Dann trat er einen Schritt auf mich zu und presste die Worte zwischen den Zähnen hervor:
„Sophie, hör sofort auf. Mach hier keine Szene. Dieser Overlock läuft dir nicht weg, den kaufst du eben vom nächsten Gehalt. Meine Mutter bittet dich doch nur!“
Ich sah meinen Mann an. In diesem Augenblick fiel der letzte Glanz von ihm ab wie billige Vergoldung. Vor mir stand nicht mehr der Mann, dem ich vertraut hatte, sondern ein kleiner Trickbetrüger, der mit meinem Traum seine Mitgliedschaft im Verein „Vorbildlicher Sohn“ bezahlen wollte.
„Die Vorstellung habt ihr beide doch längst vorbereitet“, sagte ich und deutete auf den Automaten, auf Maria Winter und die neugierigen Zuschauer. „Publikum besorgt, Rollen verteilt, Text einstudiert. Ich habe nur keine Eintrittskarte für eure Premiere gekauft.“
Damit drehte ich mich um und ging durch die Ladenpassage des Einkaufszentrums. Meine Beine zitterten nicht. Mein Herz raste nicht. Stattdessen breitete sich in mir eine beinahe frostige Klarheit aus.
Manchmal zeigt sich Familie eben nicht in schweren Zeiten, sondern vor einem Geldautomaten, wenn dich jemand mit ehrlichen Augen um den PIN-Code für deine eigene Zukunft bittet.
Hinter mir wurden Schritte laut. Sie eilten mir nach. Meine Schwiegermutter jammerte etwas über undankbare Schwiegertöchter, Jonas schnaufte und befahl mir stehen zu bleiben. Ich blieb erst stehen, als ich den Kassenbereich des Geschäfts für Nähtechnik erreicht hatte.
Als Jonas und seine Mutter in die Abteilung stürmten, hielt ich mein Handy bereits ans Kartenlesegerät. Das kurze Piepen der erfolgreichen Zahlung klang für die beiden vermutlich wie ein Trauermarsch auf ihre abgesagten Moorbäder.
„Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Kauf!“, zwitscherte die Verkäuferin begeistert. „Sie haben heute wirklich Glück. Bei vollständiger Bezahlung des Overlocks bekommen Sie im Rahmen unserer Aktion ein professionelles Nähfuß-Set, einen Gutschein für die erste Wartung und eine Teilnehmerkarte für die städtische Handarbeitsmesse für Heimmacherinnen gratis dazu.“
Ich nahm die Belege entgegen. Mein Geld war nicht nur bei mir geblieben. Es hatte sich in den Anfang von etwas verwandelt, das ich mir seit Jahren erträumt hatte. Zwei Meter entfernt standen mein Mann und meine Schwiegermutter mit Gesichtern, als hätte ihnen jemand einen mit Goldbarren gefüllten Transporter direkt vor der Nase weggefahren.
Die Quittung dafür kam schneller, als sie gehofft hatten.
Keine Stunde später rief Maria Winter Jonas unter Tränen an: Die Reservierung im Kurhotel war storniert, die Anzahlung verloren.
Mila Winter veranstaltete einen gewaltigen Wutanfall. Sie hatte nämlich bereits ein Foto ihres gepackten Koffers gepostet, darunter der Text: „Bin dann mal weg und erhole mich von allen Neidern.“ Unter dem Bild hatte jemand spöttisch kommentiert: „Mila, in welchem Kurhotel wohnen die Neider denn?“ Eine Stunde später war das Foto verschwunden, und mit ihm verschwand auch Mila für einen ganzen Tag aus sämtlichen Familienchats.
