Auch die Nebenkosten wurden von Johanna bezahlt. Den Wagen, mit dem Florian Beatrice zu Supermärkten und Arztterminen fuhr, hielt ebenfalls sie am Laufen. Sogar Emilias Geburtstagsgeschenk war von ihrer Karte abgegangen.
Und währenddessen hatte man ihr immer wieder erklärt, sie müsse in dieser Familie dankbar sein.
Am Abend rief Florian an.
– Wo steckst du?
– Bei Lea.
– Im Ernst? Bei dieser Geschiedenen?
– Komm zur Sache.
– Mama weint.
– Dann richte ihr aus, dass sie die 6.000 Euro nicht bekommt.
– Du verhältst dich widerlich.
– Ich habe nur keinem Menschen Geld überwiesen, der mich hintergehen wollte.
– Das ist meine Mutter!
– Dann klär es selbst.
Seine Stimme wurde leiser.
– Johanna, was willst du eigentlich erreichen? Dass ich mich zwischen euch entscheiden muss?
– Nein. Das hast du längst getan.
– Ich habe gar nichts entschieden.
– Doch. In dem Moment, als du mir gesagt hast, ich soll meine Sachen packen.
Am anderen Ende wurde sein Schweigen schwer, gereizt, fast feindselig.
– Glaubst du wirklich, ich laufe dir jetzt hinterher?
– Nein, das glaube ich nicht.
– Dann eben Scheidung.
– In Ordnung.
Florian verstummte. Offenbar hatte er dieses Wort als Drohung aufgespart. Nun war es plötzlich nur eine Antwort.
– Das wirst du bereuen, sagte er schließlich.
– Vielleicht. Aber nicht wegen des Geldes.
Eine Woche später meldete sich Beatrice persönlich. Johanna war überrascht, nahm den Anruf aber an.
– Johanna, begann ihre Schwiegermutter betont sanft, du bist doch eine erwachsene Frau. Warum muss man es denn gleich bis zur Scheidung treiben?
– Sie wollten mir zeigen, wo mein Platz ist.
– Um Himmels willen, wer hat dir denn so etwas eingeredet?
– Sie selbst. Vor dem Hauseingang.
– Ich war aufgewühlt. Mein Blutdruck war hoch.
– Beatrice, bitte nicht.
Für einen Moment schwieg die Schwiegermutter.
– Gut. Dann reden wir offen. Florian ist nervlich am Ende. Ohne dich ist er völlig aus der Spur geraten. Zu Hause herrscht Chaos. Er isst irgendetwas, kommt zu spät zur Arbeit. Du kennst doch seinen Charakter.
– Ja. Den kenne ich.
– Also komm zurück. Und das Geld… Wenn du die 6.000 Euro nicht geben willst, dann überweis wenigstens 3.000. Den Rest später.
Johanna schloss die Augen. Nicht, weil es wehtat. Sondern weil sie müde war.
– Sie bitten mich nach allem, was passiert ist, ernsthaft um die Hälfte?
– Ich bitte dich um der Familie willen.
– Um Emilias willen.
Beatrice atmete scharf aus.
– Emilia gehört auch zur Familie.
– Dann soll Florian ihr sein eigenes Geld schicken.
– Er hat nicht solche Summen!
– Dann wird die Hochzeit eben bescheidener.
– Du bist hart geworden.
– Nein. Ich bin nur nicht mehr bequem.
Nach diesem Gespräch folgten zehn ruhige Tage.
Johanna mietete eine kleine Einzimmerwohnung für 280 Euro im Monat. Nicht am äußersten Stadtrand, aber auch ohne jeden Glanz. Sie stellte ihren Koffer neben den Schrank, kaufte zwei Tassen, ein frisches Handtuchset und eine Schreibtischlampe. Abends kam sie dorthin zurück und hörte nicht mehr, dass sie das Brot wieder falsch geschnitten, den Topf an den falschen Platz gestellt oder Florian im falschen Ton geantwortet hatte.
Sie arbeitete als Bekleidungskonstrukteurin in einer kleinen Werkstatt. Schon lange hätte sie private Aufträge annehmen können, doch Florian hatte jedes Mal das Gesicht verzogen.
– Wieder deine Stoffspielereien? Such dir lieber etwas Vernünftiges.
Jetzt brachten ihr genau diese „Stoffspielereien“ im ersten Monat 740 Euro ein. Danach kam ein weiterer Auftrag. Dann eine Stammkundin, die ihre Schwester mitbrachte.
Lea meinte:
– Mach dir eine eigene Seite. Zeig, was du kannst.
– Ich kann nicht schön schreiben.
– Dafür kannst du schön arbeiten.
Johanna erstellte die Seite. Ohne große Versprechen. Nur Fotos, Maße, Stoffe und Lieferzeiten. Einen Monat später war sie für drei Wochen im Voraus ausgebucht.
Florian tauchte Ende August wieder auf.
Er wartete vor dem Eingang ihrer Mietwohnung. In der Hand hielt er einen Blumenstrauß. Nicht ihre geliebten Chrysanthemen, sondern rote Rosen, die er jeder beliebigen Frau kaufte, wenn er großzügig wirken wollte.
– Hallo, sagte er.
– Weshalb bist du hier?
– Ich möchte reden.
– Dann rede.
Er sah sich im Hof um.
– Können wir vielleicht hochgehen?
– Nein.
– Johanna, ich habe alles verstanden.
– Was genau?
– Dass ich überreagiert habe. Mama auch. Sie ist eben von der alten Schule, manchmal sagt sie Dinge ungeschickt.
– Sie sagt die Wahrheit. Zumindest dann, wenn sie glaubt, ich höre nicht zu.
Florian verzog das Gesicht.
– Jetzt häng dich doch nicht an jedem Wort auf.
– Bist du gekommen, um dich zu versöhnen, oder um mir zu erklären, warum wieder ich schuld bin?
Er ließ den Strauß ein Stück sinken.
– Ich bin erschöpft. Zu Hause hält man es kaum aus. Mama nörgelt jeden Tag. Emilia und ihr Verlobter wollen Geld. Der Autokredit drückt. Ich… kurz gesagt, ich habe begriffen, dass es ohne dich schlecht ist.
Johanna nickte langsam.
– Natürlich ist es schlecht. Ich habe deinen Komfort bezahlt.
– Sag das nicht so.
– Doch, genau so.
Er musterte ihre Tasche, das saubere Kleid, ihr ruhiges Gesicht.
– Du hast dich verändert.
– Nein. Du hast früher nur das gesehen, was dir gepasst hat.
Florian trat einen Schritt näher.
– Lass uns neu anfangen. Ich rede mit Mama. An das Geld geht niemand mehr ran.
– Die Scheidung ist bereits eingereicht.
– Man kann den Antrag zurückziehen.
– Ich werde ihn nicht zurückziehen.
Er presste die Zähne aufeinander, als müsse er jedes weitere Wort zurückhalten.
