Theresa Wolf hatte diese Wohnung im Grunde fast allein gekauft. Nicht, weil sie darüber ständig Buch geführt hätte, doch die Umstände hatten sich nun einmal so ergeben. Lukas Albrecht hatte damals gerade erst die Stelle gewechselt, sein Gehalt war bescheiden, und der größte Teil der Anzahlung kam deshalb von ihr. Theresa steckte 7.300 Euro aus ihren Ersparnissen hinein — Geld, das sie vier Jahre lang zur Seite gelegt hatte, während sie als leitende Buchhalterin in einer Baufirma arbeitete. Lukas konnte lediglich 800 Euro beisteuern. Den Immobilienkredit nahmen sie zwar gemeinsam auf, doch die monatlichen Raten von 210 Euro trug in Wirklichkeit fast immer sie. Ihr Einkommen war verlässlich, während es bei ihrem Mann immer wieder Monate gab, in denen das Geld kaum für Lebensmittel reichte. Auf dem Papier gehörte die Wohnung ihnen beiden. Innerlich aber wusste Theresa von Anfang an: Es war ihre Wohnung. Nicht aus Habgier, sondern weil es schlicht der Wahrheit entsprach.
Andrea Lorenz trat unmittelbar nach der Hochzeit in ihr gemeinsames Leben. Genau genommen war sie nie wirklich daraus verschwunden; vorher hatte sich ihre ständige Gegenwart nur auf Lukas bezogen, nun betraf sie auch Theresa. Einen Schlüssel zur Wohnung besaß die Schwiegermutter von Beginn an. Lukas hatte ihn ihr sogar noch vor dem Einzug gegeben, angeblich für den Notfall. Man könne ja nie wissen. Vielleicht platze ein Rohr, während beide bei der Arbeit seien.
„Mama wohnt doch ganz in der Nähe“, sagte er damals. „Zehn Minuten zu Fuß. Das ist doch praktisch.“
Theresa sagte nichts. In jener ersten Zeit schwieg sie oft. Sie beobachtete, gewöhnte sich ein, versuchte, keine Streitigkeiten heraufzubeschwören, wo vielleicht gar keine nötig waren. Vielleicht war Andrea Lorenz eben so: unruhig, fürsorglich, unfähig, ihren Sohn wirklich loszulassen. Solche Menschen gab es. Theresa beschloss, Geduld zu haben.
Andrea Lorenz kam zu den unterschiedlichsten Zeiten. Manchmal stand sie morgens um halb acht in der Wohnung, wenn Theresa noch nicht einmal dazu gekommen war, sich das Gesicht zu waschen. Ein anderes Mal tauchte sie mitten am Tag auf, während Theresa im Homeoffice saß. Oder sie erschien gegen Abend — ohne Anruf, ohne Nachricht, ohne irgendeine Vorwarnung. Es klickte nur das Schloss, und gleich darauf hallte ihre Stimme durch den Flur:

„Ich bin’s nur, erschreckt euch nicht.“
Theresa erschrak jedes Mal.
Andrea Lorenz kam nie einfach nur vorbei, um sich hinzusetzen, Tee zu trinken oder ein wenig zu plaudern. Jeder ihrer Besuche hatte etwas Dienstliches, Kontrollierendes. Systematisch ging sie durch die Wohnung, öffnete Küchenschränke, sah im Kühlschrank nach, rückte Töpfe um, bis alles ihrer Vorstellung von Ordnung entsprach. Einmal warf sie ein halbes Kilo Buchweizen weg, weil sie beschlossen hatte, die Körner seien alt. Theresa hatte sie drei Tage zuvor gekauft. Bei einer anderen Gelegenheit räumte sie sämtliche Handtücher aus dem Bad in einen anderen Schrank, nur weil sie fand, dort seien sie „richtiger“ aufgehoben.
Nach jedem dieser Besuche rief Andrea Lorenz ihren Sohn an. Theresa hörte diese Gespräche nie vollständig mit, doch sie begriff ihren Inhalt, sobald Lukas abends nach Hause kam und mit diesem bestimmten Gesichtsausdruck in der Tür stand.
„Mama sagt, du hast den Herd nach dem Kochen nicht abgewischt.“
„Mama meint, im Bad liegen schon wieder überall Sachen herum.“
„Mama findet, du kannst Räume überhaupt nicht vernünftig organisieren.“
Theresa sah ihn dann an und fragte sich: Hört er sich eigentlich selbst zu? Begreift er, was er da gerade sagt?
„Lukas“, sagte sie eines Tages so ruhig wie möglich, „ich möchte nicht, dass deine Mutter unangemeldet hier auftaucht. Das ist unangenehm. Es fühlt sich übergriffig an. Ich will mich in meiner eigenen Wohnung sicher fühlen können.“
Lukas seufzte, als müsse er einem Kind etwas vollkommen Offensichtliches erklären.
„Theresa, das ist doch meine Mutter. Sie meint es nicht böse. Sie will nur helfen. Halte einfach noch ein bisschen durch, dann beruhigt sie sich schon.“
Doch Andrea Lorenz beruhigte sich nicht.
Ein Jahr verging, dann ein zweites. Die Besuche wurden nicht seltener. Die Vorwürfe hörten nicht auf. Theresa lernte, nach außen hin beherrscht zu reagieren — keine spitzen Antworten, keine erhobene Stimme, kein offener Streit. Aber in ihrem Inneren verschob sich langsam etwas. Jeden Morgen, wenn sie die Augen öffnete, hielt sie für einen kurzen Moment den Atem an und fragte sich: Kommt sie heute wieder oder bleibt die Tür diesmal zu? Und jedes Mal, wenn sie zurückkehrte, spannte sich in ihr alles an.
