helga, haben die Jungen zu Abend gegessen?“
„Ja, Sophia. Jeder hat vier Pfannkuchen geschafft. Sie schlafen schon.“
„Danke.“
„Sophia … hast du die Scheidung wirklich beschlossen?“
„Am Montag reiche ich die Unterlagen ein.“
„Ich werde nicht versuchen, dich umzustimmen. Er hat es verdient. Aber die Jungen … du hängst doch an ihnen, nicht wahr?“
„Sehr. Emil malt mir jeden Sonntag Karten. Und Noah hat lesen gelernt. Das erste Wort, das er mir vorgelesen hat, war ‚Sonne‘.“
Helga atmete hörbar aus.
„Du hast im letzten Jahr mehr für sie getan als ihr eigener Vater.“
„Die Kinder können nichts dafür. Wenn Sie Hilfe brauchen, bin ich da. Aber mit Lukas ist es vorbei.“
„Ich weiß, Sophia. Ich weiß.“
Sophia legte das Telefon auf die kleine Kommode. Die Wohnung war still, leer und zum ersten Mal seit Langem wieder ihre eigene. Keine fremden Taschen im Flur. Keine Lügen, die in der Luft hingen. Keine Hausschuhe eines anderen vor der Tür.
Sie trat vor den Spiegel und sah sich an. Die Augen waren trocken. Das Kinn blieb erhoben. Achtundzwanzig Jahre alt, und doch war sie an einem einzigen Tag zugleich älter geworden und jünger.
Von Laura kam eine Nachricht: „Ich bin stolz auf dich.“
Sophia lächelte schwach und tippte zurück: „Danke. Jetzt lebe ich weiter.“
