— Was hast du dir dabei nur gedacht, Laura Albrecht? — Sandra Krauses Stimme bebte vor Empörung.
Laura Albrecht stellte die Einkaufstaschen langsam im Flur ab. Ihre Schwiegermutter stand mitten im Gang, die Arme fest vor der Brust verschränkt, mit einem Gesichtsausdruck, als säße sie einem Angeklagten gegenüber. Neben ihr trat ihr Sohn Maximilian Huber, Lauras Ehemann, unsicher von einem Fuß auf den anderen und sah schuldbewusst zu Boden.
— Was genau soll ich denn getan haben? — fragte Laura müde und zog ihre Jacke aus.
— Du hast eine Wohnung gekauft! Hinter unserem Rücken! — Sandra Krause klang, als hätte Laura das Verbrechen des Jahrhunderts begangen.
— Es ist meine Wohnung. Bezahlt von meinem Geld.

— Was heißt hier dein Geld?! Ihr seid eine Familie! Da gehört alles allen! Und du hast heimlich gespart und dir irgendeine Einzimmerwohnung am Stadtrand gekauft!
Laura schloss für einen Moment die Augen. Die Migräne kroch bereits wieder heran — wie jedes Mal, wenn ihre Schwiegermutter auftauchte.
— Sandra Krause, ich habe die Wohnung verkauft, die ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Das war mein persönliches Vermögen. Ich durfte damit tun, was ich für richtig hielt.
— Aber wir sind doch eine Familie! — ließ Sandra Krause nicht locker. — Maximilian Huber hätte ein Auto gebraucht! Für Elisa Bauer müsste endlich das Zimmer renoviert werden! Und ich brauche seit Monaten einen neuen Kühlschrank! Aber du hast alles für dich allein ausgegeben!
— Ich habe ein Zuhause gekauft. Für mich und meine Tochter.
Sandra Krause schnappte nach Luft, als hätte man ihr ins Gesicht geschlagen.
— Für dich und Sophie Stein? Und Maximilian Huber zählt wohl nicht zur Familie?
Laura hob den Blick und sah ihren Mann an. Er stand da, starrte auf den Boden und schwieg — wie immer.
— Maximilian Huber kann selbst antworten, — sagte sie leise. — Sieht er mich überhaupt als seine Familie?
Vor acht Jahren hatte Laura Albrecht Maximilian Huber geheiratet. Sie war sechsundzwanzig gewesen, er achtundzwanzig. Er arbeitete damals als Manager in einem Handelsunternehmen, sie als Buchhalterin in einer kleinen Firma. Ein Jahr später kam ihre Tochter Sophie Stein zur Welt — ein lebhaftes, lachfreudiges Mädchen mit den Augen ihres Vaters.
Die ersten drei Jahre wohnten sie zur Miete. Sie hatten nicht viel, aber es war ihr eigenes Leben. Sandra Krause kam einmal im Monat vorbei, brachte Kuchen mit, bemängelte die Ordnung in der Wohnung und fuhr anschließend wieder in ihre Zweizimmerwohnung am anderen Ende der Stadt.
Alles kippte, als Maximilian Huber seine Stelle verlor.
Die Kündigung kam plötzlich: Personalabbau, wirtschaftliche Schwierigkeiten, man bedauere sehr. Drei Monate lang suchte er nach etwas Neuem, doch die Angebote waren entweder miserabel bezahlt oder wirkten von Anfang an zweifelhaft. Das Ersparte schmolz dahin. Allein die Miete verschlang fast die Hälfte des Haushaltsbudgets.
— Zieht doch zu mir, — schlug Sandra Krause vor. — Warum sollt ihr Geld für eine fremde Wohnung hinauswerfen? Platz habe ich genug.
Laura wehrte sich dagegen. Sie wusste genau: Ein Umzug zur Schwiegermutter bedeutete das Ende jeder Privatsphäre. Doch Maximilian Huber drängte.
— Laura, das ist nur vorübergehend. Drei, höchstens vier Monate. Ich finde Arbeit, wir legen wieder etwas zurück, und dann ziehen wir aus.
Sie gab nach. Für drei Monate.
Am Ende lebten sie fünf Jahre bei Sandra Krause.
Nach einem halben Jahr fand Maximilian Huber eine neue Anstellung. Das Gehalt war niedriger als früher, aber wenigstens regelmäßig. Laura arbeitete weiter, gab ihrer Schwiegermutter zuverlässig Geld für Lebensmittel und Nebenkosten und legte heimlich kleine Beträge beiseite. Ihr Traum blieb derselbe: endlich eine eigene Wohnung.
Doch Sandra Krause dachte gar nicht daran, sie wieder ziehen zu lassen.
— Wozu wollt ihr ausziehen? — sagte sie immer wieder. — Zusammen ist es doch viel besser! Ich kümmere mich um Sophie Stein, während ihr arbeitet. Ich koche, ich wasche, ich halte alles in Ordnung. Für euch ist das doch bequem.
Angeblich sollte es für alle bequem sein.
