Hannah Köhler hörte dieses Wort zum ersten Mal in der Küche ihrer Schwiegermutter, als Emilia Lehmann gerade acht Monate alt war.
Ihre Schwägerin Paula Roth saß am Fenster, schälte eine Mandarine und telefonierte mit einer Freundin. Nicht leise, nicht verstohlen, sondern so laut, dass es jeder hören musste.
— Was soll sie denn für eine Ehefrau sein? Sie hängt doch nur wegen des Kindes hier herum. Daniel behält sie aus Mitleid, weil Emilia noch so klein ist. Sonst hätte er das längst geklärt.
Hannah stand im Flur, die Babyflasche in der Hand. Emilia atmete schwer und warm an ihrer Schulter. Elisabeth Weiß spülte kaum drei Meter von Paula entfernt das Geschirr und drehte sich nicht einmal um.
Niemand reagierte.

Hannah ging damals wortlos an der Küche vorbei, stieg die Treppe hinauf und setzte sich im Zimmer aufs Bett. Emilia schlief ein. Die Flasche wärmte Hannah nicht mehr auf.
Sie weinte nicht. Sie blieb nur sitzen und hörte, wie Paula unten lachte.
Daniel kam erst gegen neun von der Arbeit zurück. Hannah sagte kein Wort. Nicht, weil sie Angst vor einem Streit gehabt hätte. Sie wusste nur zu genau, wie es laufen würde. Daniel würde sagen: Paula redet Unsinn, hör nicht hin. Elisabeth Weiß würde hinzufügen: So hat sie das doch gar nicht gemeint. Und eine Woche später würde sich alles wiederholen.
Vor der Elternzeit hatte Hannah als Buchhalterin in einer Baufirma gearbeitet. Ihr Monatslohn lag bei ungefähr 460 Euro. Kein Vermögen, aber eigenes Geld. Die Wohnung, in der sie lebten, gehörte Elisabeth Weiß: zwei Zimmer in einem schlichten Nachkriegsbau an der Kieler Straße. Von Frühling bis November wohnte die Schwiegermutter meist in ihrem Gartenhaus, im Winter zog sie mal zu ihnen, mal zu Paula. Daniel übernahm die Nebenkosten und war überzeugt, dass sie praktisch umsonst wohnten.
Hannah sah das anders. Innerhalb von zwei Jahren hatte sie die Rohre austauschen lassen, eine Waschmaschine gekauft, das Kinderzimmer neu tapeziert und im Wohnzimmer Kunststofffenster einsetzen lassen. Bezahlt hatte sie alles von ihren eigenen Ersparnissen. Die Quittungen lagen in einem Schuhkarton oben auf dem Hängeboden. Sie hatte nie vorgehabt, jemandem etwas zu beweisen. Sie war nur daran gewöhnt, Belege aufzubewahren.
Doch das Wort „Schmarotzerin“ vergaß sie nicht.
Beim zweiten Mal sagte Paula es in Daniels Gegenwart.
Es war Emilias erster Geburtstag. Am Tisch saßen Elisabeth Weiß, Paula Roth mit ihrem Mann Michael Fuchs, Daniel Vogel und Hannah. Emilia stocherte in ihrem Hochstuhl in einem Stück Kuchen herum.
Paula schenkte dem Kind einen kleinen Silberlöffel mit Gravur und bemerkte:
— Wenigstens hat das Kind dann etwas Eigenes. Von seiner Mutter bekommt es ja nichts, die besitzt nicht einmal ein Dach über dem Kopf.
Michael schnaubte belustigt. Elisabeth Weiß schwieg. Daniel sah Hannah kurz an und senkte dann den Blick.
Hannah nahm den Löffel, bedankte sich ruhig und legte ihn in eine Schublade.
Als die Gäste am Abend gegangen waren, fragte sie Daniel:
— Hast du gehört, was deine Schwester gesagt hat?
— Ja, habe ich. Paula plappert eben. Nimm dir das nicht zu Herzen.
— Ich nehme es mir nicht zu Herzen. Aber du hättest ihr etwas erwidern können.
— Und was genau? Dann ist sie beleidigt, Mutter stellt sich auf ihre Seite, und am Ende haben wir ein Theater. Willst du das?
In diesem Moment begriff Hannah zwei Dinge. Erstens: Daniel würde sich ihretwegen nicht mit seiner Schwester anlegen. Zweitens: Sie konnte nicht sofort gehen, weil sie keinen Ort hatte, an den sie gehen konnte. Eine eigene Wohnung besaß sie nicht. Mit einem Kind und nur einem Buchhalterinnengehalt wäre eine Mietwohnung zwar irgendwie machbar gewesen, aber nur mit äußerster Mühe. Und zurück im Beruf war sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Also begann Hannah zu rechnen.
In den folgenden anderthalb Jahren tat sie drei Dinge.
Erstens kehrte sie an ihren Arbeitsplatz zurück, sobald Emilia anderthalb Jahre alt war. Mit der Leiterin der Kita vereinbarte sie verkürzte Betreuungszeiten. Morgens brachte sie Emilia hin, gegen vier holte sie sie wieder ab.
Zweitens legte sie Geld zurück. Natürlich nicht ihr gesamtes Gehalt. Aber jeden Monat überwies sie etwa 150 Euro auf ein separates Sparkonto, das sie bei einer anderen Bank nur auf ihren eigenen Namen eröffnet hatte. Daniel kannte lediglich Hannahs Gehaltskonto bei der Sparkasse. Von diesem Sparvertrag wusste Daniel nichts.
