„Weil ich jedes Recht dazu habe!“, fuhr Andrea Lehmann auf und straffte sich beleidigt. „Mein Mann war eine Koryphäe, ein hochangesehener Professor!“
„Dann hören Sie jetzt gut zu“, erwiderte Hannah Krause ruhig.
Sie öffnete ihre Handtasche und nahm einen festen Umschlag heraus, auf dem das Logo einer privaten Fachklinik stand. Ihre Bewegungen waren langsam, fast sorgfältig, und gerade diese Ruhe ließ den ganzen Tisch verstummen.
„Vor einem Monat waren Emil König und ich bei mehreren unabhängigen Spezialisten. Komplettuntersuchung. Entwicklungsdiagnostik. Gespräche. Tests.“ Hannah sah Andrea nicht ausweichend, sondern direkt an. „Ihr dauernder Druck hat irgendwann sogar mich so weit gebracht, dass ich an mir gezweifelt habe. Also haben wir alles prüfen lassen. Emil König, Daniel Hartmann und ich.“
Sie zog einen offiziellen Befundbogen hervor, versehen mit einem blauen Stempel, und legte ihn vor Andrea Lehmann auf den Tisch, direkt über den Rand ihres Tellers.
„Bei Emil König liegt eine leichte Verzögerung der Sprachentwicklung vor“, sagte Hannah. „Ausgelöst und verstärkt durch familiären Stress. Genauer: durch eine Großmutter, die ihn bei jedem Besuch mustert, bewertet und ihm vermittelt, er sei nicht richtig. Der Psychotherapeut hat es eindeutig formuliert. Das Kind hat dichtgemacht. Sein Verstand entspricht seinem Alter, er begreift alles. Nur in Ihrer Nähe hat er Angst, den Mund aufzumachen.“
Andrea öffnete die Lippen, doch diesmal ließ Hannah sie nicht dazwischenfahren.
„Aber das wirklich Interessante steht auf Seite zwei. Dort finden Sie die Ergebnisse des genetischen Screenings und die ergänzenden medizinischen Abgleiche von Daniel Hartmann und mir.“
Mila Engel verlor schlagartig die Farbe im Gesicht. Sie beugte sich hastig nach vorn, als wolle sie die Papiere an sich reißen, doch Hannah legte die flache Hand darauf und drückte sie fest gegen die Tischdecke.
„Daniel Hartmann ist Emils biologischer Vater. Daran gibt es keinen Zweifel, die Übereinstimmung ist eindeutig.“ Hannahs Stimme blieb klar. „Doch als die Ärzte die Familienanamnese überprüften, wurden auch ältere Krankenunterlagen von Daniel Hartmann und seinem verstorbenen Vater herangezogen. Von genau jenem berühmten Professor, auf dessen Blutlinie Sie so stolz sind.“
Am Tisch wurde es vollkommen still.
„Dabei kam etwas Erstaunliches heraus, Andrea Lehmann. Michael Kraus konnte nach einer schweren Erkrankung in seiner frühen Jugend auf natürlichem Weg keine Kinder zeugen. Daniel Hartmann stammt also nicht aus dieser viel beschworenen Professorenlinie. Er ist der Sohn von Simon Ludwig, Ihrem damaligen Fahrer, mit dem Sie Anfang der achtziger Jahre die Lieferangelegenheiten des Feinkostladens regelten.“
Ein dumpfes, gemeinsames Einatmen ging durch die Runde. Die Tante aus Duisburg stellte ihr Weinglas so vorsichtig ab, als könne schon das leiseste Klirren sie um ein einziges Wort bringen.
Andrea Lehmann wurde kreidebleich. Ihre Lippen bebten, und ihre gepflegten Finger krallten sich in die Tischkante.
„Du… du gemeines Ding!“, kreischte sie. „Das ist gelogen! Verleumdung! Daniel, mein Junge, glaub ihr kein Wort! Sie will uns auseinanderbringen! Sie beschmutzt das Andenken deines Vaters!“
Doch ihre Stimme kippte, wurde rau und brüchig.
„Mama?“
Zum ersten Mal an diesem Abend hob Daniel Hartmann den Blick zu ihr. In seinen Augen standen keine Tränen. Da war nur eine schwere, stumpfe Müdigkeit, die sich offenbar über Jahre angesammelt hatte.
„Ich wusste es bereits“, sagte er leise. „Vor drei Jahren habe ich in der Garage alte medizinische Unterlagen meines Vaters gefunden, kurz nachdem Hannah und ich geheiratet hatten.“
