„Du Miststück“, stieß Leon zwischen den Zähnen hervor.
Laura wandte sich langsam zu ihm um.
„Morgen zieht ihr aus. Ihr beide.“
Der Satz fiel in den Raum, schwer und endgültig.
Leon hielt mitten in der Bewegung inne; die Wurst in der Pfanne zischte weiter.
„Wohin denn?“
„Zu deiner Mutter. In irgendeine Pension. Auf den Mond, wenn du willst. Es ist mir egal.“
„Ich bin hier gemeldet!“, brüllte er.
„Befristet“, sagte Laura ruhig. „Und nur, weil ich damals zugestimmt habe. Heute habe ich beim Bürgeramt beantragt, diese Anmeldung aufheben zu lassen. Begründung: Ende der häuslichen Gemeinschaft. Morgen reiche ich die Scheidung ein.“
Mia ließ die Nudelstücke fallen. Sie sprangen über die Tischplatte.
„Scheidung? Und was ist mit mir?“
Laura lachte kurz auf. Es klang nicht belustigt, sondern fassungslos.
„Dich habe ich nicht adoptiert. Also pack deine Sachen.“
„Wir gehen nirgendwohin!“ Leon schleuderte die Pfanne so heftig auf die Arbeitsplatte, dass Fett spritzte. „Das hier ist auch mein Zuhause! Ich habe hier renoviert!“
„Du hast im Flur Tapeten angeklebt. Wenn sie dir so wichtig sind, kratz sie ab und nimm sie mit.“
Damit drehte Laura sich um und verschwand im Schlafzimmer.
Am Donnerstagabend kam sie früher von der Arbeit zurück als sonst. Schon im Treppenhaus spürte sie diese merkwürdige Stille, die nicht nach Streit, nicht nach Fernseher und nicht nach fremden Stimmen klang.
Als sie das Wohnzimmer betrat, sah sie zwei Reisetaschen auf dem Boden stehen. Daneben lagen drei prall gefüllte schwarze Müllsäcke.
Mia saß auf dem Sofa. Sie trug ihre Daunenjacke, eine Mütze und ein verweintes Gesicht.
Leon stand auf dem Balkon und rauchte.
Laura betätigte den Lichtschalter.
„Sehr gut. Ihr habt es also geschafft, vor mir fertig zu werden.“
Leon kam herein und blies den Rauch achtlos ins Zimmer.
„Wir verschwinden. Aber du zahlst uns vorher unser Geld zurück. Nebenkosten. Renovierung. Alles.“
„Natürlich“, sagte Laura und nickte. „Ich überweise es dir sofort. Direkt nachdem du mir die Hälfte der Kreditraten erstattet hast, die ich während unserer drei Ehejahre allein getragen habe. Das wären ungefähr fünfzehntausend Euro. Wollen wir anfangen zu rechnen?“
Leons Kiefer mahlten. Die Muskeln in seinem Gesicht zuckten.
„Erstick an deiner Wohnung“, knurrte er. „Du elendes Biest.“
Er packte eine der Taschen. Mia erhob sich langsam und griff nach ihrem Rucksack.
Laura stellte sich in die Wohnzimmertür und versperrte ihnen den Weg.
Ihr Blick glitt über Mia. Über die fast neue Daunenjacke. Die Echtlederstiefel. Die große Shopper-Tasche mit dem bekannten Logo.
Dann blieb Laura an Mias Ärmel hängen.
„Zieh die Jacke aus.“
Mia erstarrte.
„Was?“
„Die Jacke ausziehen. Und den Rucksack machst du auch auf.“
Leon ließ die Tasche fallen.
„Bist du jetzt völlig durchgedreht? Draußen sind minus zwei Grad!“
Laura sah ihn nicht einmal an. Ihre Augen ruhten nur auf Mia.
„Diese Jacke wurde im September gekauft. Von meiner Prämie. Angeblich als Unterstützung für deine Jobsuche. Einen Job hast du nicht gefunden. Also ist das Geschenk widerrufen.“
„Laura, bitte!“ Mia presste sich mit dem Rücken gegen die Wand. „Ich friere doch! Ich habe keine andere Winterjacke. Mama hat beim Umzug alles weggeworfen.“
„Das ist nicht mein Problem. Ausziehen.“
Mia schaute zu ihrem Bruder, verzweifelt, bittend, in der Hoffnung, er würde etwas sagen.
Doch Leon schwieg. Er starrte nur auf den Boden.
„Leon, sag doch was!“, schluchzte Mia.
Laura machte einen Schritt auf sie zu.
„Entweder bleibt die Jacke hier, oder ich rufe jetzt die Polizei und melde Diebstahl. Die Creme für siebzig Euro, die du aus meinem Bad genommen hast, habe ich nicht vergessen. Den Kassenbon besitze ich auch noch. Dann fahren wir gemeinsam aufs Revier und klären dort, ob Elisabeth Krüger sich damit wirklich die Hände eingecremt hat.“
Tränen liefen Mia über die Wangen. Mit zitternden Fingern öffnete sie den Reißverschluss.
Die Daunenjacke rutschte zu Boden. Darunter trug sie nur einen dünnen Pullover.
Laura schob die Jacke mit dem Fuß zur Couch hinüber.
„Der Ausgang ist dort.“
Sie gingen in den Flur. Leon zerrte die Müllsäcke hinter sich her. Mia lief neben ihm, nur im Pullover, die Arme fest um den eigenen Körper geschlungen.
Laura blieb in der Wohnungstür stehen und beobachtete, wie sie vor dem Aufzug warteten.
Die Türen öffneten sich. Leon trat zuerst hinein. Mia drehte sich noch einmal um. Ihre Lippen bebten.
„Du bist ein Monster“, presste sie hervor.
Laura sagte nichts. Sie drückte nur auf den Knopf, der die Etagenflurtür schloss. Das schwere Schloss klickte.
Dann kehrte sie in die Küche zurück.
In der Wohnung herrschte eine vollkommene, fast klingende Ruhe.
Kein Geruch nach fremdem Schweiß. Kein angebratener Zwiebelgestank. Keine fremde Anwesenheit, die sich in jede Ecke drängte.
Laura zog den kleinen Schlüssel aus ihrer Tasche und öffnete das Vorhängeschloss am großen weißen Kühlschrank.
Drinnen war alles sauber.
Sie lächelte.
