„Bis Samstag räumt ihr euer Schlafzimmer. Laura zieht ein“ verkündete meine Schwiegermutter am Telefon, nachdem sie Laura schon den Wohnungsschlüssel gegeben hatte

Warmherzig, aber manipulativ und erbarmungslos im Kern.
Geschichten

Anna Möller stand plötzlich im Mittelpunkt, und Laura Hubers eben noch hoheitsvoller Blick nahm binnen Sekunden die Schärfe eines Verhörs an.

„Anna?“, fragte sie leise. „Wenn man es genau betrachtet: Weshalb sollte ich eigentlich nicht bei dir wohnen?“

Anna schluckte hörbar. Mit fahrigen Fingern zupfte sie an ihrer Frisur herum und tat alles, nur um Laura nicht direkt ansehen zu müssen.

„Laurachen … du weißt doch, wie das ist. In meinem Arbeitszimmer liegt überall Staub, und du bist empfindlich. Außerdem haben wir völlig verschiedene Tagesabläufe. Du bist um sechs auf den Beinen und klapperst in der Küche mit Töpfen, während bei mir der Blutdruck verrücktspielt und ich Schlaf brauche … Ich wollte doch nur das Beste! Emilia Meier ist jung, kräftig, für sie wäre es keine große Sache gewesen, ein bisschen nach dir zu sehen!“

„Du hast mir erzählt, Emilia Meier habe das Zimmer von sich aus angeboten und längst alles vorbereitet“, sagte Laura Huber langsam, jedes Wort sauber voneinander getrennt. Ihre Stimme war inzwischen so kalt wie Glas. „Mit anderen Worten: Du wolltest deine beste Freundin in eine fremde Wohnung abschieben, zu Menschen, die nicht einmal mit mir gerechnet hatten, und hast uns alle belogen. Nur damit ich dich morgens nicht beim Schlafen störe? Wirklich bemerkenswerte Großzügigkeit, Anna. Vor allem, wenn andere sie ausbaden sollen.“

Lukas Peters trat einen Schritt vor und löste sich damit endgültig aus dem Halbdunkel des Flurs. In seinem Gesicht war keine Unsicherheit mehr zu sehen, auch kein schlechtes Gewissen.

„Mama, gib den Schlüssel zurück. Den, den du weitergegeben hast. Und deinen eigenen ebenfalls“, sagte er ruhig und hielt ihr die Hand hin.

Anna Möller begriff, dass ihr genialer Einfall nicht nur gescheitert war, sondern sie vor aller Augen unter sich begraben hatte. Mit zitternden Händen kramte sie in ihrer Handtasche nach dem Schlüsselbund, löste zwei Schlüssel ab und warf sie gereizt auf die kleine Kommode im Flur.

„Von mir braucht ihr künftig keine Hilfe mehr zu erwarten!“, verkündete sie, als hätte sie bis eben ganze Berge davon geleistet.

„Anna, keinen Schritt weiter“, befahl Laura Huber mit jener Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch zuließ, und packte den ausziehbaren Griff ihres größten Koffers. „Wir fahren zu dir. Gegen Staub bin ich nicht allergisch. Gegen Heuchelei offenbar schon. Ich werde dein Gästezimmer nehmen. Dann sehen wir nebenbei, wie früher in der DDR angeblich alle einander geholfen haben. Trag bitte den Ficus.“

Kurz darauf polterten hinter der Wohnungstür die Kofferrollen über den Hausflur, während Anna empört darauf bestand, man solle die Blätter des Ficus nicht an der Aufzugwand entlangschrammen lassen.

Lukas Peters sah auf die zurückgegebenen Schlüssel, die auf der Kommode lagen.

„Mama wollte ihrer Freundin helfen“, sagte er trocken. „Jetzt tut sie es endlich. Persönlich.“

Ich nahm die Schlüssel und legte sie in die Schublade. Unser Schlafzimmer blieb unser Schlafzimmer. Und die fremde Großzügigkeit fand den Weg zu der Frau zurück, der sie in Wahrheit gehörte.

LebensKlüber