„Lange wird Sophie hier jedenfalls nicht mehr wohnen“ sagte die Schwiegermutter, und Sophie erstarrte hinter dem Vorhang

Erbärmlich, wie kalt Menschen über andere urteilen.
Geschichten

Sophie Huber wischte gerade den Boden auf dem Balkon. Sie stand halb hinter dem Vorhang verborgen, als ihre Schwiegermutter ins Wohnzimmer kam und mit fester Stimme sagte:

— Lange wird Sophie hier jedenfalls nicht mehr wohnen.

Der Lappen blieb in Sophies Hand reglos hängen. Aus dem Eimer tropfte Wasser auf die Fliesen — tropf, tropf — und plötzlich nahm sie dieses Geräusch so deutlich wahr, als hätte jemand eigens für sie die Lautstärke aufgedreht. Hinter dem dichten Leinenvorhang mit den kleinen Blumen, den sie vor drei Jahren selbst genäht hatte, staute sich die Luft. Es roch nach Chlorreiniger und Mandarinenschalen; am Morgen hatte sie am Fenster Mandarinen geschält, die Schalen lagen noch immer in einer kleinen Schale. Sophie erstarrte. Sie wagte kaum zu atmen, aus Angst, eine Diele könnte knarren.

Im Wohnzimmer klirrten Tassen. Besuch war gekommen: Tante Clara Beck und die Nachbarin Helena Schäfer. Andrea Lehmann hatte sie zum Tee eingeladen, wegen des Geburtstags ihrer Enkelin, obwohl Sophies Tochter Amelie Vogel ihren Ehrentag im Kindergarten gefeiert hatte — mit der Erzieherin und einer Torte, auf der eine Märchenfee aus einem Zeichentrickfilm prangte.

— Andrea, wie meinst du das denn? — fragte Tante Clara nach. Dem Geräusch nach rührte sie gerade Zucker in ihren Tee. — Wo soll Sophie denn hin?

— Dahin, wo sie eben hingehört, — sagte die Schwiegermutter genüsslich. — Jonas Meier hat mich gestern angerufen. Er sagt, er sei müde. Er denke über einiges nach.

— Über eine Scheidung? — Helena Schäfer schnappte hörbar nach Luft.

— Worüber denn sonst? Drei Jahre verheiratet, und keinen Tag Ruhe im Haus. Mal soll für sie die Wohnung renoviert werden, mal braucht sie unbedingt Urlaub am Meer, dann hat sie angeblich Depressionen. Eine junge, gesunde Frau, aber richtig arbeiten tut sie nicht. Schreibt ein paar Geschichtchen ins Internet und bekommt dafür ein paar Euro.

Sophie stand hinter dem Vorhang, und ihre Wangen brannten, als hätte sie das Gesicht in einen geöffneten Ofen gehalten. Der nasse Lappen in ihrer Hand wurde mit einem Mal schwer, als sei er mit Blei gefüllt.

— Na ja, dann lassen sie sich eben scheiden, — meinte Tante Clara nüchtern. — So etwas kommt vor.

— Und auf wen läuft die Wohnung? — erkundigte sich Helena Schäfer sachlich. An ihrer Stimme hörte man, dass sie sich vorgebeugt hatte; nun war ihre Neugier geweckt.

— Genau das ist ja der Punkt, — Andrea Lehmann senkte die Stimme. Doch Sophie, in die Balkonecke gedrückt, verstand jedes Wort so klar, als würde es durch einen Lautsprecher hallen. — Meine Mutter, Gott hab sie selig, hat diese Wohnung Jonas vermacht. Aber solange ich lebe, bestimme ich hier. So habe ich es beschlossen. Und wenn Jonas sich scheiden lässt, hat Sophie in dieser Wohnung nichts mehr verloren. Soll sie mit der Kleinen zu ihrer Mutter ziehen. Die hat doch eine Einzimmerwohnung frei.

— Und das Kind? — fragte Tante Clara, nun weniger überzeugt.

— Was soll mit dem Kind sein? Jonas wird Amelie sehen dürfen, ich bin ja kein Unmensch. Aber dass Sophie hier weiterlebt, das wird nicht passieren. Das habe ich endgültig entschieden. Drei Jahre lang sitzt sie mir schon auf der Tasche, kocht nur, wenn es ihr passt, putzt nachlässig, und trotzdem spielt sie sich auf, als hätte sie hier alle Rechte. Ihre Zeit in dieser Wohnung ist gezählt, das sage ich euch.

Sophie sank auf das kleine Bänkchen neben der Balkontür. Ihre Beine fühlten sich plötzlich weich und kraftlos an. In ihrem Kopf blieb nur ein einziges Wort hängen, das sie völlig unvorbereitet getroffen hatte: gezählt. Nicht „sie zieht aus“, nicht „sie geht weg“ — ihre Zeit sei gezählt. Diese Formulierung kratzte an etwas Altem, Abergläubischem, und für einen kurzen Moment bekam sie eine echte, körperliche Angst. Sie schüttelte den Kopf, um den unsinnigen Gedanken zu vertreiben. Natürlich meinte ihre Schwiegermutter die Scheidung und den Auszug, nichts Dunkleres. Trotzdem blieb ein klebriger Nachgeschmack zurück, zäh wie verschütteter Honig.

Der Lappen glitt ihr aus den Fingern und klatschte auf die Fliesen. Im Wohnzimmer verstummte Andrea Lehmann abrupt.

— Leiser, — zischte sie ihren Gästen zu. — Ich glaube, Sophie ist zu Hause.

— Sie hat doch eben noch in der Küche herumgeklappert, — flüsterte Helena Schäfer.

— Wer weiß, wo sie jetzt steckt. Ich sehe nach.

Sophie sprang auf, griff hastig nach dem Wischmopp und begann, ihn über den Boden zu schieben, als hätte sie diese Arbeit keine Sekunde unterbrochen. Der Vorhang bewegte sich, und ihre Schwiegermutter steckte den Kopf auf den Balkon.

— Warum brauchst du hier so lange? — fragte Andrea Lehmann. Ihr Gesicht war vollkommen ruhig, als hätte sie nicht eben beim Tee über das Schicksal ihrer Schwiegertochter geurteilt.

— Ich wische den Boden, — erwiderte Sophie mit möglichst gleichmäßiger Stimme, ohne aufzusehen. — Amelie malt hier ständig mit Kreide, überall sind Schlieren.

— Aha, — machte die Schwiegermutter gedehnt. Dann verlor sie offenbar das Interesse und ging zurück ins Zimmer.

Sophie setzte sich wieder auf das Bänkchen und blieb eine ganze Weile dort, den Blick auf die seifigen Streifen am Boden gerichtet. Draußen im Hof ging das Leben weiter: irgendwo prallte ein Ball gegen Asphalt, Kinder lachten, ein Hund bellte. Alles klang alltäglich, beinahe friedlich. Nur in ihr selbst war etwas erstarrt.

Sie zog ihr Handy hervor und wollte Jonas schreiben: „Komm bitte früher, wir müssen reden.“ Doch ihr Finger blieb über dem Display stehen. Was sollte sie ihm sagen? „Ich habe gehört, wie deine Mutter mit den Nachbarinnen unsere Scheidung besprochen hat“? Und wenn er fragte, weshalb sie hinter dem Vorhang gestanden und gelauscht hatte? Sie konnte sagen, dass sie es zufällig gehört hatte — was ja sogar stimmte.

Schließlich steckte sie das Telefon wieder weg, trocknete die Hände an der Schürze und trat hinter dem Vorhang hervor. Sie bemühte sich, so auszusehen, als sei nichts geschehen. Die Gäste verabschiedeten sich bereits und zogen im Flur ihre Mäntel an.

— Sophie, Kind, warum bist du denn so blass? — fragte Tante Clara mit gespielter oder echter Anteilnahme, während sie ihre Knöpfe schloss.

— Kopfschmerzen, — log Sophie. — Hier ist es so stickig.

— Du solltest dich mit dem Putzen nicht so übernehmen, — sagte Helena Schäfer kopfschüttelnd. — Du schonst dich wirklich gar nicht.

Als sich die Tür hinter den beiden Frauen geschlossen hatte, kam Andrea Lehmann in die Küche zurück. Sophie stand am Spülbecken und wusch schweigend die Tassen ab.

— Holst du Amelie heute aus dem Kindergarten, oder soll ich gehen? — fragte die Schwiegermutter in einem vollkommen alltäglichen Ton, als hätte sie nicht vor einer Stunde Sophies Ehe für beendet erklärt.

— Ich hole sie selbst, — antwortete Sophie leise.

— Gut. Mir macht heute wieder die Arthritis zu schaffen, ich habe keine Lust, noch rauszugehen.

Sophie spülte die letzten Tassen, trocknete sich die Hände am Handtuch ab und sah ihre Schwiegermutter schließlich direkt an.

— Andrea, hat Jonas dich gestern wirklich angerufen? Hat er gesagt, dass er müde ist?

Für den Bruchteil einer Sekunde zuckte Andrea Lehmann zusammen, doch sie fing sich sofort.

— Ja, hat er. Darf ein Sohn seine Mutter etwa nicht anrufen?

— Doch, natürlich, — sagte Sophie. — Ich frage mich nur, was genau er erzählt hat.

— Das, was erschöpfte Männer eben sagen, — wich Andrea Lehmann aus. Dann verließ sie die Küche und ließ Sophie allein zurück, mit dem Geschirrberg und einem schweren Knoten in der Brust.

Wie ferngesteuert beendete Sophie den Abwasch, trocknete die Arbeitsfläche, legte die Schürze ab. In ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke: Sie musste noch heute mit Jonas Meier sprechen. Direkt, ohne Andeutungen, ohne Ausweichen. Sie würde nicht schweigen und zusehen, wie andere hinter ihrem Rücken über ihr Leben entschieden, als wäre sie ein Möbelstück, das man mit einem einzigen Handgriff aus der Wohnung tragen konnte.

Um halb sechs holte sie Amelie Vogel aus dem Kindergarten ab. Das Mädchen rannte ihr entgegen, in der Hand ein Bild, auf dem in Rosa und Gelb drei Figuren zu sehen waren: Mama, Papa und sie selbst, Hand in Hand unter einer großen Sonne.

— Das sind wir! — verkündete Amelie stolz.

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