Kein weiteres Gespräch würde daran noch etwas ändern. Lukas Albrecht würde sich nicht ändern. Andrea Lorenz würde nicht von selbst aufhören.
Am nächsten Morgen rief Theresa Wolf einen Schlüsseldienst an.
Der Handwerker kam gegen Mittag. Knapp vierzig Minuten war er beschäftigt. Als er wieder ging, saßen in der Wohnungstür zwei neue Schlösser — solide, teure Modelle. Theresa ließ die frischen Schlüssel einen Moment in ihrer Handfläche liegen. Zwei vollständige Sätze. Beide gehörten ihr. Dann steckte sie sie in ihre Tasche.
Lukas kam an diesem Tag später von der Arbeit. Andrea Lorenz dagegen stand schon um halb sieben vor der Tür. Theresa sah sie durch den Spion. Ihre Schwiegermutter war nicht allein: Neben ihr wartete Jonas Köhler, mit verschränkter Haltung und der Miene eines Mannes, der eigens zur Verstärkung mitgebracht worden war.
Draußen kratzte ein Schlüssel im Schloss. Dann Stille. Ein zweiter Versuch. Danach hörte Theresa Andrea Lorenz’ Stimme — zuerst verwirrt, gleich darauf schärfer.
„Was ist denn das… Jonas, sieh dir das an. Der Schlüssel passt nicht.“
Theresa stand im Flur, nur durch die Tür von ihnen getrennt, und rührte sich nicht.
„Theresa!“ Andrea Lorenz hämmerte gegen das Türblatt. „Machen Sie sofort auf! Was soll das hier?“
Theresa öffnete.
Andrea Lorenz stand auf der Schwelle, rote Flecken auf den Wangen, die alten Schlüssel fest in der Faust.
„Sie haben die Schlösser austauschen lassen?! Ohne ein Wort?! Wie können Sie sich so etwas erlauben?“
„Ich kann“, sagte Theresa.
Mehr nicht. Ihre Stimme war ruhig, beinahe farblos. In diesem einen Wort lag weder Triumph noch Wut. Nur die nüchterne Sicherheit eines Menschen, der eine Grenze gezogen hatte.
„Begreifen Sie überhaupt, was Sie da tun?“ Andrea Lorenz machte einen Schritt nach vorn, doch Theresa wich nicht zurück. „Das ist die Wohnung meines Sohnes! Sie haben dazu kein Recht!“
„Es ist auch meine Wohnung. Und in meine Wohnung kommt ab jetzt niemand mehr ohne meine Erlaubnis.“
Hinter Andrea Lorenz verschränkte Jonas Köhler die Arme vor der Brust.
„Machen Sie die Tür ganz auf“, sagte er in einem Ton, als sei damit alles entschieden. „Sonst rufe ich die Polizei.“
„Tun Sie das“, erwiderte Theresa. „Dann erklären Sie den Beamten bitte auch gleich, warum Sie mit Schlüsseln in eine fremde Wohnung wollten, die Ihnen niemand überlassen hat.“
Das brachte Jonas Köhler aus dem Konzept. Er sah zu Andrea Lorenz hinüber. Sie begann sofort wieder zu reden, diesmal lauter, offensichtlich für die Nachbarn, die hinter ihren Türen längst lauschen mussten: von einer besetzten Wohnung, von einer Schwiegertochter, die die Familie hinausdränge, davon, dass Lukas gar nicht wisse, was seine Frau hier anrichte.
Lukas traf zwanzig Minuten später ein. Seine Mutter hatte ihn angerufen; er kam hastig, mit gerötetem Gesicht und angespanntem Blick.
„Theresa, was ist hier los?“ Er sah erst seine Mutter an, dann seine Frau. „Warum hast du die Schlösser wechseln lassen?“
„Weil ich sonst keine Möglichkeit mehr hatte, die Tür zu meinem eigenen Zuhause zu schließen.“
„Sie ist völlig durchgedreht!“, rief Andrea Lorenz dazwischen. „Lukas, sag ihr etwas! Sie soll die Schlüssel herausgeben!“
Lukas trat in die Wohnung und blieb mitten im Flur stehen. Theresa betrachtete ihn, und plötzlich sah sie wieder genau das, was sie seit drei Jahren sah: einen Mann, der zwischen zwei Ufern hin und her getrieben wurde und sich weigerte, sich für eines zu entscheiden.
„Mama hat recht“, sagte er schließlich. In seiner Stimme lag beinahe so etwas wie Schuld — nur wusste Theresa nicht mehr, ob er sich vor seiner Mutter schuldig fühlte oder vor ihr. „Du hättest wenigstens vorher etwas sagen müssen. Gib die Schlüssel zurück, dann reden wir in Ruhe über alles.“
„Es gibt nichts mehr zu reden, Lukas.“
„Theresa.“
„Drei Jahre lang habe ich geredet. Drei Jahre lang habe ich erklärt, gebeten, wieder erklärt. Geändert hat sich nichts.“
Lukas presste die Zähne aufeinander. Aus dem Hausflur drang weiter Andrea Lorenz’ Stimme zu ihnen, doch Theresa nahm die Worte kaum noch wahr.
„Dann stelle ich dir jetzt eine Bedingung“, sagte Lukas, und seine Stimme wurde härter. „Entweder du gibst die Schlüssel zurück, oder… ich weiß nicht, wie es mit unserer Familie weitergehen soll. Verstehst du, was ich meine?“
Theresa sah ihn lange und sehr aufmerksam an. Früher, irgendwann, hätte ein solcher Satz sie vielleicht zurückweichen lassen. Jetzt aber erkannte sie nur noch den Menschen vor sich, der in diesem Moment endgültig gezeigt hatte, auf wessen Seite er stand. Und in diesem Augenblick begriff sie, dass sie ihre Antwort längst kannte.
