„Du bist schließlich meine Frau und keine Fremde.“ sagte Florian spöttisch in der Küche, das Hemd gebügelt und das Handy in der Hand, während Johanna schweigend die Tasse abstellte

Unfassbare Ungerechtigkeit, schamloses Anspruchsdenken verletzt zutiefst.
Geschichten

– Überweise meiner Mutter heute noch 6.000 Euro. Ohne Diskussion, Johanna. Du bist schließlich meine Frau und keine Fremde.

Florian stand mitten in der Küche, das Hemd sorgfältig gebügelt, das Handy in der Hand, als hätte er den Streit längst für sich entschieden. Auf dem Display leuchtete eine Nachricht von Beatrice: „Mein Junge, schieb es nicht hinaus. Mir ist das vor den Leuten unangenehm.“

Johanna stellte ihre Tasse langsam auf den Tisch.

– Vor welchen Leuten?

– Vor ganz normalen Menschen, – fuhr ihr Mann sie an. – Mama hat sich mit Handwerkern abgesprochen. Ihre alte Sozialbauwohnung fällt ihr bald über dem Kopf zusammen, und du hockst auf deinen Ersparnissen wie auf einem Schatz.

– Das ist das Geld meines Vaters.

– Und was ändert das? – Florian verzog spöttisch den Mund. – Eine Familie teilt alles. Auch die Probleme. Oder bist du nur dann eine gute Ehefrau, wenn es nichts kostet?

Johanna sah ihn schweigend an. Sie war zweiundvierzig. Florian vierundvierzig. Seit elf Jahren waren sie verheiratet. In dieser Zeit hatte sie gelernt, jede Nuance seiner Unzufriedenheit auseinanderzuhalten: wann er wirklich selbst wütend war, wann er die Sätze seiner Mutter nachsprach und wann er sie einfach so lange bedrängen wollte, bis sie nachgab.

Diesmal sprach nicht nur er.

Hinter ihm stand Beatrice. Klein, gepflegt, mit silbergrau frisiertem Haar und diesem dauerhaften Blick auf die Schwiegertochter, als sei Johanna eine Angestellte, die man aus reiner Gnade im Haus dulde.

– Johannchen, – zog die Schwiegermutter die Stimme in die Länge, – warum stellst du dich denn so an? Ich verlange doch kein Vermögen. Nur 6.000 Euro. Florian gibt dir das später zurück.

– Wann?

– Wenn er kann.

– Und schreiben Sie mir das auf?

Florian riss den Kopf herum.

– Meinst du das ernst?

– Ja.

– Meine Mutter soll dir einen Schuldschein ausstellen? Die Mutter deines eigenen Mannes?

Beatrice stieß einen leisen Seufzer aus und legte sich die Hand an die Brust. Nicht aus Schmerz. Nicht aus Schwäche. Sondern mit genau der richtigen Wirkung. Sie hatte schon immer verstanden, jede Szene so zu drehen, dass Johanna am Ende als die Schuldige dastand.

– Lass gut sein, Florian, – sagte sie. – Ich habe ja gewusst, dass es so kommt. Fremdes Blut bleibt eben fremdes Blut.

Johanna erwiderte nichts. Sie nahm ihr Handy, öffnete die Banking-App und blickte auf ihr Erspartes. Die 6.000 Euro lagen auf einem separaten Konto. Kurz vor seinem Tod hatte ihr Vater nur einen knappen Satz gesagt: „Wirf nicht alles in den gemeinsamen Topf. Behalte dir etwas, worauf du stehen kannst.“ Damals hatte sie sich darüber gekränkt. Jetzt begriff sie, dass er Menschen einfach sehr klar gesehen hatte.

– Ich überweise es, – sagte sie.

Florian entspannte sich sofort.

– Na also. Du kannst dich doch vernünftig benehmen.

– Ich gehe nur kurz ins Zimmer. Ich muss das Limit bestätigen.

– Mach schnell. Mama geht für einen Moment zur Nachbarin, danach fahren wir zusammen zu ihr.

Beatrice presste die Lippen aufeinander.

– Nicole wartet unten vor dem Eingang auf mich. Ich habe ihr versprochen, ihr die Schlüssel zum Abstellraum zu geben.

Johanna trat in den Flur. Die Tür zum Schlafzimmer stand einen Spalt offen. Sie setzte sich auf die Bettkante, doch sie überwies nichts. Ihre Finger blieben über dem Bildschirm stehen. Aus der Küche hörte sie, wie Florian seiner Mutter leise Tee einschenkte. Dann fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Die Schwiegermutter war hinausgegangen.

Johanna wollte die App gerade schließen, als durch das gekippte Fenster Beatrices Stimme heraufdrang. Die Küchenfenster gingen zum Innenhof hinaus, und die Bank vor dem Hauseingang stand genau darunter.

– Und? – fragte die Nachbarin. – Gibt sie es?

– Wohin soll sie denn ausweichen, – lachte Beatrice leise. – Florian wird sie schon weichklopfen. Sie ist bei uns die Nachgiebige. Läuft ständig herum, als müsste sie sich für alles entschuldigen.

– Und wenn sie das Geld zurückverlangt?

– Dann soll sie eben verlangen. Sie überweist es freiwillig, ohne irgendeinen Vertrag. Hinterher sage ich: Es war ein Geschenk. Hilfe für eine alte Frau. Von Schulden kann keine Rede sein.

Johanna saß wie erstarrt.

– Und die Renovierung? Wird die wirklich gemacht? – wollte Nicole wissen.

– Welche Renovierung denn? – Beatrice kicherte gedämpft. – Ich habe Emilia eine Anzahlung versprochen. Das Mädchen will heiraten, sie braucht es dringender. Und diese hier soll froh sein, dass Florian überhaupt noch mit ihr zusammenlebt. Eine Schwiegertochter ohne Kinder, ohne besondere Schönheit, mit einem durchschnittlichen Gehalt. Eine Geduldete mit Stolz.

– Weiß Florian davon?

– Florian weiß das Wichtigste: Seine Mutter rät ihm nichts Schlechtes. Ich habe ihm gesagt, dass es Zeit wird, Johanna auf ihren Platz zu setzen. Gibt sie das Geld her, ist sie gefügig. Gibt sie es nicht her, gehört sie nicht zur Familie.

Die Sätze fielen gleichmäßig. Sie schlugen nicht ein. Sie brannten nicht. Sie zogen nur langsam einen alten Schleier von Johannas Augen.

Johanna schloss die Banking-App. Danach öffnete sie die Notizen und tippte eine einzige Zeile: „6.000 Euro nicht überweisen.“

In der Küche lief Florian bereits unruhig hin und her. Seine teure Uhr blitzte immer wieder neben seinem Gesicht auf. Er fuchtelte grundsätzlich mit der Hand, wenn er den Eindruck erwecken wollte, er sei der Herr der Lage.

– Was ist denn jetzt? – rief er.

Johanna kehrte zurück.

– Es wird keine Überweisung geben.

Er begriff es nicht sofort.

– Was soll das heißen, keine?

– Es heißt, dass ich deiner Mutter kein Geld schicke.

– Fängst du schon wieder damit an?

– Nein. Ich habe gerade damit aufgehört.

Florian machte einen Schritt auf sie zu.

– Johanna, spiel keine Spielchen. Mama wartet.

– Ich habe ihr Gespräch mit Nicole gehört.

Für einen Augenblick schien die Küche enger zu werden. Florian blinzelte. Dann verzog er den Mund zu einem Grinsen.

LebensKlüber