An jenem Abend kam Ida Meier mit einem Bild zu ihnen. Darauf hatte sie das neue Zuhause gemalt: ein Haus, drei Menschen am Fenster und darunter, in schiefen Kinderbuchstaben: „Hier schickt uns keiner weg.“
Sophie Lorenz legte die Zeichnung nicht zu den Spielsachen. Sie schob sie behutsam in die Mappe mit den Unterlagen zur Wohnung.
Etappe 9. Die leere Wohnung sucht Bewohner
Wilma Schulz versuchte inzwischen, die alte Wohnung zu vermieten.
Doch ohne Möbel, mit nur teilweise erledigten Renovierungsarbeiten und einer veralteten Küche blieb niemand lange interessiert. Die Leute kamen, sahen sich um, stellten ein paar Fragen und verabschiedeten sich wieder. Ein junger Mann sagte es schließlich unverblümt:
— Für diesen Preis müsste hier wenigstens ein Kühlschrank stehen.
Wilma Schulz fühlte sich gekränkt. Noch am selben Tag rief sie Sebastian Bergmann an.
— Ihr hättet den Kühlschrank wenigstens vorübergehend dortlassen können. Für euch war er doch sowieso alt.
— Mama, wir benutzen ihn.
— Dann hättet ihr euch eben einen neuen gekauft!
— Wovon denn?
— Na, wenn ihr eine Baufinanzierung bekommen habt, vertraut euch die Bank ja offenbar.
Sebastian schloss für einen Moment die Augen.
— Mama, ich habe gerade keine Zeit.
Währenddessen klebte Sophie mit Ida bunte Sticker auf die neuen Regalbretter. Sie hörte jedes Wort, aber diesmal stieg kein Zorn mehr in ihr auf. Früher hatten solche Anrufe ihr den ganzen Abend verdorben. Jetzt klangen sie nur noch wie gedämpfter Lärm aus einer Nachbarwohnung.
Eine Woche später stand Wilma Schulz unangemeldet vor ihrer Tür.
Diesmal jedoch wurde sie nicht einfach hereingelassen. Sebastian öffnete nur einen Spalt, die Türkette blieb eingehängt.
— Mama, du hättest vorher anrufen müssen.
Seine Mutter sah ihn fassungslos an.
— Ich bin deine Mutter.
— Trotzdem ruft man vorher an.
Sie versuchte, über seine Schulter hinweg in die Wohnung zu blicken. Sie sah den hellen Flur, die frischen Tapeten, Idas kleine Stiefel an der Wand. Sophie stand weiter hinten und blieb ruhig.
— Ich wollte nur sehen, wie ihr euch eingerichtet habt.
— Jetzt passt es nicht.
Wilma Schulz wurde blass.
— Ihr lasst mich vor der Tür stehen?
Sebastian antwortete leise, aber ohne nachzugeben:
— Wir lernen gerade, in unserem Zuhause nach unseren Regeln zu leben.
Dann schloss er die Tür.
Sophie trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.
— Du hast es geschafft.
— Gerade so.
— Aber du hast es geschafft.
Etappe 10. Wer in der leeren Wohnung zurückblieb
Im Frühjahr stand die alte Wohnung noch immer beinahe leer. Wilma Schulz übernachtete manchmal dort, wenn sie in der Stadt zu tun gehabt hatte, fuhr aber bald wieder in ihr Wochenendhaus zurück. Lina König weigerte sich endgültig, dort einzuziehen: „Das Atelier ist viel zu weit weg, und außerdem ist es dort trostlos.“
So blieb Wilma Schulz am Ende mit genau dem zurück, worauf sie bestanden hatte: mit einer Wohnung ohne Bewohner, ohne Möbel, ohne das Lachen ihrer Enkelin in der Küche, ohne die Nebenkosten, die Sebastian und Sophie früher zuverlässig übernommen hatten, und ohne einen Sohn, der ihre Anrufe noch sofort entgegennahm.
Eines Tages rief sie dennoch Sophie an.
— Vermisst Ida mich? — fragte sie unvermittelt.
Sophie sah zu ihrer Tochter hinüber, die an ihrem neuen Schreibtisch über den Hausaufgaben saß.
— Sie gewöhnt sich ein.
— Ich würde meine Enkelin gern sehen.
— Dann sprechen Sie mit Sebastian. Und bitte vorher, nicht spontan.
— Sophie… damals bin ich zu weit gegangen.
Es war keine wirkliche Entschuldigung. Aber es war auch kein Befehl mehr.
— Ja, Wilma Schulz. Das sind Sie.
Am anderen Ende blieb es still.
— Ich dachte, ihr würdet Angst bekommen.
Sophie schloss die Augen. Da war es endlich. Nicht Reue, aber Wahrheit.
— Wir hatten Angst. Nur nicht auf die Weise, die Sie erwartet haben.
Nach dem Gespräch trat Sophie auf den Balkon. Unten rauschte der Hof, irgendwo wurde eine Autotür zugeschlagen. Aus Idas Zimmer kam ein Lachen, und Sebastian suchte in der Küche nach irgendetwas und fragte laut, wo der Flaschenöffner liege.
Ihr Leben war nicht plötzlich leicht geworden. Die Kreditrate lastete schwer auf ihnen. Die Renovierung verschlang mehr Geld, als ihnen lieb war. Und Sebastians Verhältnis zu seiner Mutter blieb vorsichtig, kühl, von Abstand geprägt. Doch alles Schwierige gehörte nun ihnen selbst. Es waren ihre Entscheidungen, ihre Sorgen, ihre vier Wände — nicht länger Bedingungen, die andere ihnen auferlegten.
Am Abend kochte Sebastian Tee und setzte sich neben Sophie.
— Hat Mama etwas zugegeben?
— Fast. Sie sagte, sie habe gedacht, wir würden uns fürchten.
Er lächelte traurig.
— Und wir haben uns gefürchtet und eine Wohnung gekauft.
— Die beste Angst unseres Lebens.
Da musste er lachen.
Sophie blickte zu der kleinen Schale neben der Tür, in der ihre Schlüssel lagen. Niemand konnte ihnen mehr sagen: „Zum Monatsende zieht ihr aus.“ Niemand konnte ihre Ersparnisse in eine familiäre Abgabe verwandeln. Niemand konnte Hilfe Liebe nennen, wenn dahinter in Wahrheit ein Ultimatum stand.
In der alten Wohnung blieb nur Wilma Schulz zurück.
Mit leeren Zimmern.
Mit einem leeren Platz, an dem einmal ein Kühlschrank gestanden hatte.
Und mit der Erkenntnis, dass man manchmal, wenn man Menschen aus seiner Wohnung drängt, versehentlich auch die Wärme aus dem eigenen Leben vertreibt.
