— Es geht um Freitag, um die Neuausstellung einer Vollmacht zur Verfügung über eine Immobilie, — erklärte die Frau. — Den Antrag hat Andrea Lehmann eingereicht, Ihre Schwiegermutter, wenn ich das richtig sehe. Wir benötigen eine Bestätigung des Eigentümers, da es um die Wohnung geht, die auf Herrn Jonas Meier eingetragen ist.
Sophie wurde es schlagartig eiskalt.
— Entschuldigen Sie, von welcher Vollmacht sprechen Sie? — fragte sie nach und zwang sich, ruhig zu klingen.
— Um eine umfassende Vollmacht, mit der über die Wohnung in der … verfügt werden dürfte, — die Frau nannte ihre Adresse, — einschließlich Verkauf, Schenkung und anderer Rechtsgeschäfte. Die Antragstellerin gab an, die Vollmacht werde für den Fall benötigt, dass der Eigentümer, also Ihr Mann, aus gesundheitlichen Gründen oder wegen anderer Umstände längere Zeit nicht erreichbar sein sollte.
Sophie spürte, wie ihr das Blut aus dem Gesicht wich.
— Und so etwas kann ohne die Zustimmung von Herrn Jonas Meier ausgestellt werden? — fragte sie, während sie mit aller Kraft versuchte, ihre Stimme nicht zittern zu lassen.
— Nein, selbstverständlich nicht. Eine Vollmacht erteilt ausschließlich der Eigentümer selbst und freiwillig, — antwortete die Notarin. — Ihre Schwiegermutter hat einige Unterlagen vorbeigebracht und gebeten, alles schon vorzubereiten, damit Herr Meier bei persönlicher Anwesenheit nur noch unterschreiben muss. Sie sagte, er sei informiert und werde demnächst zur Unterschrift erscheinen.
— Er weiß von nichts, — sagte Sophie fest. — Er ist auf Dienstreise, hat von dieser Vollmacht keine Ahnung, und ich bin sicher, dass er so etwas weder unterschrieben hat noch unterschreiben würde.
Am anderen Ende entstand eine unangenehme Stille.
— In Ordnung. Dann werde ich den Termin am Freitag bis zur Klärung der Sache stornieren, — sagte die Notarin schließlich. — Bitte richten Sie Herrn Meier aus, dass er sich persönlich mit uns in Verbindung setzen soll, falls er die Angelegenheit besprechen möchte.
Sophie beendete das Gespräch und blieb lange reglos sitzen, den Blick starr auf einen Punkt gerichtet. Eine Generalvollmacht, die den Verkauf und sogar die Schenkung der Wohnung ermöglichen sollte. Für den Fall einer „längeren Nichterreichbarkeit aus gesundheitlichen Gründen“. Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Hatte ihre Schwiegermutter tatsächlich ein Szenario im Kopf, in dem Jonas handlungsunfähig wurde oder verschwand — und sie dann über die Wohnung bestimmen konnte?
Sophie griff sofort wieder zum Handy und rief ihren Mann an.
— Jonas, ich glaube, ich habe sehr schlechte Nachrichten für dich, — sagte sie, kaum dass er abgenommen hatte.
Sie berichtete ihm das Gespräch mit der Notarin, Satz für Satz, ohne etwas auszulassen. Jonas schwieg so lange, dass Sophie schließlich fragte, ob er sie überhaupt noch höre.
— Ich höre dich, — sagte er endlich dumpf. — Sophie, das geht zu weit. Eine Vollmacht zum Verkauf meiner Wohnung hinter meinem Rücken — das ist nicht mehr „Mama macht sich Sorgen“. Das ist der Versuch, sich fremdes Eigentum unter den Nagel zu reißen.
— Was machen wir jetzt? — fragte Sophie leise.
— Ich komme früher zurück, — antwortete Jonas knapp. — Ich nehme morgen den Zug. Dann klären wir das persönlich.
Jonas brach seine Dienstreise tatsächlich zwei Tage früher ab. Als er nach Hause kam, wirkte er düster, aber entschlossen. Zuerst fuhr er direkt zum Notariat und nahm sämtliche Unterlagen zur Wohnung mit. Sophie blieb zu Hause, doch sie fand den ganzen Abend keine Ruhe. Immer wieder ging sie zum Fenster und sah hinaus, ob sein Wagen bereits in die Straße einbog.
Es war spät, als Jonas zurückkehrte. Sein Gesicht war hart wie Stein.
— Und? — fragte Sophie sofort, kaum dass er über die Schwelle getreten war.
— Die Notarin hat bestätigt, dass meine Mutter wirklich dort war. Sie hatte eine Kopie eines alten Eigentumsnachweises dabei — noch aus der Zeit, als die Wohnung vor der Erbschaft formal auf meine Großmutter lief, — sagte Jonas und ließ sich erschöpft auf den Stuhl im Flur fallen. — Offenbar dachte sie, diese Papiere seien noch gültig. Sie wusste wohl nicht, dass das Notariat die aktuellen Daten ohnehin über das Grundbuchamt prüft.
— Das heißt, sie wollte eine Vollmacht für die Wohnung vorbereiten lassen und hat dafür veraltete Unterlagen vorgelegt? — fragte Sophie, obwohl sie die Antwort längst kannte.
— Genau danach sieht es aus, — nickte Jonas. — Und das Schlimmste ist: Die Notarin sagte, meine Mutter habe erwähnt, ihr Sohn werde bald zur Unterschrift vorbeikommen. Entweder wollte sie mich irgendwie dazu bringen, das zu unterschreiben, oder … — er hielt kurz inne, — oder sie hatte vor, meine Unterschrift zu fälschen beziehungsweise irgendeinen Weg zu finden, mich ganz zu umgehen.
Sophie dachte an ihre Arbeit beim Grundbuchamt, an all die Fälle von Immobilienbetrug, die über ihren Schreibtisch gegangen waren. Plötzlich wurde ihr übel, weil ihr dieses Muster so vertraut vorkam — nur dass es diesmal nicht irgendeine fremde Akte betraf, sondern ihre eigene Familie.
— Jonas, ich habe beruflich genug solcher Geschichten gesehen, — sagte sie leise. — Meist endet es schlecht für denjenigen, dem man das Eigentum wegnehmen will. Wir müssen sehr ernst mit deiner Mutter sprechen. Und vielleicht sollten wir zusätzlich einen Anwalt einschalten, um die Wohnung offiziell abzusichern — zum Beispiel durch einen Sperrvermerk oder eine Regelung, damit ohne deine persönliche Anwesenheit und Unterschrift keinerlei Geschäft möglich ist.
— Einverstanden, — sagte Jonas. — Aber zuerst rede ich mit meiner Mutter. Ich will aus ihrem eigenen Mund hören, wozu sie das gebraucht hat.
Am nächsten Tag fuhren sie gemeinsam zu Andrea Lehmann. Amelie ließen sie bei der Nachbarin. Die Schwiegermutter öffnete ihnen mit einem misstrauischen Blick; offenbar ahnte sie bereits, dass ihr Vorhaben aufgeflogen war.
— Mama, — begann Jonas, kaum dass sie die Wohnung betreten hatten, — mich hat die Notarin vom Notariat Garant kontaktiert. Sie hat mir von der Vollmacht erzählt, die du für meine Wohnung vorbereiten lassen wolltest. Erklär mir bitte, was das soll.
Andrea Lehmann wurde blass, bemühte sich aber sofort, Haltung zu bewahren.
— Was gibt es da groß zu erklären? Im Leben kann alles passieren. Stell dir vor, dir stößt etwas zu — ein Unfall, eine Krankheit — und die Wohnung hängt dann ohne handlungsfähigen Eigentümer in der Luft. Man kann sie weder verkaufen noch vernünftig verwalten. Ich habe doch nur an euch gedacht, vor allem an meine Enkelin.
— Mama, — sagte Jonas scharf, — die Wohnung „hängt“ nicht irgendwo. Ich habe eine Ehefrau, und es gibt gesetzliche Erben: Sophie und Amelie. Wenn mir etwas passiert, regeln sie alles so, wie es das Gesetz vorsieht. Ich brauche keine Vollmacht auf dich. Erst recht keine Generalvollmacht, mit der du verkaufen oder verschenken könntest.
— Du begreifst es nicht, — die Stimme seiner Mutter bebte. — Und wenn Sophie irgendwann auf andere Gedanken kommt? Wenn sie sich scheiden lässt, einen anderen heiratet und sich die Wohnung über die Tochter trotzdem sichert? Ich wollte nur vorsorgen, damit die Wohnung in unserer Familie bleibt und nicht in fremde Hände gerät.
Sophie stand schweigend daneben und hörte jedes Wort. In ihr riss endgültig etwas ab. Nun ergab alles einen Sinn: Für Andrea Lehmann war sie von Anfang an kein Mensch gewesen, nicht die Mutter ihrer Enkelin, sondern ein vorübergehendes Hindernis — eine Bedrohung.
