„Ach so, Kommas“ sagte er abschätzig, während sie die versteckte Klausel las

Diese beiläufige Arroganz wirkte skrupellos und bedrohlich.
Geschichten

— Was spielt das denn für eine Rolle, Kindchen?

— Eine ziemlich große. Ein Anwalt formuliert das, was rechtlich überhaupt zulässig ist. Aber diese Wendung hier, dass ich auf „berufliche Chancen“ verzichte, hat mit Gesetzestext wenig zu tun. Das bedeutet, dass ich im Voraus so tue, als hätte ich nie eine Laufbahn gehabt, auf die ich später verweisen dürfte. So etwas setzt kein Jurist aus Versehen hinein. So etwas wird nachträglich ergänzt.

Ihr Lächeln verschwand.

— Worauf willst du hinaus?

— Auf gar nichts. Ich lese nur. Laut. Genau so, wie Sie es wollten. Ehrlich und ordentlich.

Jonas Krüger sah erst mich an, dann seine Mutter. Zum ersten Mal an diesem Abend wirkte er, als begriffe er, dass dieses Schriftstück tatsächlich gelesen werden konnte. Auch von ihm selbst.

— Punkt acht, — fuhr ich fort und schob ihm die Mappe hin. — Hier. Lies das bitte. Allein.

Er nahm die Seiten, beugte sich darüber. Seine Lippen bewegten sich tonlos.

In Punkt acht stand, dass die Ehefrau, falls sie die Auflösung der Ehe veranlasste, die gemeinsame Wohnung innerhalb eines Monats zu verlassen habe, ohne Anspruch auf Ausgleich für Investitionen in Renovierung, Möbel oder Ausstattung. Renovierung und Einrichtung, nebenbei bemerkt, waren für die neue Wohnung vorgesehen. Für die, die wir gemeinsam kaufen wollten, mit Finanzierung, und für deren Eigenanteil ich bereits Geld zurückgelegt hatte. Von meinem Gehalt. Genau von diesem Gehalt, über dessen Kommas man hier so großzügig verfügte.

— Das ist doch nicht… — Jonas hob den Blick. — Das ist bestimmt nur eine Vorlage. Da ist wahrscheinlich etwas stehen geblieben von…

— Von was, Jonas? Von der vorherigen Braut?

Es wurde still. Stefanie Schubert erhob sich vom Sofa.

— Also jetzt reicht es aber, — sagte sie. — Schluss mit diesem Theater. Der Vertrag ist vollkommen normal, so etwas haben alle anständigen Leute. Du machst aus nichts einen Skandal. Jonas, sag ihr das.

Jonas sagte nichts.

Er saß da, starrte auf die achte Seite und schwieg. Und dieses Schweigen war schlimmer als der ganze Vertrag. Den Vertrag hatte wenigstens irgendein fremder Anwalt aufgesetzt. Geschwiegen aber hatte er. Der Mann, der in drei Wochen neben mir stehen und „Ja“ sagen sollte. Er hätte jetzt nur einen einzigen Satz sagen müssen: „Mama, stopp, das geht zu weit, das nehmen wir raus.“ Mehr nicht. Er sagte ihn nicht.

Er entschied sich dafür, keinen Streit anzufangen. Nicht mit seiner Mutter. Mit mir war es bequemer.

Ich klappte die Mappe zu und schob den blauen Kugelschreiber in die Mitte des Tisches, direkt vor ihn.

— Ich unterschreibe das nicht.

— Lena Krüger, lass uns morgen noch einmal in Ruhe darüber sprechen, — sagte Jonas hastig. — Du bist müde, das verstehe ich…

— Ich bin nicht müde. Ich bin nur fertig mit Lesen.

— Und was hast du da angeblich gelesen? — mischte sich Stefanie Schubert ein. — Ganz gewöhnliche Unterlagen. Du hast doch nur nach einem Vorwand gesucht, dich aufzuregen. Wenn du nicht heiraten willst, dann sag es einfach, aber führ hier keine Vorstellung auf.

— Ich will, — sagte ich. Und erschrak selbst darüber, dass es sich bereits wie Vergangenheit anfühlte. — Ich wollte. Bis Seite sechs.

Ich stand auf und nahm meine Jacke von der Stuhllehne. Im Flur war es dunkel, den Lichtschalter fand ich erst nach ein paar tastenden Sekunden. Hinter mir redete Jonas weiter, irgendetwas von „eine Nacht drüber schlafen“, von „Mama hat das nicht so gemeint“ und von „wir sind doch erwachsene Menschen“.

Erwachsene Menschen. Ein erwachsener Mann hatte seiner Verlobten ein Papier vorgelegt, in dem sie vorsorglich zur stummen Dienstkraft erklärt wurde, und war so sicher gewesen, dass sie es nicht bis zum Ende lesen würde, dass er es offenbar selbst nicht getan hatte.

An der Tür drehte ich mich noch einmal um.

— Jonas. Hast du wirklich geglaubt, ich würde das nicht lesen?

Er geriet ins Stocken.

— Ich dachte, du… na ja… du bist bei solchen Dingen sonst eher…

— Nachlässig. Sprich es ruhig aus.

Er sprach es nicht aus. Aus dem Zimmer rief Stefanie Schubert, ich würde das noch bitter bereuen, einen Mann wie ihren Jonas müsse man erst einmal finden, und in meinem Alter dürfe man ohnehin nicht mehr wählerisch sein.

LebensKlüber