„Und ihr einfach zu untersagen, herzukommen, ist auch schwierig“, fuhr er nach einem Moment fort. „Sie ist nun einmal meine Schwester. Und die Kinder können schließlich nichts dafür.“
„Dann geh eben nicht mehr ans Telefon“, schlug Clara Hermann vor. „Vielleicht begreift sie dann, dass man sich so nicht aufführen kann.“
Oskar Roth verzog das Gesicht. „Das wirkt doch wie eine kindische Trotzreaktion.“
„Und was ist ihr Verhalten?“, entgegnete Clara. „Eine erwachsene Frau benimmt sich wie ein verwöhntes Kind, das überzeugt ist, die ganze Welt müsse sich nach ihm richten.“
Oskar konnte ihr nicht widersprechen. Marie Lange ging tatsächlich davon aus, dass ihre Verwandten verpflichtet waren, sie zu bewirten, ihre Kinder zu beschäftigen, ihre Launen hinzunehmen und obendrein noch dankbar dafür zu sein. Das Traurigste daran war, dass sie offenbar aufrichtig nicht begriff, wie rücksichtslos sie sich verhielt.
Eine Woche später klingelte erneut das Telefon. Auf dem Display stand Maries Name.
„Oskar, hallo!“, säuselte sie, kaum dass die Verbindung stand. „Na, wie geht’s euch? Das letzte Wochenende war so schön! Die Kinder reden immer noch vom Grillen. Sagt mal, könnten wir nächsten Samstag wieder vorbeikommen?“
Oskar hob den Blick zu Clara. Sie stand neben ihm und schüttelte mit einer Entschiedenheit den Kopf, die keinerlei Missverständnis zuließ. Er zögerte nur eine Sekunde, dann beendete er den Anruf.
„Sie ruft wieder an“, sagte er, als das Telefon erneut vibrierte, und schaltete es aus.
„Bitte geh nicht ran“, sagte Clara leise. „Sie muss merken, dass wir es ernst meinen.“
Marie versuchte es noch mehrmals. Danach kamen Nachrichten. Zuerst: „Oskar, was ist los? Warum meldest du dich nicht?“ Kurz darauf: „Ist Clara etwa dagegen? Wir hatten doch so ein schönes Wochenende!“ Und schließlich: „Seid ihr beleidigt, weil ich die Reste mitgenommen habe? Die wären doch sonst schlecht geworden!“
Oskar und Clara antworteten nicht. Beide wussten, dass eine Erklärung nichts ändern würde. Marie war nicht bereit zu verstehen, dass es unverschämt war, anderen zur Last zu fallen und sich gleichzeitig auch noch an deren Gastfreundschaft zu bedienen.
Ein Monat verging. Marie meldete sich nicht mehr. Oskar fragte sich manchmal, ob ihr Schweigen vielleicht doch zu hart gewesen war. Doch dann erinnerte er sich an all die Jahre: an die unangekündigten Besuche, an leere Vorratsschränke, an Wochenenden, die sie anders geplant hatten, und an die ständige Selbstverständlichkeit, mit der Marie nahm, was ihr nicht gehörte. Dann kam er zu dem Schluss, dass man respektloses Verhalten manchmal nur beenden kann, indem man ihm keinen Raum mehr gibt.
Clara zuckte an den Wochenenden nicht länger zusammen, wenn es draußen klingelte. Oskar konnte wieder in Ruhe am Computer arbeiten, ohne befürchten zu müssen, jeden Augenblick ungebetene Gäste unterhalten zu müssen. Ihr kleines Ferienhaus wurde wieder zu dem, was es einmal gewesen war: ein Ort zum Durchatmen, nicht eine kostenlose Kantine für die Verwandtschaft.
Hin und wieder dachte Oskar daran, ob es nicht doch einen eleganteren Weg gegeben hätte. Vielleicht ein letztes Gespräch, ein klar formulierter Brief, irgendein Versuch, der weniger endgültig wirkte. Aber dann sah er vor seinem inneren Auge Marie, wie sie beim letzten Besuch mit unbeirrbarer Selbstverständlichkeit den teuren Käse und die übrigen Pfirsiche in Tüten gepackt hatte. Und er begriff jedes Mal aufs Neue: Manche Menschen lassen sich nicht erziehen. Man kann nur die eigene Ruhe schützen und verhindern, dass sie immer wieder dieselben Grenzen überschreiten.
Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Oskar und Clara verbrachten die Abende auf der Veranda, tranken Tee, hörten dem Rascheln der Blätter zu und genossen die Stille. Niemand stellte Forderungen, niemand erwartete Essen, Getränke oder Unterhaltung. Natürlich blieb ein bitterer Nachgeschmack. Es tat weh, wenn familiäre Nähe auf diese Weise zerbrach. Doch sie wussten beide, dass gegenseitiger Respekt die Grundlage jeder gesunden Beziehung ist. Wer die Grenzen anderer Menschen nicht anerkennen will, dem muss man den Zugang zum eigenen Leben eben begrenzen.
Im Herbst, als sie das Ferienhaus winterfest machten, entdeckte Clara im Schrank eine vergessene Schachtel teurer Kekse. Marie hatte sie vor langer Zeit einmal „als kleine Aufmerksamkeit“ mitgebracht und offenbar nie wieder daran gedacht.
„Sieh mal“, sagte Clara und hielt Oskar die Packung hin. „Das Einzige, was sie in all den Jahren hiergelassen hat.“
Oskar lächelte traurig.
„Wahrscheinlich hat sie es wirklich nur vergessen. Wenn sie sich daran erinnert hätte, hätte sie es bestimmt mitgenommen.“
Da mussten beide lachen, und plötzlich fühlte sich alles ein wenig leichter an. Die Grenzen waren gezogen, die Ruhe war zurückgekehrt, und vor ihnen lag ein stiller Winter ohne überraschende Besuche und ohne Ansprüche auf ihre Gastfreundschaft.
