Den Kugelschreiber hatte Jonas Krüger bereits neben die Mappe gelegt, noch bevor ich überhaupt am Tisch Platz nahm. Blau, mit einem goldenen Ring am Schaft, fremd — keiner von denen, die bei uns in der Wohnung herumlagen.
— Nur ein paar Kleinigkeiten, — sagte Jonas Krüger und schob mir die Mappe über die Tischplatte zu. — Reine Formsache. Mama hat einen Anwalt gefunden, alles sauber geregelt.
Stefanie Schubert saß auf dem Sofa am Fenster und wischte über ihr Handy. Zum Tisch blickte sie nicht. Genauer gesagt: Sie blickte so auffällig nicht hin, dass es fast schon wieder ein Blick war.
Ich schlug die Mappe auf. Es roch nach frischem Druckerpapier und nach der glatten Plastikhülle einer neuen Klarsichtfolie. Acht Seiten, kleine Schrift, anderthalbfacher Zeilenabstand.
— Acht Seiten Formsache, — sagte ich.

— Ach komm, Anwälte eben, — Jonas Krüger lächelte. — Die blähen so etwas immer auf. Lies dich da nicht fest, das ist Standard. Wohnung, Auto — damit im Fall der Fälle alles fair bleibt.
Er goss sich Tee ein. Mir nicht, obwohl die Kanne näher bei ihm stand.
— Die Hochzeit ist in drei Wochen, Lena Krüger, — fügte er sanfter hinzu. — Lass uns nicht wegen irgendwelcher Papiere Zeit verlieren. Du kannst diese öden Unterlagen doch sowieso nicht ausstehen.
Genau in diesem Moment begann ich langsam zu lesen.
Nicht, weil ich beleidigt war. Ich lese jeden Tag langweilige Unterlagen. Seit acht Jahren arbeite ich in einem Verlag, die letzten vier davon mit Verträgen und juristischem Lektorat. Durch meine Hände gehen wöchentlich zehn solcher Texte: Autorenverträge, Lizenzvereinbarungen, alles Mögliche. Ich weiß, an welcher Stelle man das Entscheidende versteckt. Das Entscheidende steht fast immer in der Mitte, dort, wo die Augen müde werden.
Jonas Krüger hatte das vergessen. Oder es war ihm nie wichtig gewesen. Einmal hatte er gefragt, was ich beruflich mache. Ich hatte geantwortet: „Ich überarbeite Texte im Verlag.“ Er hatte genickt und gesagt: „Ach so, Kommas.“ Seitdem war es dabei geblieben: Kommas.
Punkt 1. Die Wohnung in der Schumannstraße — sein voreheliches Eigentum, im Scheidungsfall bleibt sie bei ihm. Einleuchtend, sie war vor meiner Zeit gekauft worden.
Punkt 2. Das Auto — ebenfalls seins. Auch schon vorher angeschafft.
Bei Punkt 3 blieb ich stehen.
— Liest du immer noch? — Jonas Krüger sah in seine Tasse und rührte mit dem Löffel um. — Du brauchst aber lange. Da steht wirklich nichts Besonderes drin.
— Mhm, — sagte ich.
Punkt 3 trug die Überschrift „Regelung der gemeinsamen Haushaltsführung“. Klang hübsch. Darunter stand, dass während der Ehe die Führung des Haushalts, die Reinigung der Wohnung, die Zubereitung von Mahlzeiten sowie die Organisation des häuslichen Alltags der Ehefrau obliegen. Außerdem hieß es, die Erfüllung dieser Pflichten durch die Ehefrau begründe keine vermögensrechtlichen Ansprüche und sei bei einer etwaigen Aufteilung des Besitzes nicht finanziell zu bewerten.
Ich las den Absatz zweimal. Nicht, weil ich ihn beim ersten Mal nicht verstanden hätte. Ich verstand ihn sofort. Ich las ihn noch einmal, um sicherzugehen, dass es wirklich dort stand und ich es mir nicht nur einbildete.
— Jonas Krüger, — ich hob den Blick. — Hast du Punkt drei gelesen?
— Welchen dritten? — Er sah nicht von seinem Handy auf. — Den mit dem Haushalt? Das ist doch nur, damit klar ist, wer sich zu Hause um was kümmert. Mama sagt, so etwas sollte man lieber gleich aussprechen, damit man sich später nicht deswegen ankeift.
Auf dem Sofa blätterte Stefanie Schubert auf ihrem Handy weiter. Kein Laut.
— Wer sich um was kümmert, — wiederholte ich. — Und worum kümmerst du dich laut diesem Punkt?
— Na, ich ums Geld, — jetzt sah er mich endlich an. — Ist doch logisch. Ich verdiene, du machst das Zuhause. Ganz klassisch.
Ich senkte den Blick wieder auf die Mappe. Punkt 4. Punkt 5. Inzwischen las ich schneller, weil ich nun wusste, wonach ich suchen musste.
Punkt 6 prägte ich mir Wort für Wort ein, obwohl ich ihn nur ein einziges Mal gesehen hatte. Er begann mit der Formulierung, dass im Fall der Geburt eines Kindes die Ehefrau die Hauptverantwortung übernehmen sollte.
