In Wahrheit war es vor allem für Sandra Krause bequem.
In ihrer eigenen Wohnung führte sie sich auf wie eine unangefochtene Hausherrin. Sie bestimmte, was abends auf den Tisch kam, wann der Fernseher laufen durfte, zu welcher Uhrzeit Sophie Stein ins Bett musste und welche Dinge gekauft wurden — oder eben nicht.
Laura Albrecht hatte dabei kaum etwas zu melden. Sie wohnte in einem fremden Zuhause und musste sich nach fremden Regeln richten.
— Laura, so kannst du Sophie Stein doch nicht anziehen, das Kind friert ja!
— Warum hast du ausgerechnet diese Wurst gekauft? Ich habe dir doch gesagt, nur die aus dem Angebot!
— Laura, lies Sophie Stein abends nicht mehr vor. Davon wird sie nur aufgedreht!
Maximilian Huber schwieg meistens. Sobald Laura versuchte, ernsthaft über einen Auszug zu sprechen, wich er aus.
— Lass uns doch noch ein bisschen hierbleiben. Was drängt denn so? Mama schafft das allein nur schwer.
— Und ich? Habe ich es leicht? — fragte Laura dann.
— Halt noch etwas durch. Es ist schließlich meine Mutter.
Und Laura hielt durch. Vier Jahre. Dann fünf. Sie ging arbeiten, gab die Hälfte ihres Gehalts an Sandra Krause ab, erzog ihre Tochter und schluckte die Bemerkungen hinunter, wenn die Schwiegermutter ihr Essen, ihre Kleidung oder ihre Art, mit Sophie Stein umzugehen, beanstandete.
Sie wartete darauf, dass Maximilian Huber irgendwann sagen würde: „Jetzt reicht es. Wir ziehen aus.“
Doch dieser Satz kam nie.
Dann starb Lauras Großmutter.
Helena Wagner, die liebe, alte Frau, hatte ihr ganzes Leben in einer kleinen Stadt in einer Zweizimmerwohnung verbracht. Andere Enkelkinder gab es nicht. Nur Laura. Und ihr hatte sie alles hinterlassen.
Die Wohnung war alt und renovierungsbedürftig, lag aber mitten im Zentrum. Laura fuhr zur Beerdigung, ordnete die Unterlagen, räumte alles Nötige und setzte die Wohnung zum Verkauf aus.
Erstaunlich schnell fand sich ein Käufer. Am Ende gingen fünfundzwanzigtausend Euro auf Lauras Konto ein. Es war ein grauer Oktobertag, als sie im Büro saß, die Zahlen in ihrer Banking-App anstarrte und zum ersten Mal seit Jahren spürte: Sie hatte eine Wahl.
Sie erzählte niemandem davon. Nicht Maximilian Huber. Und Sandra Krause erst recht nicht.
Stattdessen begann Laura zu suchen. Sie las Wohnungsanzeigen, vereinbarte Besichtigungstermine, fuhr nach Feierabend durch verschiedene Viertel. Sie wollte nichts Großes. Nur eine kleine Wohnung, sauber, hell und endlich ihr eigenes Reich. Die Lage war zweitrangig, die Ausstattung auch. Entscheidend war nur eines: Sie sollte ihr gehören.
Nach einem Monat fand sie genau das. Eine Einzimmerwohnung in einem Neubau am Stadtrand. Achtunddreißig Quadratmeter, frisch fertiggestellt, helle Fenster, ein ruhiger Innenhof. Der Preis: zwanzigtausend Euro.
Laura kaufte sie noch am selben Tag.
Alles ließ sie auf ihren Namen eintragen. Dann nahm sie die Schlüssel entgegen und fuhr allein hin. Mitten in dem leeren Zimmer blieb sie stehen, hörte auf die ungewohnte Stille und lächelte. Zum ersten Mal seit langer Zeit lächelte sie einfach so, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Das war ihr Zuhause. Nur ihres.
Am Abend wollte sie mit Maximilian Huber sprechen. Ruhig, ohne Streit, unter vier Augen. Sie wollte ihm erklären, dass sie die Wohnung von ihrem eigenen Geld gekauft hatte, dass es Zeit war, bei seiner Mutter auszuziehen, und dass Sophie Stein inzwischen sieben war und endlich ein eigenes Zimmer brauchte.
Doch Sandra Krause erfuhr es vorher.
Wie genau, begriff Laura nie. Vielleicht hatte sie ein Telefonat belauscht. Vielleicht hatte sie in Lauras Tasche gewühlt und die Unterlagen gefunden. Im Grunde spielte es keine Rolle mehr.
Als Laura von der Arbeit zurückkam, wartete die Schwiegermutter bereits auf sie, als hätte sie sich für eine Schlacht gerüstet.
— Du bist eine Verräterin! — schrie Sandra Krause. — Ich habe dich in mein Haus gelassen, ich habe dich mit durchgefüttert, ich habe auf dein Kind aufgepasst, und du machst so etwas hinter meinem Rücken? Dieses Geld hätte in die Familie gehört!
— In welche Familie? — fragte Laura müde.
— In unsere natürlich! Für Maximilian Huber hätte man ein Auto kaufen können! Und für Elisa Bauer etwas für ihre Weiterbildung zurücklegen müssen!
