Amelie Walter hatte diese Wohnung im Grunde fast allein gekauft. Nicht, dass sie darüber ständig Buch geführt hätte; es hatte sich einfach so ergeben. Florian Bergmann hatte damals gerade erst die Arbeitsstelle gewechselt, sein Gehalt war bescheiden, und der größte Teil der Anzahlung blieb an ihr hängen. Aus ihren eigenen Rücklagen steuerte Amelie 7.300 Euro bei — Geld, das sie vier Jahre lang beiseitegelegt hatte, während sie als leitende Buchhalterin in einer Baufirma arbeitete. Florian legte 800 Euro dazu. Den Kredit unterschrieben sie zwar gemeinsam, doch die monatlichen Raten von 210 Euro trug praktisch sie, weil ihr Einkommen verlässlich war, während es bei ihrem Mann Monate gab, in denen das Geld kaum bis zum Lebensmitteleinkauf reichte. Im Grundbuch standen sie beide. Trotzdem wusste Amelie tief in sich: Diese Wohnung gehörte eigentlich ihr. Nicht aus Geiz. Es war schlicht die Wahrheit.
Sabine Baumann trat unmittelbar nach der Hochzeit in ihr gemeinsames Leben. Genau genommen war sie vorher natürlich auch nicht verschwunden gewesen; nur hatte sich ihre Einmischung bis dahin hauptsächlich auf Florian bezogen. Nun betraf sie plötzlich auch Amelie. Den Schlüssel zur Wohnung besaß die Schwiegermutter von Anfang an. Florian hatte ihn ihr sogar noch vor dem Einzug gegeben — „für alle Fälle“, wie er sagte. Man wisse ja nie. Vielleicht platze einmal ein Rohr, während sie beide bei der Arbeit seien.
„Mama wohnt doch ganz in der Nähe“, erklärte er. „Zehn Minuten zu Fuß. Das ist doch praktisch.“
Amelie schwieg damals. In der ersten Zeit sagte sie überhaupt auffallend wenig. Sie beobachtete, gewöhnte sich ein, versuchte, keine Streitpunkte zu schaffen, wo vielleicht gar keine waren. Vielleicht war Sabine Baumann eben so: nervös, fürsorglich, unfähig, ihren Sohn wirklich loszulassen. Solche Menschen gab es. Amelie nahm sich vor, Geduld zu haben.
Sabine Baumann kam zu den unterschiedlichsten Zeiten. Manchmal stand sie morgens um halb acht in der Wohnung, wenn Amelie noch nicht einmal im Bad gewesen war. Manchmal tauchte sie mitten am Tag auf, während Amelie von zu Hause aus arbeitete. Und manchmal erschien sie gegen Abend — ohne anzurufen, ohne Nachricht, ohne jede Vorwarnung. Nur das Klicken des Schlosses war zu hören, dann ihre Stimme im Flur:

„Ich bin’s, erschreckt euch nicht.“
Amelie erschrak jedes einzelne Mal.
Sabine Baumann kam nie einfach nur vorbei, um sich hinzusetzen, Tee zu trinken oder ein paar freundliche Worte zu wechseln. Jeder ihrer Besuche hatte den Charakter einer Kontrolle. Systematisch ging sie durch die Zimmer, öffnete Küchenschränke, prüfte den Inhalt des Kühlschranks und stellte Töpfe so um, wie es ihrer Meinung nach richtig war. Einmal warf sie ein halbes Kilo Buchweizen weg, weil sie beschlossen hatte, die Körner seien alt. Amelie hatte die Packung drei Tage zuvor gekauft. Ein anderes Mal räumte sie sämtliche Handtücher aus dem Badezimmer in einen anderen Schrank — nur, weil sie fand, dort gehörten sie eher hin.
Nach jedem dieser Auftritte rief Sabine Baumann bei Florian an. Amelie bekam diese Gespräche nie vollständig mit, doch sie konnte ihren Inhalt an dem Gesicht ablesen, mit dem ihr Mann später nach Hause kam.
„Mama sagt, du hast den Herd nach dem Kochen nicht abgewischt.“
„Mama meint, im Bad liegen schon wieder überall Sachen herum.“
„Mama sagt, du kannst den Platz in der Wohnung überhaupt nicht richtig einteilen.“
Amelie sah ihn dann an und fragte sich: Hört er sich eigentlich selbst? Begreift er, was er da gerade zu mir sagt?
„Florian“, sagte sie eines Tages möglichst ruhig, „ich möchte nicht, dass deine Mutter unangekündigt hereinkommt. Es ist unbequem. Es ist unangenehm. Ich will mich in meiner eigenen Wohnung sicher fühlen.“
Florian seufzte, als müsse er einem Kind etwas ganz Selbstverständliches erklären.
„Amelie, das ist doch meine Mutter. Sie meint es nicht böse. Sie will nur helfen. Halte es noch ein bisschen aus, dann beruhigt sie sich schon.“
Doch seine Mutter beruhigte sich nicht.
Ein Jahr verging, dann ein zweites. Die Besuche wurden nicht seltener. Die Bemerkungen hörten nicht auf. Amelie lernte, nach außen hin gelassen zu bleiben: keine scharfen Antworten, kein lauter Ton, kein offener Streit. Aber in ihr verschob sich langsam etwas. Jeden Morgen, sobald sie die Augen aufschlug, hielt sie für einen kurzen Moment den Atem an: Würde Sabine Baumann heute wieder kommen oder nicht? Und jedes Mal, wenn Amelie Walter von der Arbeit nach Hause zurückkehrte, verlangsamte sie unwillkürlich ihren Schritt vor der Wohnungstür.
