Etappe 6. Eine Leere, die keine Freude brachte
Der Umzug fand am letzten Tag des Monats statt.
Die Möbelpacker trugen Kisten hinunter, den alten Sofarahmen, Idas Fahrrad, die Küchenstühle und die Waschmaschine, die Sophie und Sebastian selbst gekauft hatten. In der früheren Wohnung blieben nur kahle Wände zurück, ein fremder, längst abgenutzter Schrank, der Herd und dieser abgestandene Geruch nach Staub und leeren Räumen.
Wilma Schulz kam, um die Schlüssel entgegenzunehmen.
Kaum hatte sie die Wohnung betreten, blieb sie wie angewurzelt stehen.
— Wo ist denn der Kühlschrank? — fragte sie scharf.
— Unserer, — antwortete Sophie ruhig. — Den haben wir mitgenommen.
— Und die Waschmaschine?
— Gehört ebenfalls uns.
— Das Sofa im Wohnzimmer?
— Haben wir gekauft.
Wilma ging langsam ins Zimmer hinüber. Es war beinahe leer. Auf dem Boden zeichneten sich helle Rechtecke ab, dort, wo jahrelang Möbel gestanden hatten. Sophie sah die Wohnung in diesem Moment plötzlich so, wie sie gewesen war, bevor sie hier eingezogen waren: kein Zuhause, sondern bloß Fläche, Wände, Quadratmeter.
— Ihr habt wirklich alles rausgeschleppt? — Wilmas Stimme kippte.
Sebastian fuhr sich müde über das Gesicht.
— Mama, wir haben nur das mitgenommen, was uns gehört.
— Und wie soll man hier jetzt wohnen?
Sophie sah sie an.
— Sie wollten doch selbst über die Wohnung verfügen.
Wilmas Gesicht verlor Farbe.
— Ich bin davon ausgegangen, dass ihr wenigstens das Nötigste dalasst.
— Das Nötige, das Ihnen gehört, ist noch da.
Lina König, die mit ihrer Mutter gekommen war, steckte den Kopf in die Küche und verzog sofort das Gesicht.
— Mama, hier ziehe ich nicht ein. Das ist ja komplett leer.
Wilma wirbelte zu ihr herum.
— Was hast du denn erwartet?
— Na ja… dass sie die Möbel hierlassen. Und dass die Wohnung ordentlich hergerichtet ist. Ich will schließlich ein Atelier eröffnen und nicht erst hier renovieren.
Sebastian lachte leise auf. Es klang nicht spöttisch, eher bitter.
— So sieht also Unterstützung in der Familie aus.
Sophie legte die Schlüssel auf die Fensterbank.
— Wir haben alles geräumt. Genau so, wie Sie es verlangt haben.
Etappe 7. Eine neue Tür
Die neue Wohnung empfing sie mit dem Geruch frischer Farbe, Baustaub und fremder Fußspuren. Für Ida jedoch war sie ein Palast. Sie rannte von Zimmer zu Zimmer, öffnete Türen, stellte sich ans Fenster und drehte sich mit leuchtenden Augen um.
— Ist das hier meins? Wirklich meins?
— Deins, — sagte Sebastian. — Nur die Tapeten suchen wir zusammen aus.
Sophie setzte sich mitten in der Küche auf einen Karton und begann plötzlich zu weinen. Nicht aus Traurigkeit. Es war die Anspannung der letzten Monate, die auf einmal aus ihr herausbrach. Sebastian ließ sich neben sie sinken und legte den Arm um ihre Schultern.
— Wir sind zu Hause, — sagte er.
— Mit einem Kredit für die nächsten zwanzig Jahre.
— Dafür ohne Erpressungen.
Sie lachten und weinten gleichzeitig.
Die ersten Wochen waren unbequem. Sie schliefen auf Matratzen, aßen an umgedrehten Umzugskartons, suchten ständig Salz, Schraubenzieher oder Ladekabel und stritten darüber, welche Vorhänge ins Wohnzimmer passten. Doch jeden Abend, wenn Sophie die Wohnungstür mit ihrem eigenen Schlüssel abschloss, spürte sie eine Ruhe, die sie schon lange nicht mehr gekannt hatte.
Wilma meldete sich zunächst gar nicht. Dann rief sie Sebastian an.
— In der Wohnung ist es kalt. Die Fenster müssen erneuert werden.
— Die Fenster im Schlafzimmer und im Kinderzimmer haben wir damals austauschen lassen, Mama. Auf unsere Kosten. Bei der Küche und dem zweiten Zimmer hast du gesagt, das sei nicht nötig.
— Dann hättet ihr es eben gleich komplett machen müssen!
— Nein.
Dieses kurze Nein war für Sebastian ein neues Wort. Schwer auszusprechen, aber heilsam.
Wilma legte auf.
Etappe 8. Ein Atelier ohne fremdes Geld
Zwei Monate später eröffnete Lina ihr Atelier tatsächlich. Nicht in einem gut sichtbaren Ladenlokal in der Nähe des Marktes, sondern in einer kleinen Ecke neben einer Reinigung. Das Geld dafür kam von ihrer Mutter: Wilma löste einen Teil ihrer Ersparnisse auf, verkaufte den alten Wagen ihres verstorbenen Mannes und lieh sich zusätzlich etwas bei einer Nachbarin.
Im ersten Monat schickte Lina Fotos vom Schild über der Tür in den Familienchat und schrieb begeistert von zufriedenen Kundinnen. Im zweiten Monat beschwerte sie sich über die Miete. Im dritten darüber, dass alle Leute es „billig und sofort“ wollten. Im vierten Monat waren plötzlich die Steuern schuld, die „viel höher ausfielen, als man erwarten konnte“.
Sophie kommentierte nichts.
Eines Abends hielt Sebastian ihr sein Handy hin. Eine Nachricht von Wilma leuchtete auf dem Bildschirm:
„Wenn ihr damals die sechstausend Euro gegeben hättet, hätte Lina richtig starten können. Jetzt quält sie sich nur herum.“
Sophie verzog den Mund zu einem müden Lächeln.
— Also sind am Ende wieder wir schuld.
— Natürlich, — sagte Sebastian. — Wir haben schließlich ihren Traum ohne Geschäftsplan nicht finanziert.
Er tippte eine Antwort an seine Mutter:
„Mama, wir wünschen Lina Erfolg. Aber über unser Geld diskutieren wir nicht mehr.“
Die Reaktion kam fast sofort:
„Du bist mir fremd geworden.“
Sebastian starrte lange auf diese Worte. Dann löschte er die Nachricht.
— Tut es weh? — fragte Sophie leise.
— Ja, — antwortete er. — Aber früher tat es mehr weh, als ich versucht habe, für alle gut zu sein, nur nicht für euch.
Sophie nahm seine Hand.
