„Das ist meine Wohnung. Sie gehörte mir vor dir, und sie wird mir auch nach dir gehören“ sagte Sophia kalt und zog die Tür hinter den Zwillingen zu

Diese rücksichtslose Selbstsucht wirkt schmerzhaft verlogen
Geschichten

Rucksäcke.

„Wohin sollen wir das bringen?“, erkundigte sich der Vorarbeiter der Möbelpacker.

Sophia nannte die Adresse ohne Zögern.

„Lindenstraße vierzehn, Wohnung einundvierzig. Stellen Sie alles direkt vor die Tür. Falls niemand aufmacht, dann unten in den Hauseingang.“

Der Schlosser brauchte knapp vierzig Minuten, bis das neue Schloss sauber eingesetzt war. Danach legte er ihr drei frische Schlüssel in die Hand. Sophia bezahlte ihn, schloss hinter allen ab und ließ sich im still gewordenen Flur auf den Boden sinken.

Eineinhalb Stunden später klingelte ihr Handy. Auf dem Display stand Lukas’ Nummer.

„Sophia! Was hast du getan?! Julia ruft mich an und schreit, irgendwelche Säcke seien bei ihr abgeladen worden!“

„Ganz genau“, sagte Sophia ruhig. „Das sind deine Sachen. Und die Sachen deiner Kinder. Ich habe sie an die einzige Adresse schicken lassen, an der du deine Samstage offenbar wirklich verbringst.“

„Bist du völlig verrückt geworden? Sie hat einen Mann! Martin kommt heute Abend nach Hause! Was soll der denn denken?“

„Um Martin musst du dir keine Sorgen machen. Ich habe ihm bereits geschrieben. Mit Adresse, Uhrzeit deines Besuchs und einer kurzen Zusammenfassung eurer tropfenden Wasserhähne. Er wirkte erstaunlich verständig. Seine Antwort bestand aus einem Wort: Danke.“

„Du hast… das hast du nicht gemacht.“

„Doch, Lukas. Habe ich. Und ehrlich gesagt hätte ich es viel früher tun sollen, wenn ich nicht ein ganzes Jahr lang jedes einzelne deiner Worte geglaubt hätte. Weißt du, fast ist es komisch. Du warst so überzeugt davon, dass ich dumm bin, dass du irgendwann aufgehört hast, dich überhaupt zu verstecken. Am Mittwoch hast du die Jungen hergebracht und bist danach durch den Haupteingang zu Julia gefahren. Nicht einmal umgesehen hast du dich. Es hätte ja deine Frau um die Ecke stehen können.“

„Sophia, hör mir zu…“

„Nein. Jetzt hörst du zu. Die Jungs sind bei Helga. Es geht ihnen gut, sie haben gegessen und bauen gerade mit ihren Steinen. Das Schloss ist ausgetauscht. Den Scheidungsantrag reiche ich am Montag ein.“

„Das kannst du nicht einfach machen! Wir haben doch…“

„Was haben wir denn? Abmachungen getroffen? Ja, Lukas, das haben wir. Die Kinder sind bei Julia. Die Wochenenden gehören uns. Treue gilt für beide. Du hast in einem Jahr alle drei Punkte gebrochen. Wäre das ein Vertrag gewesen, hätte man dir längst eine Vertragsstrafe aufgebrummt.“

„Ich habe dich nicht betrogen!“

„Du hast an einem Samstagmorgen die Wohnungstür deiner Exfrau in Hausschuhen geöffnet. Man kann das natürlich ‚beim Wasserhahn helfen‘ nennen. In dem Fall bist du allerdings der miserabelste Handwerker der ganzen Stadt, denn repariert war der Hahn danach immer noch nicht.“

Am anderen Ende wurde es still. Sophia hörte nur noch sein schweres Atmen.

„Woher weißt du das mit dem Wasserhahn?“

„Weil ich gestern gehört habe, wie du deine Ausrede geübt hast. Im Bad hast du vor dich hin gemurmelt, weil du dachtest, ich schlafe. ‚Der Hahn tropft, sie hat angerufen, ich fahre nur kurz vorbei.‘ Lukas, nicht einmal lügen kannst du gut. Wenigstens ‚ein Rohrbruch‘ wäre überzeugender gewesen.“

„Sophia, ich komme jetzt. Dann reden wir in Ruhe.“

„Komm nicht. Deine Schlüssel passen nicht mehr. Und das Gespräch ist beendet. Aber eines sollst du dir merken: Ich habe Ja gesagt, obwohl ich von deinen Kindern wusste. Ich habe sie in mein Herz gelassen. Jedes Wochenende: Park, Malen, Vorlesen. Und du warst währenddessen angeblich bei einem Freund oder bei deiner Mutter. Helga hat mir übrigens bestätigt, dass du in den letzten vier Monaten kein einziges Mal bei ihr warst.“

„Das hat sie gesagt?“

„Nicht nur das. Sie sagte: Sophia, ich bin dir dankbar, dass du meinen Sohn so lange ertragen hast. Verdient hat er es nicht. Und weißt du was? Sie hat recht.“

„Ich habe nirgendwohin zu gehen.“

„Du hast Julias Adresse, wo du dich anscheinend wie zu Hause fühlst. Du hast Helgas Adresse, und sie wartet auf Erklärungen. Und notfalls steht dir immer noch der ganze Planet offen. Platz genug gibt es. Nur meine Wohnung gehört nicht mehr dazu.“

Sophia beendete das Gespräch und sperrte seine Nummer. Danach blockierte sie jede andere Möglichkeit, über die er sie erreichen konnte. Anschließend setzte sie sich auf den Hocker im Flur und blieb eine Minute lang einfach in der Stille sitzen.

Dann vibrierte das Handy erneut. Diesmal war es eine unbekannte Nummer. Sophia nahm ab.

„Sophia? Hier ist Martin. Julias Mann. Oder wahrscheinlich ab heute ihr Noch-Ehemann.“

„Martin. Es tut mir leid, dass es so gekommen ist.“

„Das muss es nicht. Ich hatte schon lange einen Verdacht. Mir fehlte nur der Beweis. Und genau den haben Sie mir geliefert.“

LebensKlüber