Konkret bedeutete das: Für die Zeit, bis das Kind drei Jahre alt wäre, sollte ich die Betreuung übernehmen. Und für genau diesen Zeitraum sollte ich auf jede Entschädigung für entgangenes Einkommen und verlorene berufliche Chancen verzichten.
Ich klappte die Mappe zu und legte meine Hand flach darauf.
— Jonas Krüger.
— Hm?
— Hier steht, dass ich, falls wir ein Kind bekommen, drei Jahre zu Hause bleibe. Und wenn ich dadurch meinen Job verliere oder mir Berufserfahrung fehlt, ist das allein mein Problem. Habe ich das richtig verstanden?
Er atmete aus. So seufzen Menschen, die einem Begriffsstutzigen etwas Selbstverständliches erklären müssen.
— Lena. Wie soll es denn sonst laufen? Du würdest doch sowieso in Elternzeit gehen. Das machen alle. Das habe ich mir nicht ausgedacht, das ist einfach das Leben. Der Anwalt meinte, man sollte es besser festhalten, damit es später keine Überraschungen gibt.
— Wessen Anwalt ist das?
Eine Pause. Sehr kurz, aber ich bemerkte sie.
— Ein Bekannter meiner Mutter, — antwortete Jonas Krüger. — Wieso?
Stefanie Schubert legte ihr Handy beiseite. Endlich. Sie faltete die Hände im Schoß und sah mich an — ruhig, freundlich, mit genau diesem Blick, den man einem Mädchen schenkt, das sich viel zu lange mit einer einfachen Aufgabe abmüht.
— Lena, — sagte sie sanft. — Steiger dich da nicht hinein. Das richtet sich doch nicht gegen dich. Es soll nur dafür sorgen, dass bei euch alles fair und familiär geregelt ist. In unserer Familie war das immer so: Der Mann sorgt für den Lebensunterhalt, die Frau hält das Zuhause zusammen. Ich habe Jonas Krüger allein großgezogen, ich weiß also, wovon ich spreche.
— Haben Sie diesen Vertrag schon vorher gesehen? — fragte ich. — Vor heute?
Sie lächelte kaum merklich.
— Ich habe bei der Erstellung geholfen. Sonst hättest du dich in all diesen Paragraphen doch nie zurechtgefunden. Du bist bei uns schließlich die mit den Kommas.
Da war es wieder. Die mit den Kommas.
Ich saß da, die Hand noch immer auf der geschlossenen Mappe. Jonas Krüger trank seinen Tee aus, stand auf und stellte die Tasse in die Spüle — nicht gespült, nur abgestellt. Dann drehte er sich zu mir um.
— Also? Unterschreiben wir? Der Stift liegt da. Ich habe um sieben noch einen Termin, lass uns das nicht ewig ziehen.
Ich hatte erwartet, wütend zu werden. Wurde ich nicht. Es fühlte sich eher an, als hielte ich ein Manuskript in den Händen, das mir als ein bestimmtes Buch verkauft worden war, während innen ein ganz anderes steckte. Und der Autor stand daneben und wartete darauf, dass ich „druckreif“ daruntersetzte, bloß weil ich angeblich zu faul war, es zu lesen.
Ich schlug die Mappe erneut auf. Diesmal ganz hinten.
— Jonas Krüger, hast du den Vertrag eigentlich selbst vollständig gelesen? Von der ersten bis zur letzten Seite?
— Ich sagte doch, das ist Standard.
— Das war keine Antwort.
Er schwieg einen Moment.
— Ich habe ihn überflogen. Das Wesentliche. Mama und der Anwalt haben alles geprüft. Warum sollte ich mich da in jedes Detail verbeißen?
— Mit anderen Worten: Du hast ihn nicht gelesen.
— Lena, was ist denn plötzlich mit dir los? — Er setzte sich wieder, jetzt mit einem anderen Gesichtsausdruck. — Ich dachte, du unterschreibst einfach, und gut ist. Du bist doch sonst immer… na ja, du diskutierst nicht gern. Genau das mag ich an dir. Mit dir ist es ruhig.
— Ruhig, — wiederholte ich.
Ruhig. Also bequem. Er machte sich nicht einmal die Mühe, es zu verschleiern. Er war fest davon überzeugt gewesen, mir acht Seiten hinzulegen; ich würde sie pro forma durchblättern, die Wörter „Wohnung“ und „Auto“ entdecken, daraus schließen, alles sei gerecht, und mit dem blauen Stift mit Goldrand unterschreiben. Weil ich die mit den Kommas war. Weil es mit mir ruhig war. Weil ich langweilige Unterlagen angeblich nicht mochte.
Seit vier Jahren las ich genau solche Unterlagen, damit Menschen nicht versehentlich etwas unterschrieben, was sie niemals hätten unterschreiben dürfen. Und er legte mir so etwas direkt vor die Nase, in der Erwartung, ich wäre genau dieser Fall.
— Stefanie Schubert, — sagte ich. — Darf ich Sie etwas fragen? In Punkt sechs, dort, wo steht, dass ich keinen Anspruch auf entgangenes Einkommen erhebe. Stammt diese Formulierung von Ihnen oder vom Anwalt?
