„Bist du meine Frau oder was?“
„Ich bin dein Sponsor, Leon. Oder besser gesagt: Ich war es. Meine Phase grenzenloser Großzügigkeit ist vorbei.“
Er stieß eine derbe Beschimpfung aus, riss sich die Jacke vom Haken und knallte kurz darauf die Wohnungstür hinter sich zu. Etwa eine Stunde später tauchte er wieder auf, mit zwei Dönern und einer Dose Cola in der Hand. Mia kam ihm im Flur entgegen, als hätte er ein Festmahl mitgebracht. Laura boten sie nichts an.
Es war ihr egal.
Am nächsten Morgen war Samstag. Laura lag noch im Bett, als sie hörte, wie im Schloss ein Schlüssel gedreht wurde. Kein Zögern, kein Klingeln. Jemand betrat die Wohnung, als gehöre sie ihm.
Die Tür ging mit einem leisen Quietschen auf. Dann kamen Schritte. Schwer, schleppend, vertraut unangenehm.
Elisabeth Krüger.
„Leon! Mia, mein Schatz! Ich habe Pfannkuchen mitgebracht!“, hallte ihre laute Stimme durch den Flur.
Laura zog sich den Morgenmantel über und verließ das Schlafzimmer.
Ihre Schwiegermutter stand bereits in der Diele und zog sich mit der Selbstverständlichkeit einer Hausherrin die Stiefel aus. In den Händen hielt sie eine Plastikdose.
„Ach, Laura, du schläfst immer noch? Es ist fast elf.“
„Es ist mein freier Tag.“
Elisabeth presste die Lippen zusammen.
„Eine Ehefrau sorgt morgens für ihren Mann. Sie liegt nicht bis mittags herum. Wo ist denn mein Junge?“
Aus dem Wohnzimmer schlurfte Mia heraus, zerknittert, mit verquollenem Gesicht.
„Mama, sie hat uns gestern hungern lassen. Wegen ein bisschen Suppe hat sie ein Theater gemacht.“
Elisabeth sog empört die Luft ein und starrte Laura an.
„Sag mal, hast du den Verstand verloren? Ein Kind hungern zu lassen!“
„Dieses Kind ist vierundzwanzig“, erwiderte Laura ruhig. „Und dieses Kind frisst Mengen, als müsste es auf einer Baustelle Zementsäcke schleppen.“
„Wie redest du denn!“, fuhr Elisabeth auf und machte einen Schritt auf sie zu.
Laura wich nicht zurück.
„Den Schlüssel.“
Elisabeth blieb stehen.
„Was?“
„Meinen Wohnungsschlüssel. Legen Sie ihn auf die Kommode.“
Schwiegermutter und Tochter tauschten einen Blick.
„Ich denke gar nicht daran. Das hier ist die Wohnung meines Sohnes.“
„Diese Wohnung wurde vor der Ehe gekauft. Von meinem Geld. Ihr Sohn ist hier nur vorübergehend gemeldet. Der Schlüssel kommt auf den Tisch.“
Elisabeths Gesicht verfärbte sich. Dann warf sie den Schlüsselbund auf die Holzplatte. Das Klirren schnitt durch den Flur.
„Herrgott, nicht einmal ein Stück Brot gönnst du der Familie! Armer Leon. Ausgerechnet so eine geizige Ziege musste er heiraten.“
Sie stapfte in die Küche. Mia huschte ihr hinterher. Laura blieb im Flur stehen und hörte, wie die beiden dort tuschelten, als wäre sie nicht im selben Haus.
Nach ungefähr einer Stunde verschwand Elisabeth wieder.
Laura ging ins Bad, um sich das Gesicht zu waschen. Auf dem Regal standen ihre Tiegel und Fläschchen. Doch einer fehlte.
Die Nachtcreme. Siebzig Euro. Weg.
Laura trat zurück in den Flur.
„Mia. Wo ist meine Creme?“
Mia hob nicht einmal den Blick von ihrem Handy.
„Keine Ahnung. Mama hat irgendwas genommen, weil ihre Hände so trocken waren.“
„Ihre Hände? Mit meiner Retinol-Nachtpflege?“
„Meine Güte, was ist denn dabei? Wegen so einem Döschen musst du doch nicht gleich jammern. Kauf dir eben eine neue. Du verdienst doch genug.“
Laura antwortete nicht. Sie ging ins Schlafzimmer, zog sich an und nahm ihre Tasche.
Sie musste in den Baumarkt.
Der Weg dorthin dauerte zu Fuß knapp fünfzehn Minuten. Das Wetter war widerlich. Ein kalter Novemberwind kroch unter ihre Jacke und biss sich in ihre Haut. Laura ging schnell, ohne sich umzusehen.
Im Markt holte sie sich einen Wagen und steuerte direkt die Abteilung mit Beschlägen und Befestigungsmaterial an.
Sie nahm zwei massive Stahlüberwürfe mit Ösen, eine Packung selbstschneidender Metallschrauben, einen starken Zweikomponentenkleber und ein Schloss.
Das Schloss wog schwer in ihrer Hand. Ein Vorhängeschloss mit Zahlencode, dickem Bügel und stabilem Gehäuse. Ohne Winkelschleifer würde niemand es aufbekommen.
Anschließend fuhr sie noch zu einem Elektrofachmarkt. Dort kaufte sie einen kleinen Kühlschrank, kaum größer als ein Nachttisch, und bezahlte für eine Lieferung noch am selben Tag.
Gegen drei Uhr war Laura wieder zu Hause.
Die Wohnung war leer. Mia war unterwegs. Leon trieb sich mit seinen Freunden in der Garage herum.
Laura machte sich an die Arbeit.
Aus dem Schrank holte sie ihren Akkuschrauber. Ihren eigenen. Dann hielt sie die Stahlbeschläge an die Türen des großen weißen Bosch-Kühlschranks in der Küche und markierte die Stellen.
Die Schrauben in das Metall zu treiben war mühsam. Das Gehäuse gab nicht freiwillig nach. Doch ihre Wut war stärker als die Anstrengung.
Eine halbe Stunde später saßen an der Kühlschranktür zwei kräftige Metallösen. Laura führte den Bügel des Vorhängeschlosses hindurch, drückte ihn zu und zog probeweise daran.
Bombenfest.
Danach räumte sie Reis, Nudeln, Mehl, Konserven und alle anderen haltbaren Vorräte aus den Küchenschränken und brachte alles in ihr Schlafzimmer. In die Schlafzimmertür baute sie ein einfaches Schloss mit Schlüssel ein. Das ging schneller, als sie erwartet hatte.
Kurz vor fünf klingelten die Lieferleute. Sie stellten den Mini-Kühlschrank neben ihr Bett. Laura unterschrieb, wartete, bis sie gegangen waren, und steckte den Stecker in die Steckdose.
Erst dann nahm sie ihr Handy und öffnete die App eines teuren Feinkostsupermarkts, um ihren neuen Warenkorb zu füllen.
