„Mama wohnt doch ganz in der Nähe“ — Theresa schwieg, beobachtete, wie Andrea den Wohnungsschlüssel erhielt

Unglaublich ungerecht, diese aufdringliche, verletzende Nähe.
Geschichten

Wenn Theresa Wolf abends von der Arbeit kam, verlangsamte sie inzwischen schon vor der Wohnungstür unwillkürlich ihre Schritte. Noch bevor sie den Schlüssel ins Schloss steckte, stellte sie sich dieselbe Frage: War drinnen alles so, wie sie es morgens verlassen hatte — oder hatte wieder jemand ihre Abwesenheit genutzt?

Die eigene Wohnung war kein Ort mehr, an dem sie aufatmen konnte.

Der endgültige Bruch kündigte sich an einem ganz gewöhnlichen Dienstag an. Theresa hatte länger im Büro bleiben müssen und kam erst gegen acht Uhr nach Hause. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, sah sie Andrea Lorenz in der Wohnung — und neben ihr einen fremden Mann, etwa Mitte dreißig, mit einer Reisetasche. Er saß in der Küche am Tisch und aß mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre er hier zu Hause.

„Das ist Jonas Köhler, mein Neffe“, erklärte Andrea Lorenz, ohne auch nur den Anflug von Verlegenheit zu zeigen. „Er hat im Moment keine Bleibe. Ich habe ihm erlaubt, ein paar Tage bei euch unterzukommen. Platz ist hier ja genug.“

Theresa blieb im Türrahmen der Küche stehen. Jonas hob kurz den Kopf, nickte ihr knapp zu und widmete sich dann wieder seinem Teller.

„Andrea Lorenz“, sagte Theresa nach einem Moment, in dem sie ihre Stimme unter Kontrolle bringen musste, „das ist unsere Wohnung. Sie können hier niemanden einquartieren, ohne vorher mit uns zu sprechen.“

„Ach, stell dich nicht so an“, winkte ihre Schwiegermutter ab. „Es geht doch nur um ein paar Tage. Lukas hat sicher nichts dagegen.“

Wie sich später herausstellte, hatte Lukas Albrecht tatsächlich nichts dagegen. Genauer gesagt: Er hatte vorher nichts davon gewusst. Aber nachdem er es erfahren hatte, fand er an der Sache nichts Ungewöhnliches.

„Theresa, es sind doch nur ein paar Tage. Der Mann steckt in Schwierigkeiten.“

„Lukas, wir waren nicht zu Hause. Deine Mutter hat einen Menschen, den ich nicht kenne, in unsere Wohnung gelassen, ohne uns auch nur einmal anzurufen. Findest du das normal?“

„Jonas ist kein Fremder. Er gehört zur Familie.“

„Für mich ist er ein Fremder.“

Wie so oft endete das Gespräch in einer Sackgasse. Jonas blieb vier Tage. In dieser Zeit bewegte Theresa sich durch die eigenen Räume, als wäre sie nur geduldet, als hätte sie in ihrem Zuhause plötzlich kein Recht mehr auf Ruhe, keine Kontrolle mehr über Türen, Schränke, Tisch und Stühle.

Danach bat sie Andrea Lorenz, die Schlüssel zurückzugeben. Nicht laut, nicht anklagend, ohne Szene. Sie sprach es ruhig aus, beinahe sachlich.

Andrea Lorenz lachte. Nicht unsicher, nicht beschämt, sondern offen und herzlich, als hätte Theresa etwas vollkommen Absurdes gesagt.

„Das ist die Wohnung meines Sohnes“, erklärte sie. „Und ich werde hierherkommen, wann immer ich will. Die Schlüssel gebe ich nicht her.“

„Andrea Lorenz, rechtlich gehört diese Wohnung uns beiden. Und ich bitte Sie darum…“

„Du bittest hier gar nichts“, fiel Andrea Lorenz ihr ins Wort. In ihrer Stimme lag kein Zorn, nicht einmal Gereiztheit. Nur die feste Überzeugung eines Menschen, der Widerspruch grundsätzlich nicht in Betracht zieht. „Lukas, sag du es ihr.“

Lukas sagte es. Er sagte, seine Mutter habe recht. Er sagte, das sei immer schon so gewesen. Er sagte, Theresa reagiere überempfindlich auf ganz normale Fürsorge.

Nach diesem Gespräch gab Theresa es auf, irgendetwas zu erklären. Worte, das begriff sie nun, prallten hier ab. Sie führten zu nichts, veränderten nichts, hinterließen nicht einmal einen Kratzer.

Also wartete sie. Nicht, weil sie sich nicht zu handeln traute. Sondern weil sie begriff, dass der richtige Augenblick deutlicher sein musste als jedes Argument.

Dieser Augenblick kam an einem Donnerstag, der zunächst völlig unscheinbar war. Theresa hatte sich freigenommen. Die Erschöpfung der vergangenen Wochen saß ihr in den Knochen, und sie hatte sich nach ein paar Stunden Stille in der eigenen Wohnung gesehnt. Gegen Mittag hörte sie das leise Klicken des Schlosses.

Sie saß mit einer Tasse Kaffee und einem Buch im Wohnzimmer. Zuerst kamen Schritte im Flur, dann das Geräusch einer Schranktür im Schlafzimmer.

Theresa stellte die Tasse ab, erhob sich langsam und ging hinüber.

Andrea Lorenz stand vor dem geöffneten Kleiderschrank. In den Händen hielt sie einen Mantel. Es war der neue dunkelblaue Mantel, den Theresa erst zwei Wochen zuvor gekauft und bisher nur dreimal getragen hatte. Ihre Schwiegermutter betrachtete ihn prüfend, drehte den Bügel leicht hin und her, strich mit den Augen über den Kragen, als stelle sie sich bereits vor, wie er an ihr aussehen würde.

„Andrea Lorenz“, sagte Theresa von der Tür aus.

Die andere erschrak nicht. Sie drehte sich in aller Ruhe um.

„Ach, du bist da. Das wusste ich nicht.“ Dann hob sie den Mantel ein wenig an und sagte, als ginge es um eine belanglose Kleinigkeit: „Es macht doch nichts, wenn ich den mitnehme? Ich brauche gerade so einen, und du hast ja genug Sachen.“

„Fassen Sie meine Dinge nicht an.“

Mehr sagte Theresa nicht. Sie sah Andrea Lorenz noch einige Sekunden lang an, dann wandte sie sich um und verließ das Zimmer.

Andrea Lorenz fuhr eine halbe Stunde später wieder weg. Der Mantel hing noch im Schrank. Doch in Theresa rückte an diesem Tag etwas endgültig an seinen Platz — klar, unumstößlich und so, als gäbe es nichts mehr zu überdenken.

LebensKlüber