– Und was willst du da mitbekommen haben? Zwei alte Frauen reden nun mal viel Unsinn.
– Dass es keine Renovierung geben wird. Dass das Geld an Emilia weitergereicht werden soll. Dass niemand auch nur daran denkt, mir eine Quittung zu schreiben. Und dass ich hier nur geduldet bin.
– Das hat sie vielleicht im Affekt gesagt.
– Merkwürdig ruhiger Affekt.
Florian schleuderte sein Handy auf den Tisch.
– Also so läuft das jetzt? Wegen ein paar dahingeworfener Sätze lässt du meine Mutter hängen?
– Wegen der Wahrheit.
– Du bist wirklich verwöhnt, Johanna. Lebst seit Jahren in meiner Familie, trägst meinen Namen, und bei 6.000 Euro für die Mutter deines Mannes wirst du plötzlich geizig.
– Für deine Mutter. Nicht für meine.
Er lachte scharf auf.
– Endlich. Da kommt sie zum Vorschein, die echte Johanna.
In diesem Moment ging die Wohnungstür auf. Beatrice trat ein, mit einem Gesicht, als hätte sie bereits geahnt, dass ihr Plan ins Wanken geraten war.
– Florian?
– Sie überweist nicht.
Die Schwiegermutter zog langsam ihr Tuch ab.
– Weshalb?
– Weil ich Ihr Gespräch unten vor dem Haus gehört habe.
Beatrice sah Johanna an. Nicht erschrocken, eher verärgert.
– Lauschen gehört sich nicht.
– Lügen auch nicht.
– Ach, auf einmal sind wir moralisch. Elf Jahre neben meinem Sohn zu leben war dir aber recht. Er hat dich doch die ganze Zeit mitgezogen.
Johanna warf ihrem Mann einen kurzen Blick zu.
– Florian, zeig deiner Mutter die Zahlungen der letzten acht Monate. Miete, Nebenkosten, Einkäufe, die Raten für dein Auto, ihre Medikamente, wenn sie darum gebeten hat.
– Fang jetzt nicht mit deiner Buchhaltung an.
– Doch. Denn „mitgezogen“ ist hier ein ziemlich großes Wort.
Beatrice stellte ihre Tasche auf einen Stuhl.
– Eine Frau unterstützt ihren Mann.
– Und ein Mann betrügt seine Frau gemeinsam mit seiner Mutter?
Florian schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
– Schluss jetzt! Du überweist das Geld, und damit ist die Sache erledigt.
– Nein.
– Dann pack deine Sachen.
Beatrice hob kaum merklich das Kinn. Sie wartete auf das Übliche: Johanna würde den Blick senken, sich erklären, beschwichtigen, darum bitten, dass man sich nicht im Zorn trennte. So war es früher gewesen. Nach Streit. Nach Kränkungen bei Familienessen. Nach diesen Sprüchen über „weibliche Klugheit“, die für Beatrice nichts anderes bedeutete als Schweigen.
Doch Johanna ging ins Schlafzimmer.
Florian folgte ihr.
– Was soll das werden?
– Ich packe.
Er blieb im Türrahmen stehen.
– Heißt das, du gehst?
– Das war dein Vorschlag.
– Ich wollte dir Angst machen!
– Hat nicht funktioniert.
Johanna holte den grauen Koffer vom Schrank. Alt war er, mit abgestoßenem Griff. Sie hatte ihn vor ihrer ersten Dienstreise für neun Euro gekauft. Florian hatte sich immer darüber lustig gemacht.
– Mit dem Schrott willst du losziehen? – fragte er. – Passt ja.
– Ein praktischer Koffer. Er nimmt nur mit, was nötig ist.
Sie legte ihre Unterlagen hinein, ein paar Kleider, den Laptop, die kleine Schachtel mit der Uhr ihres Vaters und eine Mappe voller Belege. Keine blaue Mappe. Eine gewöhnliche aus Pappe, mit Gummizug.
Florian stand daneben und sah zu.
– Heute Abend bist du wieder da.
– Nein.
– Morgen dann.
– Auch nicht.
– Johanna, wer braucht dich denn mit deinen Prinzipien?
Sie zog den Reißverschluss zu.
– Ich.
Beatrice wartete im Flur und musterte sie von oben herab, obwohl sie kleiner war.
– Jetzt hältst du dich wohl für klug? Na schön. Komm mir später aber nicht angekrochen. Florian ist weichherzig, ich lasse dich nicht zurück.
– Das wird nicht nötig sein.
– Ach so ist das.
– Genau so.
Johanna verließ die Wohnung, ohne die Tür zu knallen. Im Treppenhaus roch es nach Farbe und altem Staub. Neben dem Aufzug holte sie ihr Handy hervor und rief Lea an, eine Freundin aus der Zeit, als sie noch im Atelier gearbeitet hatte.
– Lea, ist dein Zimmer noch frei?
– Ja. Was ist passiert?
– Erzähl ich dir später. Kann ich für ein paar Wochen kommen?
– Komm her.
– Ich zahle dir was.
– Erst kommst du her.
Vierzig Minuten später saß Johanna in Leas Küche. Lea stellte ihr heißen Tee hin und schob wortlos einen Teller mit Käse zu ihr. Keine Fragen. Kein Mitleid. Genau das tat besser als jede Tröstung.
– 6.000 Euro? – fragte Lea nach, als Johanna alles erzählt hatte.
– Ja.
– Und du warst schon kurz davor?
– Die App war bereits offen.
Lea sah sie lange an.
– Dein Vater hat dich aus dem Jenseits an der Hand festgehalten.
Johanna zog den Ring ab und legte ihn neben die Tasse.
– Nein. Diesmal habe ich mich selbst festgehalten.
Am nächsten Tag kam Florians erste Nachricht: „Stell dich nicht so an. Komm zurück.“
Eine Stunde später folgte die zweite: „Mama geht es deinetwegen schlecht.“
Am Abend die dritte: „Du zerstörst unsere Familie wegen Geld.“
Johanna antwortete nicht. Sie fuhr zur Arbeit, erledigte die dringenden Aufträge und ging nachmittags zur Bank. Dort legte sie die 6.000 Euro auf einem Sparkonto mit Sperre für Sofortverfügungen an und kappte den Zugriff auf das gemeinsame Rücklagenkonto, auf das sie früher ohne nachzudenken ihr Gehalt überwiesen hatte.
Danach setzte sie sich in ein kleines Café am Fenster und öffnete die Mappe mit den Quittungen.
Das Bild war schlicht. Und hässlich.
Florian hatte sich in den vergangenen Monaten kaum noch an den laufenden Kosten beteiligt. Sein Gehalt schob er stückweise an seine Mutter weiter. Die Ausgaben für Lebensmittel liefen über Johannas Konto.
