„Das ist meine Wohnung. Sie gehörte mir vor dir, und sie wird mir auch nach dir gehören“ sagte Sophia kalt und zog die Tür hinter den Zwillingen zu

Diese rücksichtslose Selbstsucht wirkt schmerzhaft verlogen
Geschichten

Sophia stand im Flur und musterte die beiden Jungen, die mit identischen Rucksäcken vor ihr standen. Hinter ihnen ragte Lukas auf, in jeder Hand eine prall gefüllte Reisetasche. Es war Mittwoch. Ein ganz gewöhnlicher Mittwoch, kein Wochenende.

„Wen hast du da in meine Wohnung gebracht?“, fragte sie mit auffallend ruhiger Stimme. „Wir hatten doch eindeutig besprochen, dass deine Kinder aus erster Ehe nicht bei uns einziehen.“

Lukas schob sich an ihr vorbei in den Korridor und stellte die Taschen schwer auf den Boden.

„Fang jetzt nicht an, Sophia. Die Lage hat sich geändert. Für einen Monat vielleicht. Höchstens zwei.“

„Oder gleich drei?“ Sophia ging vor den Zwillingen in die Hocke, lächelte sie freundlich an und strich ihnen über die Haare. „Jungs, geht schon mal ins Zimmer. Auf dem Regal liegt der Baukasten. Spielt damit, während Papa und ich kurz reden.“

Die Kinder verschwanden. Sophia zog die Tür zu und wandte sich wieder ihrem Mann zu.

„Lukas, verstehe ich das richtig? Du tauchst an einem Mittwoch mit den Kindern und ihrem Gepäck hier auf und stellst mich einfach vor vollendete Tatsachen?“

„Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen? Das sind meine Söhne! Oder willst du, dass sie draußen schlafen?“

„Spannende Begründung. Als wir geheiratet haben, hast du mir versprochen, dass die Jungen bei Julia wohnen bleiben. Erinnerst du dich noch daran? Oder funktioniert dein Gedächtnis wie die Speisekarte in einer billigen Kantine — angezeigt wird nur, was gerade nützlich ist?“

„Das ist doch nur vorübergehend!“

„Vorübergehend ist Samstag bis Sonntag. Zwei große Taschen und drei Monate nennt man Umzug. Merkst du den Unterschied?“

Lukas begann unruhig im Flur auf und ab zu laufen.

„Ich werde mich vor dir nicht wegen meiner Kinder rechtfertigen. Außerdem ist das hier auch mein Zuhause.“

„Nein, Lukas. Das ist meine Wohnung. Sie gehörte mir vor dir, und sie wird mir auch nach dir gehören. Und bevor du wieder das Wort ‚mein‘ in den Mund nimmst, wirf lieber einen Blick in die Unterlagen. Dort steht genau ein Nachname. Deiner ist es nicht.“

Sophia nahm ihr Handy heraus und wählte die Nummer ihrer Schwiegermutter. Lukas zuckte zusammen.

„Leg auf. Wag es nicht, meine Mutter anzurufen!“

„Wieso nicht? Du triffst doch Entscheidungen für uns beide. Vielleicht weiß sie ja ebenfalls noch nicht, dass sie ab heute Vollzeit-Oma sein soll.“

„Sophia, ich warne dich!“

„Du warnst mich? Wovor? Davor, dass Helga in fünf Minuten erfährt, wie ihr Sohn über fremdes Eigentum verfügt?“

Es tutete. Beim dritten Klingeln meldete sich die Schwiegermutter.

„Helga, guten Abend. Sagen Sie, wissen Sie eigentlich, dass Lukas Emil und Noah zu uns gebracht hat? Dauerhaft. Mit allem Gepäck.“

Einen Moment blieb es still. Dann klang Helgas Stimme überrascht und verunsichert.

„Sophia, davon weiß ich überhaupt nichts. Er hat mir kein einziges Wort gesagt. Was heißt denn — mit Gepäck?“

„Zwei große Taschen. Und dazu der Satz: ‚Ein Monat, vielleicht zwei, vielleicht drei.‘ Deshalb frage ich nach: Ist das ein Familienplan oder nur seine private Improvisation?“

„Um Himmels willen. Sophia, ich bin dir so dankbar für deine Geduld. Du kümmerst dich ohnehin schon jedes Wochenende um die Jungs, während er angeblich bei Freunden unterwegs ist. Ich rede mit ihm.“

„Danke. Aber ich denke, das kläre ich besser selbst. Ich bräuchte Julias Adresse. Ich möchte verstehen, warum sie die Kinder plötzlich abgeschoben hat.“

Helga diktierte ihr die Anschrift. Lukas stand bleich an der Wand, den Rücken dagegengepresst.

„Wozu brauchst du ihre Adresse? Was hast du vor?“

„Warum wirst du auf einmal so blass? Wenn alles sauber ist, gibt es doch nichts zu fürchten.“

„Misch dich da nicht ein, Sophia. Das geht dich nichts an.“

„Mich nicht? Die Jungen stehen in meiner Wohnung, schlafen auf meinem Sofa und essen an meinem Tisch. Jeden Samstag und Sonntag male ich mit ihnen, gehe mit ihnen spazieren und koche für sie, während du angeblich ‚zu einem Freund‘ oder ‚zu deiner Mutter‘ fährst. Nur dass deine Mutter dich, wie sich eben herausgestellt hat, ebenfalls nicht sieht. Also, wohin verschwindest du am Wochenende, Lukas?“

„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig!“

„Stimmt. Bist du nicht. Aber ich bin auch nicht verpflichtet, für fremde Kinder das Kindermädchen zu spielen, während ihr Vater sich irgendwo amüsiert.“

Sophia trat näher an ihn heran und sah ihm fest in die Augen.

„Gib mir Julias Telefonnummer.“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich nein gesagt habe! Hör endlich auf mit diesem Verhör!“

„Weißt du was, Lukas?“

LebensKlüber