„Daniel behält sie aus Mitleid“ sagte Paula laut in der Küche, während Hannah wortlos die Treppe hinaufging

Erbärmliche Ignoranz fühlte sich unerträglich und beschämend an.
Geschichten

Drittens sammelte Hannah Unterlagen. Rechnungen für Rohre, Fenster, die Waschmaschine und die Tapeten. Den Vertrag mit dem Handwerker, der die neuen Fenster eingesetzt hatte. Zahlungsbelege für Nebenkosten und Strom, die sie in jenen Monaten beglichen hatte, in denen Daniel es wieder einmal vergessen hatte. Alles lag in derselben Schachtel oben auf dem Schrank.

Sie bereitete sich nicht auf einen Krieg vor. Sie sorgte nur dafür, dass sie, falls man eines Tages zu ihr sagte: „Geh“, auch tatsächlich einen Ort hätte, an den sie gehen konnte.

In dieser Zeit nannte Paula Roth sie noch vier weitere Male eine „Geduldete“. Hannah zählte mit.

Einmal in Gegenwart einer Nachbarin von Elisabeth Weiß.

Einmal vor einer Erzieherin in der Kita, als Paula gekommen war, um Emilia an Hannahs Stelle abzuholen.

Einmal am Telefon, aber so laut und deutlich, dass Hannah es hören musste.

Und einmal direkt vor Emilia. Das Mädchen war damals zweieinhalb. Paula ging vor ihr in die Hocke, lächelte süßlich und sagte:

„Du bist ja wirklich hübsch geworden. Zum Glück kommst du nicht nach deiner Mutter.“

Emilia begriff den Satz nicht. Hannah dagegen verstand jedes einzelne Wort.

Der Wendepunkt kam im März, kurz nachdem Emilia drei geworden war.

Elisabeth Weiß verkündete, sie wolle die Wohnung in der Lindenstraße verkaufen. Man habe ihr ein gutes Angebot gemacht: zweiunddreißigtausend Euro. Sie plane, dauerhaft in ihr kleines Haus außerhalb zu ziehen, es richtig dämmen zu lassen und künftig das ganze Jahr dort zu wohnen.

„Du und Daniel werdet euch also etwas Eigenes suchen müssen“, sagte sie beim Abendessen. Nicht feindselig, nicht gehässig. Eher so, als würde sie eine unveränderliche Tatsache aussprechen.

Daniel wurde blass.

„Mama, wir wohnen doch hier. Emilias Kita ist gleich gegenüber.“

„Das weiß ich“, erwiderte Elisabeth ruhig. „Aber es ist meine Wohnung, Daniel. Ich habe dreißig Jahre dafür gezahlt.“

Hannah sagte kein Wort. In ihr war es plötzlich still. Und klar.

Am nächsten Tag rief sie eine Anwältin an. Nicht, weil sie klagen wollte. Nur um sich beraten zu lassen. Sie fragte, ob sie Anspruch auf Erstattung für Renovierungen haben könnte, wenn die Wohnung nicht ihr gehörte, sie aber eigenes Geld hineingesteckt hatte. Die Anwältin erklärte ihr, mit Rechnungen, Verträgen und Zahlungsnachweisen könne man es unter Umständen als ungerechtfertigte Bereicherung geltend machen. Keine sichere Sache, aber eine Möglichkeit.

Hannah bedankte sich und legte auf.

Sie hatte nicht vor, Elisabeth Weiß vor Gericht zu zerren. Doch nun wusste sie, dass die Belege in der Schachtel mehr waren als bloß eine pedantische Angewohnheit.

Paula erfuhr vom geplanten Verkauf der Wohnung noch vor Hannah. Und reagierte auf ihre ganz eigene Art.

Sie rief Daniel an und sagte:

„Mutter verkauft die Wohnung. Das Geld wird sie zwischen uns aufteilen. Pass nur auf, dass deine da nicht plötzlich mit irgendwelchen Forderungen ankommt. Die hat in diese Wohnung keinen einzigen Cent gesteckt.“

Daniel erzählte Hannah von diesem Gespräch. Vermutlich rechnete er damit, dass sie schweigen würde. Wie immer.

„Keinen einzigen Cent?“, fragte Hannah.

„Na ja“, sagte Daniel ausweichend, „Paula sieht das eben so.“

„Und du?“

Daniel schwieg einen Moment.

„Ich denke, wir sind eine Familie. Wir werden das schon regeln.“

Hannah nickte. Doch noch am selben Abend holte sie die Schachtel vom Schrank herunter. Sie ordnete die Rechnungen und zählte alles zusammen. Die Summe der Ausgaben in drei Jahren belief sich auf viertausendzweihundertachtzig Euro: Rohre, Fenster, Waschmaschine, Tapeten, kleinere Arbeiten im Bad, ein neuer Wasserhahn, ein ausgetauschtes Schloss an der Wohnungstür.

Jeden einzelnen Beleg fotografierte sie ab und lud die Bilder in einen Cloud-Speicher.

Zwei Wochen später hatte Elisabeth Weiß einen Käufer gefunden. Der Notartermin wurde auf April gelegt. Hannah und Daniel mussten sich ummelden.

Hannah ging allein zum Bürgeramt. Sie meldete sich ab und ließ Emilia auf ihre neue Adresse eintragen. Dann fand sie eine kleine Einzimmerwohnung in der Südstraße für hundertachtzig Euro im Monat. Sie zahlte die erste und die letzte Monatsmiete im Voraus. Innerhalb von zwei Tagen brachte sie ihre Sachen hinüber, während Daniel bei der Arbeit war.

Als er zurückkam, stand er in einer leeren Wohnung.

Kurz darauf klingelte ihr Handy.

„Hannah, wo bist du?“

„In der Südstraße. Emilia und ich sind umgezogen.“

LebensKlüber