„Lange wird Sophie hier jedenfalls nicht mehr wohnen“ sagte die Schwiegermutter, und Sophie erstarrte hinter dem Vorhang

Erbärmlich, wie kalt Menschen über andere urteilen.
Geschichten

— rief sie und wedelte mit dem Blatt. — Die Erzieherin hat gesagt, meine Sonne ist die schönste von allen.

— Wunderschön, mein Schatz, — sagte Sophie Huber und küsste Amelie Vogel auf den Scheitel. Für einen kurzen Augenblick löste sich der Knoten in ihrer Brust. Genau das war echt. Genau dafür lohnte es sich, nicht klein beizugeben.

Zu Hause gab sie Amelie Abendessen, brachte sie früher als sonst ins Bett und erklärte, morgen müsse sie ja wieder rechtzeitig in den Kindergarten. Danach blieb Sophie allein in der Küche sitzen, vor einer Tasse Tee, die längst kalt geworden war, und wartete auf ihren Mann.

Jonas Meier kam gegen neun. Er wirkte erschöpft, wie fast immer nach der Arbeit. Als Ingenieur in einem Werk blieb er oft länger, besonders seit dieses neue Projekt lief. Im Flur streifte er die Schuhe ab, atmete schwer aus und trat in die Küche.

— Gibt’s noch was zu essen? Ich habe einen Bärenhunger, — sagte er und küsste Sophie im Vorbeigehen auf den Kopf.

— Ich mach dir gleich etwas warm, — antwortete sie, stand auf und hantierte mit Töpfen, bemüht, sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen. — Jonas, hast du gestern mit deiner Mutter telefoniert?

— Ja. Warum? — Er setzte sich an den Tisch und rieb sich müde über die Augen.

— Worüber habt ihr gesprochen?

— Ach, über nichts Besonderes. Sie hat gefragt, wie es auf der Arbeit läuft. Ich habe gesagt, dass mich dieses Projekt fertig macht und mein Chef völlig den Bezug zur Realität verloren hat. — Jonas zuckte mit den Schultern. — Wieso fragst du so?

Sophie stellte ihm einen Teller mit Buchweizen und einer Frikadelle hin, setzte sich ihm gegenüber und verschränkte die Hände auf der Tischplatte.

— Ich habe heute zufällig gehört, wie deine Mutter Clara Beck und Helena Schäfer erzählt hat, du seist angeblich von unserer Ehe müde und würdest über Scheidung nachdenken. Und falls es dazu käme, hätte ich hier — sie machte eine knappe Bewegung durch die Küche — nichts mehr zu suchen und müsste ausziehen.

Jonas blieb mit der Gabel auf halbem Weg zum Mund stehen.

— Was? — fragte er fassungslos. — Wie kommt sie denn darauf?

— Genau das möchte ich wissen. — Sophies Stimme bebte. — Hast du ihr wirklich gesagt, dass du unsere Ehe nicht mehr erträgst?

— Sophie, ich habe gesagt, dass ich von der Arbeit erledigt bin. Von meinem Chef. Von diesem verdammten Projekt. Von unserer Ehe war überhaupt nicht die Rede. — Jonas legte die Gabel zur Seite und sah seine Frau ernst an. — Glaubst du im Ernst, ich würde mich bei meiner Mutter über dich beklagen?

— Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll, — sagte Sophie leise und senkte den Blick. — Ich habe mit eigenen Ohren gehört, wie sie sagte, Sophie werde hier nicht mehr lange wohnen. Genau so.

Jonas lehnte sich zurück und fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht.

— Das hat sie sich zusammengereimt. Verstehst du? Aus meiner Erschöpfung wegen des Chefs hat sie eine Erschöpfung wegen meiner Frau gemacht, und daraus dann gleich eine Scheidung. Sie sucht doch schon lange nach Dingen, die sie dir vorwerfen kann. Ich sehe das.

— Ich sehe es auch. Aber ich habe geschwiegen, weil ich keinen Streit mit ihr wollte, — erwiderte Sophie. — Und jetzt stellt sich heraus, dass sie längst für uns entschieden hat. Und es sogar den Nachbarinnen erzählt.

Jonas stand auf, ging ein paar Schritte durch die Küche und blieb am Fenster stehen.

— Hör zu, — sagte er, ohne sich umzudrehen. — Morgen reden wir gemeinsam mit ihr. Offen. Ohne Andeutungen. Ich sage ihr, dass ich keine Scheidung plane und dass sie sich aus unseren Angelegenheiten heraushalten soll.

— Und die Wohnung? — fragte Sophie. — Sie meinte, die Wohnung sei dir zwar vermacht worden, aber solange sie lebe, bestimme sie darüber. Und wenn etwas passiere, würde sie mich und Amelie hier rauswerfen.

— Die Wohnung läuft längst auf meinen Namen, — sagte Jonas und runzelte die Stirn. — Oma hat sie mir vererbt, ich habe das Erbe vor zwei Jahren angenommen. Du erinnerst dich doch, wir waren damals zusammen beim Notar.

— Natürlich erinnere ich mich, — nickte Sophie. — Deine Mutter scheint das nur anders zu sehen.

— Dann wird es Zeit, ihr die Tatsachen noch einmal sehr deutlich zu erklären, — sagte Jonas hart.

Am nächsten Tag, einem Samstag, erschien Andrea Lehmann wie üblich ohne Vorwarnung. Sie hatte einen eigenen Schlüssel und hielt es für selbstverständlich, ihn zu benutzen. Jonas hatte sich extra früher von der Arbeit freigenommen, damit er zu Hause war, wenn sie auftauchte.

— Mama, setz dich bitte. Wir müssen reden, — sagte er, kaum dass sie über die Schwelle getreten war.

Seine Mutter wurde sofort wachsam. Trotzdem nahm sie am Küchentisch Platz und legte die Hände ordentlich vor sich hin, fast wie ein Schulmädchen im Unterricht.

— Was ist denn passiert? Ist Amelie krank?

— Amelie geht es gut. Sie ist bei der Nachbarin und spielt, — antwortete Sophie und setzte sich neben Jonas.

— Mama, Sophie hat mir gestern erzählt, was du Clara Beck und Helena Schäfer über unsere angebliche Scheidung gesagt hast, — begann Jonas ohne Umschweife. — Dass ich angeblich genug von meiner Ehe hätte und mich trennen wolle. Das stimmt nicht. Ich habe dir gesagt, dass mich meine Arbeit erschöpft. Mein Chef. Mehr nicht. Über Sophie oder unsere Ehe habe ich kein einziges Wort in dieser Richtung verloren.

Andrea Lehmann wurde blass, fing sich jedoch rasch wieder und strich mit einer gewohnten Bewegung den Kragen ihrer Bluse glatt.

— Aber du hast doch selbst gesagt, du seist müde, — setzte sie an. — Da habe ich eben gedacht…

— Du hast nicht nur gedacht, du hast weitergesponnen, — unterbrach Jonas sie. — Und dann hast du es den Nachbarinnen erzählt. Du hast behauptet, Sophie werde bald nicht mehr hier wohnen und du würdest über die Wohnung verfügen, obwohl sie längst auf mich übertragen ist. Das weißt du sehr genau.

— Ja, ja, das weiß ich doch, — sagte Andrea hastig und nickte. — Aber ich bin deine Mutter. Ich mache mir Sorgen.

— Sorge bedeutet, nachzufragen, ob bei uns alles in Ordnung ist, — sagte Sophie, die sich nun zum ersten Mal einmischte. Ihre Stimme war ruhig, aber fest. — Sorge bedeutet nicht, für Jonas und mich zu entscheiden, wo ich leben darf. Und schon gar nicht, das mit Nachbarinnen zu besprechen, als wäre ich ein Gegenstand, den man jederzeit vor die Tür stellen kann.

— Sophie, du übertreibst, — versuchte Andrea den Ton zu mildern.

— Mama, — sagte Jonas erneut, — wenn du dir noch einmal erlaubst, unsere Ehe mit Außenstehenden zu besprechen oder darüber zu bestimmen, wo wir wohnen, dann lasse ich das Schloss auswechseln. Dann passt dein Schlüssel nicht mehr. Und wir treffen uns künftig anderswo, aber nicht mehr hier.

Andrea schnappte nach Luft und presste eine Hand an die Brust.

— Du drohst mir? Deiner eigenen Mutter?

— Ich setze Grenzen, — antwortete Jonas ruhig. — Du bist meine Mutter, und ich liebe und respektiere dich. Aber diese Wohnung gehört zu meinem Leben, zu Sophies Leben und zu Amelies Leben. Wie wir hier leben, entscheiden wir. Nicht du.

Das Gespräch endete an diesem Tag mit Tränen, einer zugeschlagenen Tür und einem Anruf eine Stunde später, in dem Andrea sich entschuldigte. Sie konnte schnell abkühlen, sobald sie begriff, dass sie zu weit gegangen war. Sophie nahm die Entschuldigung an, höflich und zurückhaltend, aber ohne sich etwas vorzumachen. Sie spürte, dass die Sache damit nicht erledigt war, sondern nur für eine Weile ruhte.

Und sie sollte recht behalten. Einen Monat später, zu Beginn des Herbstes, nahm die Geschichte eine Wendung, mit der niemand gerechnet hätte.

Alles begann mit einem Telefonanruf. Sophie war allein zu Hause; Jonas befand sich für eine Woche auf Dienstreise, Amelie war im Kindergarten. Da klingelte ihr Handy, und auf dem Display erschien eine unbekannte Nummer.

— Guten Tag, hier spricht das Notariat Garant, — sagte eine höfliche Frauenstimme. — Könnte ich bitte Herrn Jonas Meier sprechen?

— Er ist im Moment nicht da, er ist dienstlich verreist, — antwortete Sophie sofort angespannt. — Ich bin seine Frau. Kann ich ihm etwas ausrichten?

— In unseren Unterlagen ist ein Termin auf seinen Namen vermerkt, den wir gern bestätigen würden.

LebensKlüber