— Guten Tag, Laura Huber. Mit dem Schloss ist alles in bester Ordnung. Nur stammt der Schlüssel von jemandem, der hier weder wohnt noch über diese Wohnung verfügen darf.
— Was soll denn dieser alberne Unsinn? — Laura Huber zog empört ihr seidenes Tuch am Hals zurecht. — Anna hat mir versichert, Sie seien informiert. Ich habe einen festen Tagesplan, ich muss mich dringend hinlegen. Und ich hoffe doch sehr, dass Sie für das Mittagessen Kaninchen vom Bauernhof besorgt haben. Ware aus dem Supermarkt vertrage ich nicht.
Genau in diesem Augenblick öffneten sich mit einem leisen Klingeln die Fahrstuhltüren, und Anna Möller schwebte auf den Treppenabsatz, als betrete sie eine Bühne. Offenbar war sie persönlich erschienen, um den Einzug ihrer Schutzbefohlenen zu überwachen. Als sie sah, dass ihre Freundin noch immer vor unserer Tür auf der Fußmatte stand, neben Koffern und mit dem Ficus im Arm, lief ihr Gesicht schlagartig dunkelrot an.
— Emilia! Was führst du hier eigentlich für eine Vorstellung auf? Warum lässt du einen angesehenen Menschen im Zug stehen?
— Anna Möller, nach allen Regeln der Gastfreundschaft gehört dem Gast immer das Beste! — verkündete Laura Huber mit feierlicher Stimme, spürbar ermutigt durch die Verstärkung an ihrer Seite.
— Laura Huber, diese Wohnung gehört mir, — erwiderte ich ruhig und sogar mit einem höflichen Lächeln. — Ich habe Sie nicht eingeladen, bei uns einzuziehen, und ich habe einer solchen Regelung auch nie zugestimmt.
— Du geldgieriges, unverschämtes Frauenzimmer! — kreischte meine Schwiegermutter.
Sie reckte die Brust vor, wie eine aufgebrachte Stadttaube, die bereit war, für ein trockenes Stück Brötchen bis zum Äußersten zu kämpfen.
Hinter mir, im Flur, stand Lukas Peters. Er sagte kein Wort. Er hörte nur aufmerksam zu, wie seine Mutter ihrer Freundin erklärte, weshalb deren Bequemlichkeit offenbar wichtiger war als die Ruhe ihres eigenen Sohnes.
— Anna Möller, sparen Sie Ihre Nerven, — sagte ich, trat einen Schritt vor und wandte mich dann der Dame mit den Koffern zu. — Laura Huber, ich habe nur eine einzige, ganz einfache Frage an Sie. Sie sind doch die beste Freundin meiner Schwiegermutter, nicht wahr?
— Selbstverständlich! Seit vierzig Jahren! — bestätigte sie stolz und richtete sich noch gerader auf.
— Wunderbar. Anna Möller besitzt eine großzügige Dreizimmerwohnung. In einem Zimmer schläft sie, das zweite ist ein Gästezimmer mit einem ausgezeichneten Sofa, und im dritten hat sie ihre Bibliothek eingerichtet, wo sie alte Zeitschriftenstapel aufbewahrt. Weshalb also schickt Ihre beste Freundin Sie ausgerechnet zu ihrer Schwiegertochter in eine Zweizimmerwohnung, in der ich meinen Mann auf ein durchgesessenes Sofa ausquartieren müsste, um anschließend auch noch Ihre Wäsche zu waschen? Warum hat sie Sie nicht bei sich untergebracht, in einem freien, bequemen Zimmer?
Laura Huber drehte sich langsam zu ihrer Freundin um; nun richteten sich sämtliche Blicke auf dem Treppenabsatz auf Anna Möller.
