„Sie isst mit voller Absicht getrennt von uns“ — sagte Erika Schubert am Telefon und drückte es fester ans Ohr

Diese gleichgültige Kälte ist schmerzhaft und unerträglich.
Geschichten

— Sie isst mit voller Absicht getrennt von uns. Als wären wir keine Familie für sie, — sagte Erika Schubert und drückte das Telefon fester ans Ohr. Obwohl sich außer ihr niemand in der Wohnung befand, senkte sie die Stimme. — Komm her, Hannah. Dann kannst du es mit eigenen Augen sehen.

Hannah Schubert, sechsunddreißig Jahre alt und leitende Prüferin beim Sächsischen Rechnungshof, hörte ihrer Mutter zu und rückte dabei gedankenverloren einen Stapel Berichte auf ihrem Schreibtisch gerade. Es war Donnerstag, kurz nach vier. Vor dem Fenster ihres Büros hing feuchter Februarnebel über der Stadt, und unten am Elbufer waren die Laternen bereits angegangen.

— Mama, was heißt denn „mit voller Absicht“?

— Genau das, was ich sage. Wir setzen uns an den Tisch — sie taucht nicht auf. Wir essen — sie treibt sich sonst wo herum. Und später schleicht sie in die Küche, holt ihre Dosen aus dem Kühlschrank und isst allein. Wie eine Fremde. Florian sagt nichts dazu. Die Kinder haben sich schon daran gewöhnt. Aber ich bin die Mutter, und mir tut so etwas weh.

Hannah kannte diesen Tonfall nur zu gut. Erika beklagte sich nicht einfach. Sie fällte ein Urteil. Und sie erwartete, dass ihre Tochter es vollstreckte.

— Ich komme am Samstag, — sagte Hannah schließlich. — Dann sehe ich mir das an.

Sie beendete das Gespräch und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Mila. Die Frau ihres Bruders. Neunundzwanzig. Rettungssanitäterin auf einer Rettungswache in Leipzig. Zwei Kinder: Leon, fünf Jahre alt, und Emma, drei. Sie lebten alle zusammen mit der Schwiegermutter in einer Dreizimmerwohnung in einem älteren Wohnblock; nach dem Tod des Vaters war es nie zu einer räumlichen Trennung gekommen.

Hannah hatte Mila seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Das letzte Mal war bei Emmas Geburtstag gewesen. Damals hatte Mila erschöpft gewirkt: ein blasses Gesicht, dunkle Schatten unter den Augen, ständig beschäftigte Hände — sie räumte weg, stellte Teller hin, brachte Nachschub. Trotzdem hatte sie mit allen am Tisch gesessen. Sie hatte sogar gelächelt.

Was konnte sich in sechs Monaten so verändert haben?

Erika Schubert war einundsechzig, früher stellvertretende Schulleiterin der Schule Nummer siebzehn, seit drei Jahren im Ruhestand. Ihr Mann Thomas Schubert war mit achtundfünfzig an einem Schlaganfall gestorben. Die Wohnung sollte an den Sohn gehen — so hatten sie es noch zu Lebzeiten besprochen, mündlich, ohne Testament. Hannah hatte keinen Streit darum begonnen. Sie wohnte seit Langem in Dresden, hatte ihre kleine Einzimmerwohnung und ihr eigenes Leben.

Florian arbeitete als Meister in einem Leipziger Kunststoffbetrieb, im Schichtdienst: zwei Tage, zwei frei, danach zwei Nachtschichten. Er verdiente etwa 470 Euro. Mila bekam im Rettungsdienst ungefähr 390 Euro. Zusammen waren das 860 Euro für fünf Personen. Erikas Rente lag bei 213 Euro; davon gab sie 150 Euro für den gemeinsamen Haushalt ab, den Rest brauchte sie für Medikamente und Kleinigkeiten. Die Wohnung war zwar abbezahlt, doch der Zustand stammte noch aus den Neunzigern: gelbliche Tapeten, gemusterter Linoleumboden, schwere Heizkörper, die im Winter so stark bollerten, dass die Fensterscheiben beschlugen. Im Bad tropfte der Wasserhahn, und Florian versprach seit zwei Monaten, ihn endlich zu reparieren. Im Kinderzimmer stand ein Etagenbett, das Mila für 40 Euro über Kleinanzeigen gekauft hatte. An einem Samstagabend, als die Kinder schliefen, hatte sie es eigenhändig weiß gestrichen.

Erika war fest davon überzeugt, dass es ihre Aufgabe sei, die Familie zusammenzuhalten. Mahlzeiten hatten bei ihr feste Zeiten: Mittagessen um Punkt eins, Abendbrot um sieben. Jeden Tag kochte sie: Eintopf, Frikadellen, Brei, Kompott. Alles ordentlich, fast wie in einer Schulkantine. Den Speiseplan schrieb sie eine Woche im Voraus in ein Heft mit blauem Umschlag und befestigte ihn mit einem Sonnenblumenmagneten am Kühlschrank.

Mila passte in dieses System nicht hinein.

Nicht, weil sie sich dagegen auflehnte. Sondern weil ihre Dienste mal um sechs Uhr morgens begannen, mal um zwei am Nachmittag, mal um zehn Uhr abends. Rettungsdienst war keine Arbeit am Schreibtisch. Zwölf Stunden auf den Beinen, manchmal sechzehn, wenn jemand ausfiel und eine Schicht übernommen werden musste. Einsätze reichten von Herzinfarkten bis zu betrunkenen Schlägereien. In einem Rettungswagen gab es kein Mittagessen nach Plan.

Wenn Mila nach einer Nachtschicht nach Hause kam, saß die Familie oft schon beim Frühstück. Sie zog sich um, sah nach den Kindern, küsste Leon vor dem Kindergarten, legte Emma zum Mittagsschlaf hin, falls Erika nicht mit ihr spazieren ging. Erst danach aß sie etwas. Leise. In der Küche. Allein.

Nicht demonstrativ. Es ergab sich einfach so.

Doch Erika sah darin etwas anderes. Ablehnung. Geringschätzung. Eine Kampfansage.

Am Samstag nahm Hannah früh den Regionalzug aus Dresden. Um zwanzig nach zehn stand sie vor der Wohnungstür. Ihre Mutter öffnete im Hauskleid und in Hausschuhen, mit jener Miene, die Hannah für sich „Schulleitungsmodus“ nannte: zusammengepresste Lippen, angehobenes Kinn, die Arme vor der Brust verschränkt.

— Komm rein. Ich setze gerade das Essen auf.

In der Wohnung roch es nach gekochten Kartoffeln und angebratenen Zwiebeln. In der Küche brodelte Suppe auf dem Herd. Aus dem Zimmer drangen helle, fröhliche Stimmen aus einem Zeichentrickfilm. Florian war bei der Arbeit und sollte erst gegen sechs zurückkommen. Die Kinder saßen im Zimmer: Emma, in Strumpfhose und einem T-Shirt mit einer kleinen Zeichentrickfigur darauf, baute einen Turm aus Holzklötzen; Leon formte aus Knete etwas, das entfernt an einen Panzer erinnerte.

Hannah ging den Flur entlang. Sie warf einen Blick ins Bad: Auf der Leine trockneten Kindersachen, sorgfältig nebeneinander aufgehängt.

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