„Sie ist meine Mutter! Verstehst du? Meine Mutter!“ rief er empört, die Wangen gerötet und die Fäuste verkrampft

Abhängigkeit statt Liebe ist beschämend und schmerzhaft.
Geschichten

„Doch“, erwiderte Lukas. Seine Stimme klang merkwürdig leer — weder wütend noch gekränkt. Fast, als gehöre sie gar nicht zu ihm.

Dorothea fuhr noch am selben Abend. Sie bestellte sich ein Taxi, stopfte ihre mitgebrachten Taschen wieder voll und nahm am Ende sogar zwei weitere Beutel mit. An der Wohnungstür blieb sie stehen und drehte sich noch einmal um.

„Das wirst du bereuen.“

„Kann sein“, sagte Anna ruhig.

Es war keine Spitze. Kein Versuch, überlegen zu wirken. Sie meinte es ernst. Natürlich konnte es schwer werden. Sie wusste, dass Nächte kommen würden, in denen sie zum Telefon greifen und sagen wollte: Komm zurück. Sie wusste auch, dass die Stille in der Wohnung anfangs nicht sanft sein würde, sondern schwer. Anna machte sich nichts vor.

Aber sie wusste noch etwas anderes.

Lukas blieb noch eine Woche bei ihr. Sie sprachen kaum miteinander, wichen einander aus, verschwanden in getrennten Zimmern und ließen sich in der Küche höflich den Vortritt. Es fühlte sich an wie in einem teuren Hotel, in dem zwei Fremde wegen eines gestrichenen Zuges festsaßen. Am darauffolgenden Samstag packte er seinen Koffer.

„Ich gehe erst mal zu meiner Mutter“, sagte er.

„In Ordnung.“

„Anna.“ Im Flur blieb er stehen. „So wollte ich das nicht.“

Sie sah ihn an — diesen Mann, für den sie sich einmal entschieden hatte. Er war kein böser Mensch. Das hätte vieles einfacher gemacht. Er war nur schwach. So tief und so lange, dass er es selbst nicht mehr bemerkte.

„Ich weiß, Lukas“, antwortete sie. „Du wolltest es nicht. Es ist nur trotzdem so geworden.“

Dann fiel die Tür ins Schloss.

Eine Stunde später kam Julia Winter vorbei, mit Pizza und ohne unnötige Fragen. Sie setzten sich in die Küche, aßen aus den Kartons und redeten über alles Mögliche: über die Arbeit, über die neue Staffel irgendeiner Serie, darüber, dass im kleinen Park an der Parkstraße endlich vernünftige Bänke aufgestellt worden waren. Ein ganz gewöhnliches Gespräch zweier erwachsener Frauen an einem Freitagabend.

Erst gegen Ende fragte Julia:

„Und du? Wie geht es dir wirklich?“

Anna überlegte kurz.

„Gut. Wirklich gut.“

„Hast du keine Angst, allein zu sein?“

„Doch“, gab Anna zu. „Aber es ist eine andere Angst. Nicht mehr die von vorher.“

Julia nickte nur. Sie bohrte nicht weiter nach. Genau das konnte sie — und genau dafür liebte Anna sie.

Nachdem ihre Freundin gegangen war, ging Anna langsam durch die Wohnung. In jedem Zimmer knipste sie das Licht an, einfach nur, damit es hell war. Sie räumte die fremden Tassen weg, die Dorothea im Schrank zurückgelassen hatte. In der Vorratskammer stellte sie ihre Gläser wieder dorthin, wo sie immer gestanden hatten.

Kleine Handgriffe. Nichts Dramatisches. Nichts, wofür man Applaus bekam.

Und doch war es ihre Wohnung. Ihre Regale. Ihre Ordnung. In dieser selbst gewählten Stille, kurz vor elf Uhr abends, fühlte sich das plötzlich nach etwas ungeheuer Wichtigem an.

Was als Nächstes kommen würde, wusste Anna nicht. Gericht, Schriftstücke, Gespräche. Vielleicht würde Lukas noch einmal auftauchen — nicht bei ihr, sondern mit Forderungen, mit einem Anwalt, mit neu zurechtgelegten Sätzen. Vielleicht würde Dorothea Fuchs sich ebenfalls noch etwas einfallen lassen. Sie war nicht der Mensch, der ging, ohne das letzte Wort behalten zu wollen.

Aber all das gehörte nicht zu diesem Abend. Das war morgen.

Anna löschte das Deckenlicht, ließ nur die Stehlampe neben dem Sofa brennen, nahm das Buch, das seit drei Monaten ungelesen dort lag, und schlug endlich die Stelle auf, an der sie damals aufgehört hatte.

Draußen rauschte die Stadt. Leise, vertraut, wie immer.

Und Anna las.

Die Verhandlung fand im September statt. Schnell, unspektakulär, beinahe sachlich. Thomas Meier hatte recht behalten: Die Wohnung blieb ohne größere Auseinandersetzung bei Anna. Die Unterlagen waren eindeutig, der Kauf sauber dokumentiert. Lukas erschien mit einem Anwalt, doch es gab schlicht nichts zu teilen — außer ein wenig gemeinsam angeschafftem Hausrat, der aus fünf Jahren Ehe gerade einmal einen Lastenaufzug gefüllt hätte.

Dorothea Fuchs erschien nicht vor Gericht. Anna wunderte sich nicht einmal darüber.

Nach dem Termin trat sie ins Freie, blieb auf den Stufen stehen und hob das Gesicht in die Herbstsonne. Der September war warm, ungewöhnlich mild, als könne der Sommer sich noch nicht entschließen zu gehen. Irgendwo in der Nähe raschelten die ersten trockenen Blätter über den Gehweg.

Am Tor holte Lukas sie ein.

„Anna.“

Sie wandte sich um.

Er sah anders aus als im Sommer. Schmaler vielleicht. Oder sein Gesicht hatte sich verändert. Es wirkte klarer, als hätte jemand endlich die Schärfe einer verschwommenen Aufnahme eingestellt.

„Ich wollte dir nur sagen …“ Er stockte. „Du hattest recht. Mit allem.“

Anna sah ihn an und dachte, dass diese Worte sie vor fünf Jahren aus der Bahn geworfen hätten. Damals hatte sie darauf gewartet, danach gesucht, sich ausgemalt, in welcher Situation er sie wohl endlich aussprechen würde. Jetzt waren sie da. Und in ihr blieb es still. Einfach nur still.

„Ich weiß“, sagte sie.

Nicht hart. Nur ehrlich.

Dann gingen sie in entgegengesetzte Richtungen. Sie zur U-Bahn, er zum Parkplatz. Während Anna weiterging, dachte sie, dass ein Ende vermutlich genau so aussah: nicht laut, nicht schön, ohne Musik. Nur zwei Menschen, die nicht mehr denselben Weg nahmen.

Am Abend rief sie ihre Mutter an. Viel zu lange hatte sie es aufgeschoben. Sie redeten lange, über Wichtiges und Belangloses, über dies und das. Ihre Mutter lachte über irgendeine Geschichte mit der Katze der Nachbarin, und Anna lachte mit — leicht, ohne sich dazu zwingen zu müssen.

Als sie aufgelegt hatte, trat sie ans Fenster. Im Hof brannten die Laternen. Das kleine Schaukelpferd stand noch immer an seinem Platz, rostrot und abgeblättert wie eh und je.

Anna betrachtete es und lächelte.

Es hielt sich also doch.

LebensKlüber