Andrea Lehmann setzte das schwere Kristallgläschen so hart auf die gestärkte Tischdecke, dass die Weingläser leise klirrten. Am Tisch verstummten die Gäste schlagartig; die Gabeln blieben in den Schalen mit halb aufgegessenen Salaten liegen.
„Ihr könnt denken, was ihr wollt, aber ich werde dazu nicht schweigen“, verkündete die Jubilarin laut genug, dass es im ganzen Zimmer zu hören war. Ihr Blick heftete sich auf den dreijährigen Emil König, der still auf dem Teppich ein Bauteil seines Konstruktors hin und her schob. „Milas Felix kann mit drei Jahren schon Gedichte auswendig aufsagen! Und auf Englisch zählt er ohne Stocken bis zwanzig! Da merkt man eben sofort das Blut meines verstorbenen Mannes, des Professors.“
Mit betonter Langsamkeit wandte Andrea Lehmann sich ihrer Schwiegertochter Hannah Krause zu. In ihrem Gesicht lag eine unangenehme Mischung aus gespieltem Mitleid und unverhohlener Überheblichkeit.
„Und dein Emil? Der kaut immer noch Sand im Sandkasten und brummt vor sich hin. Tja, was soll man machen, gegen Gene kommt man nicht an. Er schlägt wohl ganz nach eurer Seite. Bei euch dort bei Tutzing hat es mit Intelligenz ja nie besonders weit her gewesen, nur einfache Arbeiter. Finde dich damit ab, Hannah, höher als der eigene Kopf kann niemand springen.“
Hannah spürte, wie ihre Finger unter dem Tisch die Stoffserviette so fest zusammenpressten, dass die Knöchel hell wurden. Ihr Mann Daniel Hartmann, der neben ihr saß, senkte abrupt den Blick auf seinen Teller und betrachtete mit auffälliger Gründlichkeit ein Stück Braten. In seinem Gesicht regte sich kein Muskel.

„Andrea Lehmann, ich bitte Sie, vergleichen Sie die Kinder nicht vor allen Leuten“, sagte Hannah leise, aber jedes Wort war klar zu verstehen. Nur mit Mühe hielt sie ihre Stimme ruhig. „Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Unser Sohn ist vollkommen gesund.“
Andrea Lehmann riss theatralisch die Arme hoch und streifte dabei beinahe mit dem Ärmel ihres festlichen Kleides die Fischplatte. Ihre Brust hob und senkte sich, als sei sie zutiefst beleidigt.
„Was habe ich denn gesagt? Na? Ist es unangenehm, die Wahrheit zu hören? Ich will das Kind doch nur anspornen! Er soll sich an den Klügeren orientieren, an seinem Cousin, statt dass ihr aus ihm mit eurem Getue eine träge Robbe macht. Kritik vertragt ihr überhaupt nicht, man darf ja kein einziges Wort mehr sagen! Daniel, sieh dir deine Frau an. Sie platzt doch nur vor Neid, weil Milas Sohn so weit ist und ihrer eben… besonders.“
Mila Engel, die gegenüber saß, richtete sich selbstzufrieden auf und strich ihrem Felix Lange über den Kopf. Der Junge starrte dabei ins Leere, wippte ununterbrochen vor und zurück und drehte pausenlos einen Plastiklöffel zwischen den Fingern.
Hannah erhob sich langsam vom Tisch.
