Forellenfilets, Ribeye-Steaks, Bauernquark, ausgesuchte Käsesorten und frisches Obst landeten im Warenkorb. Am Ende zeigte die App rund 150 Euro an.
Als die Lieferung kam, räumte Laura Braun alles sorgfältig in ihren neuen privaten Kühlschrank im Schlafzimmer. Jedes Fach hatte nun seinen Zweck, jede Packung ihren Platz.
Der große Kühlschrank in der Küche dagegen blieb leer zurück. Der Stecker war gezogen, die Tür mit einem Vorhängeschloss gesichert.
Laura duschte ausgiebig, trug sich eine Gesichtsmaske auf und kochte danach Kaffee. Mit der Tasse in der Hand setzte sie sich an den Küchentisch und wartete.
Mia Friedrich kam als Erste nach Hause.
In einer Hand hielt sie eine Tüte Chips, in der anderen eine billige Dose Energydrink.
„Boah, ist das kalt hier“, maulte sie schon im Flur, warf ihre Jacke achtlos auf den Hocker und schlurfte in die Küche.
Laura trank schweigend ihren Kaffee.
Mia ging direkt zum Kühlschrank, griff nach dem Türgriff und zog. Nichts bewegte sich.
Sie riss noch einmal daran, diesmal kräftiger. Das Schloss schlug metallisch gegen die Tür.
Mia starrte auf die angeschraubten Halterungen.
„Was soll das denn sein?“
„Ein Schloss“, sagte Laura ruhig.
„Wozu?“
„Damit du nicht mehr alles wegfrisst.“
Mia wurde kreidebleich.
„Sag mal, bist du krank? Mach sofort auf. Ich will Ketchup zu den Chips.“
„Da ist kein Ketchup drin. Da ist überhaupt nichts mehr drin. Der Kühlschrank ist ausgeschaltet. Mein Essen befindet sich in meinem Zimmer. Und mein Zimmer ist abgeschlossen.“
Mia ballte die Hände zu Fäusten.
„Das wird Leon überhaupt nicht gefallen!“
„Leon kann sich im Bad ausweinen.“
Mia riss ihr Handy hoch und tippte hektisch eine Nummer ein.
„Leon! Diese Irre hat ein fettes Schloss an den Kühlschrank gehängt!“, schrie sie ins Telefon. „Ja! Richtig mit Schrauben festgemacht!“
Laura trank ihren Kaffee aus, spülte die Tasse ab, ging in ihr Schlafzimmer und schloss die Tür zweimal ab.
Eine Stunde später stürmte Leon König herein.
Laura hörte, wie die Wohnungstür gegen die Wand krachte, wie seine Schritte durch den Flur polterten und wie er in der Küche losbrüllte.
Kurz darauf hämmerten Fäuste gegen ihre Schlafzimmertür.
„Laura! Mach sofort auf!“
Sie legte ihr Buch beiseite, drehte den Schlüssel herum und öffnete.
Leon stand vor ihr, das Gesicht dunkelrot vor Wut.
„Was soll der Mist? Was hast du mit dem Kühlschrank gemacht?“
„Ich habe ihn aufgerüstet.“
„Mach das Schloss ab! Ich hab Hunger! Wir haben den ganzen Tag in der Garage geschuftet!“
Laura lehnte sich an den Türrahmen.
„Das Schloss bleibt dran. Ab heute werden die Ausgaben getrennt. Ich bezahle die Kreditrate für die Wohnung. Du bezahlst deine Schwester und eure Mägen.“
„Ich bin dein Mann! Du hast mir Abendessen zu machen!“
„Wo steht das?“
„Beim Standesamt!“
Laura lachte leise.
„Beim Standesamt bekommt man eine Heiratsurkunde. Keine Adoptionsbescheinigung für einen ausgewachsenen Vollidioten samt Schwester.“
Leon versuchte, sie zur Seite zu drängen und ins Zimmer zu gelangen.
„Lass mich durch! Da drin hast du Essen! Ich riech es!“
Laura stemmte beide Hände gegen seine Brust und stieß ihn hart zurück. Leon taumelte in den Flur.
„Wenn du mich oder meine Tür noch einmal anfasst, rufe ich die Polizei. Dann sage ich, dass du mich angegriffen hast.“
„Du bluffst.“
„Probier es aus.“
Sie schloss die Tür und drehte den Schlüssel um.
Draußen wurde weiter geschrien, geflucht und gegen die Wand geschlagen. Leon rief seine Mutter an. Elisabeth Krüger riet ihm offenbar, die Tür aufzubrechen.
Doch dazu fehlte ihm am Ende der Mut. Er trat nur gegen die Wand und verzog sich in die Küche. Wenig später hörte Laura, wie die Wohnungstür erneut zufiel. Leon war zum Einkaufen gegangen.
Der Montag verging. Dann kam der Dienstag.
Die neuen Regeln griffen unerbittlich. Laura kochte für sich im Schlafzimmer mit dem Multikocher oder bestellte fertige Gerichte. Benutztes Geschirr wusch sie sofort ab und nahm es wieder mit zu sich.
In der Küche breitete sich Leere aus.
Mia und Leon kauften eine Packung Tiefkühlmaultaschen und billige Würstchen. Nur hatten sie nichts, worin sie sie zubereiten konnten. Laura hatte auch ihre Töpfe in ihr Zimmer gebracht.
Am Mittwochabend ging Laura in die Küche, um Wasser zu holen.
Leon briet Würstchen auf Mias Glätteisen. Der Geruch war widerlich, eine Mischung aus verbranntem Plastik, Fett und Verzweiflung.
„Damit ruinierst du das Gerät“, bemerkte Laura.
Leon warf ihr einen hasserfüllten Blick zu. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.
„Deinetwegen! Du hast uns so weit gebracht!“
Mia saß am Tisch und knabberte trockene Instantnudeln aus der Packung.
„Laura, bitte“, jammerte sie. „Lass mich wenigstens den Wasserkocher benutzen. Ich will heißen Tee.“
„Der Wasserkocher gehört mir. Ich habe ihn für sechzig Euro gekauft. Wasser kann man auch mit einem Tauchsieder in einer Tasse erhitzen. Falls ihr so etwas habt.“
