– Und das alles wegen 6.000 Euro?
– Nein. Wegen der Lügen. Wegen deines Satzes, ich solle meine Sachen packen. Und weil du auch jetzt nicht meinetwegen hier bist, sondern weil du dein altes bequemes Leben zurückhaben willst.
– Ich liebe dich.
Johanna senkte den Blick auf den Strauß in seiner Hand.
– Du liebst es, wenn ich die Nebenkosten bezahle, beim Essen schweige und Geld überweise, ohne Fragen zu stellen.
– Das ist unfair.
– War es fair, mich als Schmarotzerin hinzustellen?
Florian riss den Kopf hoch.
– Das habe ich nie gesagt.
– Deine Mutter hat es gesagt. Und du hast daneben gesessen und geschwiegen. Für mich reicht das.
Er schleuderte die Blumen auf die Bank.
– Dann bleib eben allein. Mal sehen, wie lange du das durchhältst.
– Lange genug.
– Mit deinen Kleidchen?
– Ja. Mit meinen Kleidern.
Er wandte sich ab und ging, viel zu schnell, fast fluchtartig. Johanna machte keine Anstalten, den Strauß aufzuheben. Kurz darauf trat eine Nachbarin aus dem Haus, sah die Rosen auf der Bank liegen und deutete darauf.
– Gehören die Ihnen?
– Nein, – antwortete Johanna ruhig. – Da hat sich jemand in der Adresse geirrt.
Im September bekam sie eine Einladung, im städtischen Handwerkszentrum einen Kurs zu geben. Es war nur eine kleine Gruppe, ganz normale Frauen, die lernen wollten, Kleidung für sich selbst zu nähen. Johanna stand vor ihnen, das Maßband locker um den Hals gelegt, und begriff plötzlich etwas Seltsames und Schönes: Niemand fragte sie, wem sie dafür dankbar sein müsse. Niemand nannte ihre Arbeit eine Spielerei. Niemand erwartete, dass sie ihr Geld für den Traum eines anderen opferte.
Nach der Stunde blieb eine Frau um die sechzig vor ihr stehen.
– Sie erklären das, als hätten Sie Ihr Leben lang unterrichtet.
Johanna lächelte verlegen.
– Nein. Ich habe nur oft genug wieder von vorn anfangen müssen.
Die Frau nickte.
– Genau das merkt man.
Noch am selben Abend kaufte Johanna sich einen neuen Koffer. Kein Luxusstück, nichts Auffälliges. Nur stabil sollte er sein, dunkelgrün, mit einem festen Griff und ordentlichen Rollen. Den alten grauen warf sie nicht weg. Sie stellte ihn in Leas Abstellkammer.
– Er soll dortbleiben, – sagte sie. – Immerhin hat er mich herausgebracht.
Lea lachte.
– Und wohin fährt der neue?
– Zu einer Stoffmesse. Ich habe mich für Hannover angemeldet.
– Allein?
– Allein.
Im Oktober wurde die Ehe geschieden, ohne Auftritt, ohne Tränen, ohne laute Worte. Florian erschien zusammen mit Beatrice. Sie saß neben ihm auf dem Flur des Gerichts und tat so, als bemerke sie Johanna nicht. Erst als Florian zum Fenster ging, beugte sich seine Mutter zu ihr hinüber.
– Zufrieden?
– Ruhig, – sagte Johanna.
– Florian ist deinetwegen völlig am Ende.
– Nein. Deinetwegen musste er nur aufhören, auf meine Kosten zu leben.
– Du bist eine harte Frau.
Johanna schob ihren Ausweis zurück in die Tasche.
– Nein. Ich gehöre nur nicht mehr zu euch.
Beatrice öffnete den Mund, doch in diesem Moment kam Florian zurück. Er sah gleichzeitig wütend und verloren aus.
– Johanna, ich frage dich ein letztes Mal. Willst du wirklich nicht vernünftig mit mir reden?
– Worüber?
– Na ja… wenigstens könntest du helfen, den Restbetrag für das Auto zu begleichen. Wir waren schließlich jahrelang zusammen.
Sie sah ihn an, ohne die Stimme zu heben.
– Florian, zuerst wolltest du 6.000 Euro für deine Mutter. Danach habt ihr beide versucht, mir einzureden, ich hätte diese Familie zerstört. Und jetzt soll ich auch noch deine Autoschulden übernehmen. Bist du ein einziges Mal gekommen, nur um dich ehrlich zu entschuldigen?
Er wich ihrem Blick aus.
– Ich habe doch gesagt, dass ich überreagiert habe.
– Das ist keine Entschuldigung.
– Was willst du denn noch?
– Nichts mehr. Genau darin liegt der Unterschied.
Nach der Scheidung trat Johanna vor das Gerichtsgebäude. Der Tag war trocken und kühl. Nichts daran wirkte feierlich. Keine Musik, kein Sonnenstrahl wie ein Zeichen, kein großer Moment. Es war einfach nur ein Tag, an dem eine lange Geschichte zu Ende gegangen war.
Sie ging bis zur Haltestelle, stieg aber nicht in den ersten Bus. Stattdessen rief sie Lea an.
– Es ist vorbei.
– Wie geht es dir?
Johanna betrachtete ihr Spiegelbild in der Scheibe des Wartehäuschens. Das kastanienbraune Haar war zu einem Knoten gebunden, der Mantel ordentlich geschlossen, neben ihr stand der neue dunkelgrüne Koffer für die Reise.
– Gerade, – sagte sie. – Innerlich gerade.
– Komm vorbei. Wir feiern mit Tee.
– Ich komme. Aber vorher muss ich noch in die Werkstatt. Ein Auftrag wartet.
– Du bist unverbesserlich.
– Im Gegenteil. Ich glaube, ich bin endlich wieder richtig geworden.
Eine Woche später schickte Florian eine knappe Nachricht: „Mama meint, du könntest Emilia trotzdem helfen. Sie kann ja nichts dafür.“
Johanna las die Zeilen. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit suchte sie nicht nach einer Antwort, die niemanden verletzen würde. Sie tippte nur:
„Mein Geld löst keine Probleme eurer Familie mehr.“
Dann steckte sie das Telefon in die Tasche.
In der Werkstatt roch es nach frischem Stoff und nach Dampf vom Bügeleisen. Auf dem Tisch lag der Zuschnitt für ein dunkelblaues Kleid, bestellt von einer Frau, die nach ihrer Pensionierung in einem Amateurtheater auf die Bühne wollte. Johanna strich mit der Hand über das Material, prüfte die Schulterlinie und lächelte.
Draußen stritt jemand laut auf dem Gehweg. Im Nebenraum lachten die Kursteilnehmerinnen. Das Leben ging weiter. Ohne Florian. Ohne Beatrice. Ohne dringende Bitten um Überweisungen und ohne fremde Schulden.
Johanna schaltete die Lampe ein.
Die Schere lag sicher in ihrer Hand.
Der alte graue Koffer gehörte der Vergangenheit. Und die 6.000 Euro lagen noch immer auf ihrem Konto. Nicht als Rache. Nicht als Beweis. Sondern als leise Stütze einer Frau, die rechtzeitig die Wahrheit gehört hatte und sich endlich für sich selbst entschied.
