„Gönnst du deinem eigenen Mann keine Suppe?“ höhnte Mia, während Laura stumm die Kassenbons aus der Tasche zog

Diese rücksichtslose Gier ist unerträglich.
Geschichten

Im Flur hing der Geruch von gebratenem Speck und ungewaschener Haut. Auf der Fußmatte lagen verdreckte Damenstiefel, aus deren Sohlen graues Schmelzwasser über die Fliesen lief. Aus der Küche drangen das schmatzende Kauen eines Menschen und das dumpfe Dröhnen des Fernsehers.

Laura Braun zog die Schuhe aus, hängte den Mantel weg und blieb einen Moment stehen. Nach der Schicht pochten ihre Beine. Sie sehnte sich nur nach heißem Tee und Stille.

In der Küche saß Mia Friedrich. Die Schwester ihres Mannes. In Lauras Bademantel.

Mia aß Nudeln mit Hackfleisch direkt aus der teuren beschichteten Pfanne. Mit einer Metallgabel. Das Kratzen auf der Teflonschicht fuhr Laura durch Mark und Bein.

„Hi“, murmelte Mia mit vollem Mund.

Laura blieb im Türrahmen stehen. Auf dem Tisch stand der leere Topf, in dem morgens noch Suppe gewesen war. Daneben lag eine aufgerissene Packung Schnittkäse. In der Spüle stapelten sich fettige Teller.

„Wo ist die Suppe?“, fragte Laura ruhig.

Mia hob nur die Schultern.

„Aufgegessen. Leon König war mittags kurz da. Hat ihm geschmeckt.“

Laura sah auf den Fünf-Liter-Topf.

„Fünf Liter? Innerhalb eines Tages?“

„Ich hab auch was gegessen. Und Leon König hat sich noch eine Dose mit zur Arbeit genommen. Was ist denn dabei? Gönnst du deinem eigenen Mann keine Suppe?“

Mia legte die Gabel beiseite. Auf dem Boden der Pfanne zogen sich tiefe, helle Kratzer durch die Beschichtung. Das Ding hatte vierzig Euro gekostet.

In Laura klappte innerlich etwas zu. Kalt. Schwer. Endgültig.

Sie ging zum Kühlschrank und öffnete ihn. Leer. Kein Joghurt, kein Hähnchenfilet, keine Wurst. Nur ein Glas billiger Senf stand noch in der Tür.

„Wo sind die Frikadellen?“

„Die waren gestern schon weg. Laura, was regst du dich so auf? Soll ich hier etwa hungern?“

Laura griff in ihre Tasche und holte die Kassenbons heraus. Sie hob sie immer auf.

„Allein diesen Monat habe ich vierhundertfünfzig Euro für Lebensmittel ausgegeben.“

Mia verdrehte die Augen.

„Na toll, jetzt kommt wieder die Buchhalterin.“

„Du wohnst seit acht Monaten hier. Acht Monate, Mia. In dieser Zeit hast du nicht einmal ein Brot gekauft.“

„Ich suche Arbeit!“, fuhr die Schwägerin sie an.

„Du suchst einen Sponsor auf Dating-Apps. Und essen tust du auf meine Kosten.“

Laura nahm die Pfanne, stellte sie in die Spüle und drehte eiskaltes Wasser auf.

„Hey! Ich war noch nicht fertig!“, protestierte Mia.

„Dein Essen ist vorbei. Meins übrigens auch. Raus aus der Küche.“

Mia schnaubte, riss sich Lauras Bademantel vom Körper, warf ihn über einen Stuhl und verschwand ins Wohnzimmer.

Das Geschirr rührte Laura nicht an. Sie füllte ein Glas mit Wasser und trank es in einem Zug leer. Dann nahm sie ihr Handy und schrieb ihrem Mann:

„Geh bitte einkaufen. Zu Hause gibt es nichts mehr zu essen.“

Die Antwort kam nach einer Minute.

„Bin müde. Bestell halt was. Du hast doch Geld.“

Laura lachte leise auf. Ja, sie hatte Geld. Ihr eigenes.

Am Abend fiel die Wohnungstür krachend ins Schloss. Leon König kam herein.

„Laura! Essen wir gleich?“

Sie saß mit dem Laptop auf dem Sofa.

„Es gibt nichts.“

Leon trat ins Zimmer, ohne die Schuhe auszuziehen.

„Wie, nichts? Gestern war der Kühlschrank doch noch voll.“

„Deine Schwester hat ihn leergefressen. Mit deiner tatkräftigen Unterstützung.“

Leon atmete schwer aus und rieb sich übers Gesicht, als wische er unsichtbaren Staub weg.

„Laura, fängst du schon wieder damit an? Mia ist jung. Die hat eben einen schnellen Stoffwechsel.“

„Sie hat vor allem eine schnelle Dreistigkeit. Ich zahle dreihundertachtzig Euro Kreditrate für diese Wohnung. Sie gehört mir.“

„Wir sind eine Familie!“, brüllte Leon. „Ich bezahle die Nebenkosten!“

„Die Nebenkosten liegen bei sechzig Euro. Essen kostet mich vierhundertfünfzig. Deine Schwester hat mich in acht Monaten dreitausendsechshundert Euro gekostet.“

„Du rechnest immer alles in Geld auf!“

Leon drehte sich um und stapfte in die Küche. Kurz darauf schepperten Töpfe und Schranktüren.

„Laura!“, rief er. „Hier sind ja nicht mal Eier!“

„Ich weiß.“

Wütend kam er zurück. Rote Flecken breiteten sich über sein Gesicht aus.

„Gib mir zehn Euro. Ich hole Döner.“

Laura sah ihn an. Lange. Genau. Als stünde ein Fremder vor ihr.

„Deine Karte steckt in deiner Tasche.“

„Ich hab die Autorate bezahlt. Das weißt du doch. Bis zum Gehalt ist bei mir null.“

„Dann ist heute eben Fastentag für euch.“

Leon schlug mit der Faust gegen den Türrahmen.

„Willst du mich verarschen? Meine Schwester sitzt hungrig da! Und ich auch!“

LebensKlüber