Sebastian hörte sich das alles an, wurde rot vor Anspannung und umklammerte das Handy so fest, dass seine Knöchel hell hervortraten. Doch seine Antwort blieb jedes Mal dieselbe:
— Mama, wir geben kein Geld. Und wir ziehen aus der Wohnung aus.
Am fünften Tag schrieb Wilma Schulz direkt an Sophie Lorenz:
„Du hast bekommen, was du wolltest. Du hast meinen Sohn von seiner Mutter getrennt. Ich hoffe, du kannst deiner Tochter später noch in die Augen sehen.“
Sophie las die Nachricht am Küchentisch. Ida saß neben ihr und formte aus Knete ein kleines Haus mit einem roten Dach.
— Mama, wann haben wir denn unser eigenes Zuhause? — fragte sie plötzlich.
Sophie erstarrte.
— Bald, Ida. Ganz bald.
Das Mädchen sah nicht von seinem Knetdach auf.
— Eines, aus dem Oma uns nicht wegschicken kann?
Sebastian, der am Herd stand, wandte sich abrupt ab.
Sophie ging neben ihrer Tochter in die Hocke.
— Ja, — sagte sie leise. — Eines, aus dem uns niemand mehr vertreiben kann.
Noch am selben Abend fanden sie eine passende Anzeige. Eine kleine Dreizimmerwohnung in einem älteren Haus am anderen Ende des Viertels. Keine Hochglanzrenovierung, keine perfekte Küche, keine neuen Böden. Dafür lagen eine Schule, ein Park und eine Bushaltestelle ganz in der Nähe. Der Preis kratzte an ihrer Grenze, aber er war nicht unmöglich.
Sebastian betrachtete die Fotos lange. Dann sagte er:
— Das ist sie.
Sophie nickte nur.
— Morgen sehen wir sie uns an.
Phase 4. Ein Kaufvertrag statt weiterer Demütigung
Die Wohnung war heller, als sie auf den Bildern gewirkt hatte. Die Küche war alt, das Parkett knarrte bei jedem Schritt, und die Fenster gingen auf einen Hof hinaus, in dem mächtige Pappeln standen. Ida entschied sich sofort für das Zimmer neben dem Balkon.
— Hier kommt mein Bett hin, und dort mein Schreibtisch, — verkündete sie. — Und dann sagt keiner mehr, dass wir ausziehen müssen?
Die Maklerin lächelte verlegen. Sophie spürte, wie sich ihr Herz schmerzhaft zusammenzog.
— Niemand, — antwortete Sebastian. — Wenn die Bank zustimmt.
Drei Tage später kam die Zusage.
Wilma Schulz erfuhr es nicht von ihnen. Lina König sah die Anzeige auf Sebastians Handy, als er vorbeikam, um aus dem Wochenendhaus Idas Kinderjacke abzuholen. Noch am selben Tag erzählte sie alles ihrer Mutter.
Am Abend rief Wilma an. Diesmal klang sie nicht verletzt, sondern offen wütend.
— Für eine eigene Wohnung habt ihr also Geld, aber deiner Schwester helfen könnt ihr nicht?
Sebastian stellte den Lautsprecher an. Sophie blieb neben ihm stehen.
— Mama, dieses Geld haben wir drei Jahre lang zurückgelegt.
— Na und? Lina möchte auch ein anständiges Leben führen!
— Dann soll sie arbeiten und sparen.
— Wie kannst du nur so über deine Schwester sprechen?
— Genauso, wie du zu uns gesagt hast, wir sollen ausziehen.
Am anderen Ende wurde es still.
— Das habe ich gesagt, damit ihr endlich nachdenkt.
Sophie sprach ruhig, aber jedes Wort war klar zu verstehen:
— Genau das haben wir getan. Und deshalb kaufen wir jetzt etwas Eigenes.
Wilma Schulz hörte ihre Stimme und fuhr sofort auf.
— Ach, so ist das also! Meine Wohnung ist euch plötzlich nicht mehr gut genug?
— Sie haben uns selbst aufgefordert, sie freizumachen, — sagte Sebastian.
— Ich hätte nicht gedacht, dass ihr das so wörtlich nehmt!
Sophie sah ihren Mann an. Da begriff sie es endgültig. Wilma hatte nie gewollt, dass sie wirklich gingen. Sie hatte gewollt, dass sie Angst bekamen.
Nur war aus dieser Angst inzwischen ein Darlehensvertrag mit der Bank geworden.
Phase 5. Der letzte Monat
Sie begannen, ihre Sachen einzupacken.
Zuerst verschwanden Bücher, Winterjacken und alte Spielsachen von Ida in Kartons. Danach folgten Geschirr, Bettwäsche und Unterlagen. Sophie beschriftete jede Kiste sorgfältig: „Küche“, „Kinderzimmer“, „Dokumente“, „Winter“.
Mit jedem Karton löste sich ein weiteres Stück ihres Lebens von dieser Wohnung.
Wilma Schulz kam zweimal vorbei.
Beim ersten Mal wollte sie kontrollieren, ob sie nicht „zu viel“ mitnahmen.
— Diesen Schrank habe ich gekauft, — sagte sie und blieb im Flur stehen.
— Dann nehmen Sie ihn mit, — erwiderte Sophie gelassen. — Wir haben ohnehin einen anderen bestellt.
Damit hatte Wilma offenbar nicht gerechnet.
— Und die Vorhänge?
— Die können Sie ebenfalls behalten.
— So habe ich das nicht gemeint!
— Wie denn dann?
Wilma presste die Lippen zusammen und ging in die Küche. Dort nahm sie eine Tasse aus dem Regal, die sie Ida vor Jahren geschenkt hatte.
— Die gehört mir.
Ida sagte ganz leise:
— Oma, die hast du mir doch zum Geburtstag geschenkt.
Wilma hielt inne. Für einen kurzen Moment sah es so aus, als schäme sie sich. Aber der Moment verging schnell.
— Na ja… wenn ich sie dir geschenkt habe, dann nimm sie eben.
Sophie legte die Tasse schweigend in den Karton mit der Aufschrift „Kinderzimmer“.
Beim zweiten Besuch brachte Wilma Lina König mit. Lina sah sich in der halb ausgeräumten Wohnung um und sagte:
— Könnte ich später vielleicht hier wohnen? Sie wird ja sowieso frei.
Wilma warf ihrer Tochter einen scharfen Blick zu.
— Das werden wir sehen.
Und genau in diesem Augenblick verstand Sophie: Lina sah sich bereits als neue Hausherrin. Doch Wilma Schulz verfolgte längst ihre eigenen Pläne.
