„Wie, umgezogen? Weshalb denn?“
„Weil deine Mutter die Wohnung verkauft. Früher oder später hätten wir sowieso rausgemusst.“
„Aber wir hätten uns doch gemeinsam etwas mieten können!“
„Hätten wir“, sagte Hannah ruhig. „Nur muss ich erst herausfinden, ob ich überhaupt noch mit dir zusammenleben will.“
Daniel schwieg. Und dieses Schweigen war das erste, das ihn wirklich etwas kostete.
Von dem Auszug erfuhr Paula durch Elisabeth Weiß. Natürlich konnte sie es nicht für sich behalten.
Sie schrieb Daniel eine Nachricht. Später zeigte er sie Hannah, als er mit einer Einkaufstüte und einem schuldbewussten Gesicht in der Südstraße auftauchte.
Darin stand: „Na also, die Schmarotzerin ist von selbst gegangen. Hab ich doch gesagt. Sie nimmt Emilia mit und lässt dich sitzen. Sag Mama, sie soll das Geld aus dem Wohnungsverkauf nicht durch drei teilen. Wir sind nur zu zweit.“
Hannah las die Zeilen, gab ihm das Handy zurück und fragte nur:
„Hast du ihr geantwortet?“
„Noch nicht.“
„Dann lass es.“
Sie erklärte nichts weiter. In ihrem Kopf war die Entscheidung bereits gefallen.
Ende April verkaufte Elisabeth die Wohnung. Zweiunddreißigtausend Euro gingen auf ihr Konto.
Im Mai lud sie Daniel und Paula in ihr kleines Wochenendhaus ein. Dort wollte sie besprechen, wie das Geld aufgeteilt werden sollte. Hannah wurde nicht eingeladen.
Daniel erzählte es ihr später. Elisabeth wollte sechzehntausend Euro für sich behalten, um das Häuschen zu dämmen. Der Rest sollte gerecht verteilt werden: achttausend für Daniel, achttausend für Paula.
Paula hatte dazu nur gesagt: „Aber Daniel soll seiner bloß keinen Cent geben. Das ist Familiengeld. Sie gehört nicht zu uns.“
Daniel sagte nichts.
Schon wieder schwieg er.
Im Juni reichte Hannah die Scheidung ein.
Daniel wollte es zuerst nicht glauben. Er kam in die Südstraße, blieb im Türrahmen stehen und starrte sie an.
„Wegen Paula? Wegen eines blöden Satzes?“
„Nicht wegen eines Satzes, Daniel. Sondern weil du jedes einzelne Mal geschwiegen hast, wenn sie so geredet hat. Weil du nichts gesagt hast, als sie mich vor deiner Mutter eine Fremde nannte. Und weil du nicht ein einziges Mal gesagt hast: Das ist meine Frau, die Mutter meines Kindes, und sie hat in eure Wohnung fast fünftausend Euro gesteckt.“
Langsam setzte Daniel sich auf den Hocker.
„Was für fünftausend Euro?“
„Viertausendzweihundertachtzig. Rohre. Fenster. Waschmaschine. Tapeten. Bad. Schloss. Wasserhahn. Alles belegt, mit Quittungen.“
Er sah sie an, als hätte er sie noch nie zuvor richtig betrachtet.
„Du hast das alles aufgehoben?“
„Ich bin Buchhalterin, Daniel. Ich hebe alles auf.“
Der Scheidungstermin wurde für September angesetzt. Streit um gemeinsames Vermögen gab es nicht, denn praktisch existierte keines. Die Wohnung hatte ihnen nie gehört. Ein Auto besaßen sie nicht. Gemeinsame Kredite hatten sie nicht aufgenommen. Emilia blieb bei ihrer Mutter; Daniel widersprach nicht.
Doch Hannah beließ es nicht dabei. Gegen Elisabeth Weiß reichte sie eine separate Klage ein. Es ging nicht um eine Aufteilung des Verkaufserlöses, sondern um die Rückforderung einer ungerechtfertigten Bereicherung: Investitionen in fremdes Eigentum in Höhe von viertausendzweihundertachtzig Euro, nachgewiesen durch Rechnungen, Verträge und Zahlungsbelege.
Der Anwalt warnte sie, das Gericht könne die Summe kürzen oder einzelne Posten nicht anerkennen. Aber die Unterlagen seien solide.
Als Elisabeth von der Klage erfuhr, rief sie Daniel an.
„Meint sie das ernst? Sie verklagt mich?“
„Mama, sie hat drei Jahre lang deine Wohnung mit ihrem eigenen Geld renoviert. Das wusstest du.“
„Ich habe sie nicht darum gebeten!“
„Du hast es aber auch nicht abgelehnt. Und Paula hat sich auch nicht beschwert, als plötzlich warmes Wasser durch neue Leitungen kam.“
Zum ersten Mal schwieg Daniel nicht. Nur kam es viel zu spät.
Die Verhandlung fand im Oktober statt. Hannah erschien mit ihrem Anwalt. Elisabeth kam zusammen mit Paula.
Paula saß im Saal, kerzengerade, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Als die Richterin begann, die Unterlagen aus der Akte zu verlesen, wurde Paula sichtbar unruhig.
