„Mama wohnt doch ganz in der Nähe“ — Theresa schwieg, beobachtete, wie Andrea den Wohnungsschlüssel erhielt

Unglaublich ungerecht, diese aufdringliche, verletzende Nähe.
Geschichten

Seltsamerweise fühlte sich dieser Entschluss sogar leichter an als die drei Jahre, in denen sie zwischen Hoffen, Zweifeln und Schweigen festgesteckt hatte.

„Ja“, sagte sie ruhig. „Ich verstehe. Geh zu deiner Mutter, Lukas.“

Er blinzelte. „Was?“

„Ich meine es genau so. Geh. Deine Sachen kannst du morgen holen, wenn du dich beruhigt hast. Die Schlüssel lege ich bei der Nachbarin hin.“

Lukas Albrecht starrte sie an, als warte er darauf, dass sie gleich nervös lachen oder alles zurücknehmen würde. Doch Theresa Wolf lachte nicht.

„Du hast keine Ahnung, was du da gerade tust“, sagte er schließlich leise.

„Doch“, erwiderte sie. „Das habe ich.“

Aus dem Flur war Andrea Lorenz’ triumphierende Stimme zu hören. Sie verkündete laut genug für alle, sie habe es ja immer gewusst: Diese Frau besitze weder Herz noch Verstand. Jonas Köhler murmelte zustimmend etwas dazu. Lukas blieb noch einen Moment stehen, als könne allein sein Schweigen Theresa zum Einlenken bewegen. Dann griff er nach seiner Jacke und verließ die Wohnung.

Theresa schloss hinter ihm die Tür. Das neue Schloss rastete mit einem klaren, kurzen Klicken ein.

Danach ging sie in die Küche, füllte den Wasserkocher und setzte sich ans Fenster. Draußen lag bereits Dunkelheit über der Straße.

Zwei Tage später holte Lukas seine Sachen ab. Er kam am Vormittag, als Theresa im Büro war. Er nahm Kleidung mit, seinen Laptop und einige Unterlagen. Die neuen Schlüssel, die Theresa bei der Nachbarin hinterlegt hatte, ließ er zurück. Sie lagen auf dem Küchentisch, daneben ein Zettel. Darauf stand, er brauche Zeit, um über alles nachzudenken.

Theresa las die wenigen Zeilen, faltete das Papier zusammen und legte es in eine Schublade.

Zeit hatte auch sie. Und sie dachte ebenfalls nach. Nicht mehr hastig, nicht unter Tränen, nicht mit der alten Angst im Nacken. In ihr war jene nüchterne Klarheit entstanden, die manchmal erst kommt, wenn eine Entscheidung, die man viel zu lange vor sich hergeschoben hat, endlich getroffen ist.

Eine Woche später vereinbarte sie einen Termin bei einer Anwältin. Nicht, weil sie alles überstürzen wollte, sondern weil sie wissen musste, welche Schritte nun wirklich vor ihr lagen. Die Anwältin war eine ältere Frau mit aufrechter Haltung und der angenehmen Gewohnheit, ohne Umschweife zur Sache zu kommen.

Theresa schilderte ihr die Lage. Die Anwältin hörte aufmerksam zu, machte sich ein paar Notizen und fragte dann, ob es Nachweise über die ursprüngliche Anzahlung und die bisherigen Darlehensraten gebe.

Die Unterlagen waren vorhanden. Theresa hatte alles aufgehoben: Kontoauszüge, Quittungen, den Kaufvertrag, Bankbescheinigungen, Zahlungspläne. Vier Jahre Buchhaltung in einer Baufirma hatten Spuren hinterlassen, und in diesem Moment erwies sich diese Ordnung als unbezahlbar.

Die Anwältin prüfte die Papiere, blätterte ruhig durch die Mappe, hob schließlich den Blick und sagte:

„Ihre Ausgangslage ist ziemlich gut.“

Von da an nahm alles seinen Lauf. Nicht schnell, nicht dramatisch, sondern Schritt für Schritt: Schriftsätze, Gerichtstermine, Gutachten, Fristen. Zwischendurch gab es die erwartbaren Versuche von Lukas, sich „gütlich“ zu einigen — allerdings ausschließlich zu Bedingungen, die ihm nützten. Theresa erschien zu den Gesprächen, hörte zu und antwortete knapp. Sie erklärte nichts zu viel und entschuldigte sich für nichts mehr.

Einmal rief Andrea Lorenz an. Sie sagte, Theresa werde das alles noch bereuen, und das Leben rechne früher oder später mit jedem ab. Theresa antwortete höflich, sie werde diese Einschätzung zur Kenntnis nehmen, und beendete das Gespräch.

Das Verfahren dauerte drei Monate. Theresa legte sämtliche Nachweise vor: den Kaufvertrag, Belege über die Herkunft ihrer eigenen Ersparnisse, die vollständige Übersicht der Darlehenszahlungen. Daraus ging deutlich hervor, dass der größte Teil der Raten von ihr getragen worden war. Lukas versuchte zwar, die Aufteilung anzufechten, doch sein Anwalt konnte nur mit dem arbeiten, was tatsächlich vorhanden war. Und das war nicht besonders viel.

Am Ende bestätigte das Gericht Theresa zwei Drittel der Wohnung. Lukas erhielt eine finanzielle Ausgleichszahlung, die seinem tatsächlichen Anteil entsprach. Andrea Lorenz bekam gar nichts, denn sie hatte nie irgendwelche Rechte an dieser Wohnung besessen. Bis dahin hatte sich nur niemand die Mühe gemacht, sie daran zu erinnern.

Von der Entscheidung erfuhr Theresa an einem ganz normalen Arbeitstag in der Mittagspause. Die Nachricht ihrer Anwältin erschien auf dem Display. Theresa las sie, schaltete das Handy aus und aß ihre Suppe zu Ende.

Einen Monat nachdem alles offiziell geregelt war, kaufte sie einen neuen Topf für den Ficus. Er war groß, aus Keramik und hatte die warme Farbe von Terrakotta. Theresa setzte die Pflanze vorsichtig um und stellte sie wieder an ihren Platz am Fenster. In den ersten Tagen ließ der Ficus die Blätter ein wenig hängen, wie es nach dem Umtopfen eben manchmal geschieht. Doch bald richtete er sich auf und streckte sich sichtbar dem Licht entgegen.

Morgens stand Theresa mit einer Tasse Kaffee in der Hand davor und betrachtete ihn. Dabei dachte sie, dass er wahrscheinlich schon lange mehr Raum gebraucht hatte.

Es hatte ihn nur niemand rechtzeitig umgesetzt.

LebensKlüber