„Wenn ihr keine Familie sein wollt, räumt die Wohnung bis Ende des Monats“ drohte die Schwiegermutter, worauf Sebastian abrupt aufsprang

Herzlos und berechnend, doch irgendwie erschütternd verständlich.
Geschichten

Etappe 1. Die halbe Erfüllung eines Traums

— Ihr könnt nicht? — fragte die Schwiegermutter gedehnt nach. — Oder ihr wollt einfach nicht?

Sophie Lorenz erwiderte Wilma Schulz’ Blick ohne Hast.

— Wir wollen unsere Anzahlung für die Wohnung nicht in ein Geschäftsprojekt stecken, das niemand sauber durchgerechnet hat.

Am Tisch wurde es so still, als hätte jemand den Ton abgestellt. Sogar Ida Meier, die im Nebenzimmer eben noch mit ihren Buntstiften geraschelt hatte, hielt inne.

Lina König schnaubte verächtlich.

— Ach so. Eure Wohnung ist euch also wichtiger als mein Leben?

— Uns ist das Leben unserer Tochter wichtiger, — sagte Sophie ruhig. — Und die Sicherheit unserer Familie.

Wilma Schulz schob ihre Tasse langsam von sich weg.

— Familie, ja? Gut. Dann reden wir jetzt offen. Seit sechs Jahren wohnt ihr in meiner Wohnung fast umsonst. Hättet ihr zur Miete gewohnt, wären längst gut 10.000 Euro an fremde Leute geflossen. Ich habe euch geholfen. Jetzt ist es an der Zeit, Lina zu helfen.

Sebastian Bergmann legte endlich den Löffel beiseite.

— Mama, wir zahlen die Nebenkosten, wir haben die Küche renoviert, die Fenster austauschen lassen, die Sanitäranlagen gemacht…

— Das habt ihr doch für euch gemacht! — schnitt ihm seine Mutter das Wort ab. — Fang hier nicht an, mir jede Schraube vorzurechnen.

Sophie spürte, wie sich in ihr etwas zusammenzog und kalt wurde. Die Worte ihrer Schwiegermutter waren bitter, aber auf eine grausame Weise nützlich: Sie rissen die letzten Illusionen fort.

— Wilma Schulz, verstehe ich Sie richtig? Sie stellen uns vor die Wahl: Entweder wir geben Lina 6.000 Euro, oder wir ziehen aus?

— Genau so ist es, — antwortete die Schwiegermutter. — Wenn ihr keine Familie sein wollt, räumt die Wohnung bis Ende des Monats.

Sebastian sprang so abrupt auf, dass der Stuhl über den Boden kratzte.

— Mama, ist dir klar, dass wir ein Kind haben?

— Gerade wegen des Kindes solltet ihr dankbar sein. Andere an eurer Stelle würden den Boden küssen.

Auch Sophie erhob sich.

— Ida, pack deine Stifte ein. Wir fahren nach Hause.

Lina verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

— Nach Hause? Noch ist es euer Zuhause.

Sophie wandte sich zu ihr um.

— Merk dir diesen Satz. Irgendwann wirst du selbst hören, wie er klingt.

Etappe 2. Eine Fahrt ohne Worte

Auf dem Weg zurück in die Stadt sprach niemand.

Ida schlief fast sofort ein, die Papierpuppe fest an die Brust gedrückt. Sebastian umklammerte das Lenkrad so stark, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Sophie blickte hinaus auf die Lichter entlang der Straße und dachte daran, wie seltsam das alles war: Sechs Jahre lang hatte sie diese Wohnung ihr Zuhause genannt. Und doch hatte sie tief in sich immer gewusst, dass sie erst dann wirklich ihnen gehören würde, wenn die Schlüssel auch rechtlich in ihren Händen lagen.

— Es tut mir leid, — sagte Sebastian schließlich.

Sophie drehte den Kopf nicht sofort zu ihm.

— Was genau?

Er lachte kurz, aber es klang schmerzhaft.

— Dass ich von unseren Ersparnissen erzählt habe. Dass ich geglaubt habe, Mama freut sich einfach nur für uns, weil wir etwas aufbauen. Dass ich es nicht früher begriffen habe.

— Du wolltest deiner Mutter vertrauen.

— Und sie hat unser Geld gezählt.

— Ja.

Sebastian bog in den Hof ein. Oben im vierten Stock leuchteten ihre Fenster warm und gelb. Dort hatte Ida ihre ersten Schritte gemacht. Dort hatte Sophie auf einem alten Hocker gestanden und Tapeten in der Küche geklebt. Dort hatte Sebastian mitten in der Nacht das Kinderbett aufgebaut und flüsternd geflucht, damit er die neugeborene Tochter nicht weckte.

Und plötzlich war all das nur geliehen.

Zu Hause brachte Sophie Ida ins Bett. Danach holte sie den Laptop hervor.

— Was machst du? — fragte Sebastian.

— Ich suche Wohnungen.

— Jetzt?

— Ja, jetzt. Uns wurde eine Frist bis Monatsende gesetzt.

Er setzte sich neben sie.

— Wir haben 12.400 Euro. Wenn wir die Rücklage nicht anfassen, reicht es für eine Anzahlung.

— Dann bleibt die Rücklage unberührt. Wir schauen nur nach dem, was wir wirklich tragen können.

Sebastian legte seine Hand auf ihre.

— Sophie, ich gebe Lina dieses Geld nicht.

Sie sah ihn prüfend an.

— Auch dann nicht, wenn deine Mutter Druck macht?

— Auch dann nicht, wenn sie mich für einen schlechten Sohn hält.

Zum ersten Mal an diesem Tag atmete Sophie wirklich aus.

Etappe 3. Die Wohnung, für die sie sich nicht aus freien Stücken entschieden

Die folgenden Tage wurden zu einem einzigen Lauf gegen die Zeit. Arbeit, Kindergarten, Wohnungsbesichtigungen, Anrufe bei Maklern, Berechnungen für die Finanzierung. Sophie baute Tabellen, verglich Raten und Nebenkosten. Sebastian fuhr nach seinen Schichten los, um sich Angebote anzusehen.

Wilma Schulz rief jeden Abend an.

Zuerst klang sie weich und beinahe fürsorglich:

— Sebastian, denk doch noch einmal nach. Lina ist doch keine Fremde.

Dann wurde ihre Stimme gekränkt:

— Von dir hätte ich so eine Hartherzigkeit nie erwartet.

Und schließlich sprach sie ohne jede Umschweife:

— Sophie hat dich gegen uns aufgehetzt. Vor ihr warst du noch ein ganz normaler Sohn.

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