„Das ist meine Wohnung. Sie gehörte mir vor dir, und sie wird mir auch nach dir gehören“ sagte Sophia kalt und zog die Tür hinter den Zwillingen zu

Diese rücksichtslose Selbstsucht wirkt schmerzhaft verlogen
Geschichten

„…wenn jemand nichts zu verbergen hat, fängt er nicht an zu brüllen. Dann gibt er einfach die Nummer heraus und trinkt in aller Ruhe seinen Saft weiter. Du aber siehst gerade aus wie ein Kater, den man mit dem Fisch im Maul auf dem Küchentisch erwischt hat. Der Fisch ist längst runtergeschluckt, aber ein unschuldiges Gesicht bekommst du trotzdem nicht mehr hin.“

Lukas presste die Lippen zusammen. Für einen Moment sagte er gar nichts.

Sophia nickte langsam, als hätte seine Stille ihr mehr bestätigt als jedes Geständnis.

„Gut. Es ist spät. Die Jungs sind müde. Ich richte ihnen im Wohnzimmer ein Bett her. Und morgen sprechen wir weiter.“

Die Nacht zog sich endlos. Sophia lag wach, starrte in die Dunkelheit und hörte in Gedanken immer wieder Lauras Stimme. Ihre Freundin hatte sie vor einem Jahr gewarnt.

„Mach dich auf eine Überraschung gefasst, und glaub mir, sie wird dir nicht gefallen. Bei meiner Schwester Alina lief es genauso. Geschieden, das Kind offiziell bei ihr, aber sobald sich die Gelegenheit bot, hat sie es ihrem Ex aufgedrückt. Nicht mal für einen Tag — für Wochen, manchmal Monate. Unterhalt wollte sie natürlich trotzdem pünktlich sehen. Am Ende ist ihr Ex in eine andere Stadt gezogen, nur damit er nicht völlig durchdreht.“

Damals hatte Sophia nur abgewinkt. Laura übertrieb doch immer, machte aus jedem Gerücht ein Drama. Jetzt aber klang jeder einzelne Satz wie eine Prophezeiung.

Am Morgen begann Lukas, sich fertig zu machen.

„Ich muss weg. Ich habe etwas zu erledigen.“

„Natürlich“, sagte Sophia ruhig. „Du hast immer etwas zu erledigen. Vor allem samstags.“

„Fängst du schon wieder an?“

„Ich habe noch nicht einmal richtig angefangen. Fahr nur. Ich kümmere mich um die Jungen. Wie immer.“

Er verließ die Wohnung. Sophia wartete zwanzig Minuten, zog den Zwillingen Jacken und Schuhe an und brachte sie zu Helga.

Ihre Schwiegermutter öffnete, sah die Enkel vor der Tür stehen und begriff sofort.

„Kommt rein, meine Lieben. Oma macht euch Pfannkuchen.“

Die Jungen rannten in die Wohnung. Helga hielt Sophia am Arm zurück.

„Sophia, verzeih ihm. Ich weiß selbst nicht, was mit ihm los ist. Er belügt sogar mich.“

„Helga, ich brauche Julias genaue Adresse. Die Straße hatten Sie mir genannt. Aber Hausnummer und Wohnung?“

Helga zögerte kurz.

„Grünberger Straße vierzehn, Wohnung einundvierzig. Sophia, bitte… triff jetzt keine Entscheidung im Zorn.“

„Ich schlage nicht blindlings zu“, erwiderte Sophia. „Ich öffne nur vorsichtig. Wie eine Chirurgin.“

Sie fuhr zu der Adresse. Ein Hauseingang, vierte Etage, eine Tür mit der Nummer einundvierzig. Sophia klingelte.

Drinnen waren Schritte zu hören. Dann klickte das Schloss.

Lukas öffnete.

Eine Sekunde verging. Dann noch eine. Und noch eine. Sein Gesicht wurde länger, sein Mund stand halb offen, seine Augen suchten hektisch nach irgendeinem Ausweg — genau wie bei jemandem, der bei der offensichtlichsten Lüge ertappt worden war.

Sophia sah ihn schweigend an. Danach glitt ihr Blick über den Flur hinter ihm: ein Damenmantel an der Garderobe, Hausschuhe auf dem Boden. Schließlich sah sie wieder ihren Mann an.

Kein einziges Wort kam über ihre Lippen. Sie drehte sich um und ging die Treppe hinunter.

„Sophia! Warte! Es ist nicht… Ich habe nur geholfen! Der Wasserhahn war undicht, sie hat angerufen, ich bin vorbeigekommen!“

Seine Stimme lief ihr hinterher und prallte von den Wänden des Treppenhauses zurück. Sophia drehte sich nicht um. Draußen im Hof blieb sie kurz stehen, atmete tief ein und holte ihr Handy hervor.

Der erste Anruf ging an einen Schlüsseldienst.

„Guten Tag. Ich brauche ein neues Schloss für meine Wohnungstür. Die Adresse gebe ich Ihnen gleich durch. In einer Stunde? Perfekt.“

Der zweite Anruf galt einem Umzugsservice.

„Hallo. Ich benötige zwei Männer zum Zusammenpacken und Abtransportieren einiger Sachen. Nicht viel: ein paar Säcke Kleidung, ein Schreibtisch, ein Sessel. Geliefert werden soll an eine andere Adresse. Ja, alles in einer Fahrt.“

Mit schnellen Schritten ging Sophia die Straße entlang. In ihrem Kopf war alles plötzlich glasklar. Julia hatte die Kinder bei Lukas abgeladen — genauer gesagt bei Sophia —, um ihre Wohnung für Treffen mit dem Exmann freizubekommen. Ein simples, schmutziges Muster: die Kinder weg, der Liebhaber zurück.

Nur hatte Julia einen rechtmäßigen Ehemann. Martin. Helga hatte seinen Namen erwähnt. Und Sophia wusste bereits, was als Nächstes zu tun war.

Als sie vor ihrem Haus ankam, wartete der Schlosser schon mit einem Werkzeugkoffer am Eingang. Die Möbelpacker trafen eine Viertelstunde später ein. Sophia schloss die Wohnung auf und begann ruhig, systematisch und ohne jede Hast, Lukas’ Sachen zusammenzutragen.

Seine Winterjacke. Seine Stiefel. Drei Regalbretter voller Bücher. Der Schreibtisch aus dem Arbeitszimmer, der Klappsessel, zwei Säcke mit Kleidung. Die Sachen der Kinder packte sie ordentlich getrennt in Tüten. Spielsachen.

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