Für einen Herzschlag blieb Hannah stehen, und die ganze Szene des Abends zog noch einmal an ihr vorbei. Schon vorhin hatte sie im Flur am Fenster gestanden, während die Verwandtschaft ihre Schuhe auszog, Mäntel ablegte und die üblichen höflichen Begrüßungsfloskeln austauschte. Sie hatte von Anfang an gewusst, wohin solche Familientreffen führen würden. Andrea Lehmann, früher Leiterin eines großen Bremer Feinkostladens, war es gewohnt, Menschen wie Schachfiguren zu verschieben. Ihre Tochter Mila Engel war das sorgfältig polierte Lebenswerk, während ihr Sohn Daniel Hartmann für sie ein ewiger Schuldner blieb: verpflichtet für Wohnung, Ausbildung und überhaupt dafür, dass er existierte.
Als Hannah mit dem Tablett ins Wohnzimmer gekommen war, hatte Andrea Lehmann bereits ihre kleine Vorführung eröffnet. Der ältere Enkel sollte wieder einmal als Beweisstück dienen.
„Felix Lange, sag der Oma doch mal, wie man Apfel auf Englisch sagt“, säuselte die alte Frau mit einer Süße in der Stimme, die Hannah körperlich unangenehm war.
Felix Lange reagierte zunächst nicht. Er klopfte nur weiter in gleichmäßigem Takt mit dem Löffel gegen die Tischkante. Mila Engel legte ihm scheinbar beiläufig die Hand auf die Schulter, doch der Druck war deutlich zu sehen. Der Junge zuckte zusammen, als hätte man ihn aus der Ferne eingeschaltet, und presste ohne jede Regung hervor:
„Apple. Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch…“
„Habt ihr das gehört? Habt ihr es alle gehört?“ Andrea Lehmann stieß einen schrillen Laut aus und sah triumphierend in die Runde. „Das ist ein Enkel aus einem richtigen Professorenhaus! Daniel, merk dir endlich, was man aus einem Kind machen muss. Nicht so wie bei deiner… die du aus Tutzing angeschleppt hast.“
Daniel hatte damals nur verkrampft gelächelt und war hastig auf den Balkon verschwunden. Hannah hatte ihm nachgesehen, und in ihr war etwas leise, aber endgültig gerissen. Der Mann, der ihr einst versprochen hatte, hinter ihr zu stehen, knickte unter dem Blick seiner Mutter schneller ein als ein trockenes Streichholz.
Nach Andreas giftiger Rede über „Tutzinger Blut“ lag nun ein drückendes Schweigen im Zimmer. Es vibrierte beinahe zwischen den Tellern und Gläsern. In Hannahs Brust war kein heißer Schmerz mehr, sondern eine klare, frostige Entschlossenheit. Sie würde diese öffentlichen Hinrichtungen nicht länger hinnehmen.
„Daniel“, sagte sie ruhig und sah ihren Mann an. „Hast du vor, deinen Sohn zu verteidigen? Oder soll ich diese Vorstellung allein beenden?“
Daniel rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Sein Blick sprang hilflos zu seiner Schwester.
„Hannah, jetzt mach doch nicht gleich… Mama ist alt, sie hat sich eben hinreißen lassen. Sie meint es doch gut. Sie sorgt sich um ihren Enkel.“
„Verstanden“, schnitt Hannah ihm das Wort ab.
Dann wandte sie sich Andrea Lehmann zu, die bereits mit diesem siegessicheren Lächeln dasaß, als erwarte sie die üblichen Tränen ihrer Schwiegertochter.
„Andrea Lehmann, Sie sprechen sehr gern über Gene“, sagte Hannah mit gleichmäßiger Stimme. „Über das angeblich große Professorenerbe Ihres verstorbenen Mannes Michael Kraus. Und darüber, dass mein Emil König mit drei Jahren keine Buchzitate aufsagt.“
Andrea Lehmann hob das Kinn und begann: „Ja, das sage ich.“
